Die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt.
Foto: Jürgen Bauer/Rowohlt

BerlinIn Buchläden habe ich den Roman in den vergangenen Wochen an prominenten Plätzen gesehen; im Empfehlungsregal, auf dem Tisch am Eingang oder gleich neben der Kasse. Das Cover war mir vertraut, weil es bei mir zu Hause ebenso prominent herumlag – bereit, weitergelesen zu werden. Das Lesebändchen steckte zwischen den Seiten 64 und 65. Darüber verging die Zeit, auch wenn sich diese Wochen unter dem Corona-Nebel so anfühlten, als würde man auf der Stelle treten oder nur sehr kleine Schritte gehen.

Eva Sichelschmidts Roman „Bis wieder einer weint“ gehörte Ende Januar zu den ersten Neuerscheinungen des Jahres 2020. Rowohlt gönnte dem Buch die Aufmerksamkeit des frühen Starts, zur Premierenfeier kam der Verleger Florian Illies, von dem damals gerade bekannt geworden war, dass er den Posten wieder verlassen möchte. Das schwach colorierte Foto einer wegschauenden Frau für den Schutzumschlag hatte er ausgesucht. Es erinnert ein bisschen an die deutschen Ausgaben von Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“.

Die Frau, die in diesem Roman erzählt, hat keine Freundin, zumindest die ganze Kindheit über, an die sie sich erinnert. Zu einem eigentlich unglaubwürdigen Zeitpunkt setzen diese Erinnerungen ein. Das Ich, von anderen Suse genannt, das seine Familie vorstellt, ist da gerade zehn Monate alt. Es berichtet von der Beerdigung der Mutter.

Blick von außen und innen

Wie kann man etwas erzählen, von dem man einiges weiß, was man aber nicht selbst erlebt hat? Durch die Offenlegung der Erzählperspektive ist diese Frage von Anfang an da. Die Erzählerin schaut von außen auf die Mutter, Inga, eine stilbewusste junge Frau aus einem Arzthaushalt, beobachtet den Vater, Wilhelm, einen Dressurreiter und ehrgeizigen Geschäftsmann. Sie verschränkt die Episoden von deren Kennenlernen, kurzer Verliebtheit, Hochzeit, Karriere, Elternschaft mit Abschnitten aus der Ich-Perspektive. Da sind die Geborgenheit bei den emotional sehr zurückhaltenden Großeltern, die Konflikte mit der sechs Jahre älteren Schwester, die missglückten Aufenthalte im Kindergarten, der unangenehme Schulalltag.

Als ich das Buch liegen ließ, war ich über Formulierungen gestolpert, die ein Lektor hätte finden sollen. Der Hund „spitzt die Schlappohren“, es gibt Männer, „die im Sitzen die Knie breitbeinig übereinanderschlagen“, eine Küche wird als „stahlglänzend“ und sechs Zeilen später als „chromglänzend“ beschrieben. Auch vermochten die Schilderungen aus dem gutbürgerlichen Milieu der Bundesrepublik am Rande des Ruhrgebiets in den 60er-Jahren mein Interesse zunächst nur wenig zu wecken. Kurz bevor nun die Herbstbücher ausgeliefert werden, bekam das Buch endlich seine zweite Chance. Auf Seite 68 steht: „Ein einziger Satz kann das Leben in vorher und nachher teilen und einen Pflock in die eigene Zeitrechnung rammen.“

Das Cover von „Bis wieder einer weint“.
Foto: Rowohlt

Es ist hier nicht der eine Satz, wohl aber ein dichteres Erzählen. Hat Eva Sichelschmidt mit konventionellen, zum Teil klischeehaften Formulierungen die Herkunftsfamilien von Inga und Wilhelm beschrieben und die Figuren aufeinander zugeführt, gewinnt ihr Stil ab dann an Eigenständigkeit. Der Blick aus der Ich- und der Vogelperspektive wird immer plausibler. Als wäre es tatsächlich eine Frage der Erinnerung, wirken die Schilderungen nun lebendig – auch wenn das Ich nicht wirklich dabei gewesen sein kann. Dabei geht sie nicht einmal chronologisch vor, sondern versetzt die Zeitschichten ihres zweispurigen Schreibens. Ab dem Ende des ersten Teils des in vier große Abschnitte gegliederten Romans hat Eva Sichelschmidt ihren Ton gefunden.

Wie Inga mit der ersten Tochter bis zur Wutglut aneinandergerät, zeigt sich in prägnanten Sätzen. Wie Suse später bei den Großeltern so auf das Alleinsein konditioniert wird, dass sie im Kindergarten an den Erzieherinnen und den Umgangsweisen anderer Kinder verzweifelt, ruft unmittelbar Empathie hervor. Es sind offenbar die Brüche in der Erfolgsgeschichte der Rautenbergs, die der Autorin schreibend näher liegen. Und sie fordert den Leser heraus, mit dem Mädchen mitzugehen und auch seine Launen gutzuheißen. Schließlich läuft der Untertext des Verlustes immer mit. Zur Einschulung folgt, für Suse unerwartet, der Umzug zum Vater. In der Schule ist eine Lehrerin die erste fremde Erwachsene, auf die sie sich einlassen kann. Allerdings: „Sie weiß es, dachte ich. Den Das-arme-Kind-hat-keine-Mutter-Blick kannte ich nur zu gut.“

Ein überzeugender Lügner

Auf der Erzählebene, die dem Vater und seinem Umfeld gehört, kann man verfolgen, wie sich die Gesellschaft verändert, in der Reichtum auch Anerkennung bedeutet, eine schlechte Nachricht oft weitere nach sich zieht. Wilhelms altes Geheimnis, das Inga nur ahnen konnte, beginnt zu bröckeln: Immer nachlässiger verbirgt er seine Bisexualität, macht sich dadurch in den bigotten Oberschichts-Kreisen auch angreifbar. Ein Lügner, so weiß die auktoriale Erzählstimme, „kann eben nur in dem Maße überzeugend sein, in dem er an seine erfundenen Geschichten glaubt“.

Es steckt eine Menge Lebensstoff in diesem Gesellschaftsroman. Eva Sichelschmidt streift Fragen der Erziehung, beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Geschlechter und der Generationen. Auch Geschwisterliebe hat bei ihr verschiedene Formen. Das alles lässt über Holperstellen hinwegsehen und das Buch auf eine erfreuliche Art unterhaltsam erscheinen. Und vielleicht kann man die Autorin, die übrigens in Berlin-Mitte den Laden Whisky & Cigars betreibt, auch irgendwann aus dem Roman lesen hören. Denn damals, an jenem Abend vor der Pandemie, klang das sehr schön.

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint. Roman. Rowohlt, Hamburg, 2020. 478 S., 22 Euro