Jury-Vorsitzende Cate Blanchett bei der Abschlussfeier der Filmfestspiele von Venedig.
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Auch wenn Hollywood diesmal nicht nach Venedig kam, gibt es doch einen amerikanischen Gewinnerfilm – allerdings einen, der nicht im Studio entstand. „Nomadland“, das semi-dokumentarische Roadmovie über den aus der Not geborenen Pioniergeist von Menschen, die in Wohnmobilen leben, gewann dort am Sonnabend den Goldenen Löwen.

Es ist ein imponierender Film, der den Verlierern des Kapitalismus eine Stimme gibt: Rentnern, die aus ihren Häusern ausziehen mussten und nun zu Pionieren werden. Trotz ihrer prekären Situation entdecken viele von ihnen noch einmal die Schönheit der amerikanischen Landschaften, schwärmen ohne Zweckoptimismus von ihrer neuen Freiheit. Frances McDormand, die große Charakter-Darstellerin, hat den Film produziert und spielt darin selbst eine der Realität nachempfundenen Figur: eine arbeitslos gewordenen Fabrikarbeiterin, die nun in Amazons Versandstationen oder als Erntearbeiterin schuftet. Sie ist der Anker- und zugleich der Schwachpunkt des Films, denn ihre Szenen treten in Konkurrenz zu der Authentizität, die die Regisseurin Chloé Zhao einfängt.

In der Dankesbotschaft, die per Video bei der Preisverleihung eingespielt wurde, redete fast nur der Star. Dabei ist die 38-jährige Zhao eine Filmkünstlerin, der die Zukunft gehört. Schon 2017 bewies sie mit „The Rider“ ein Auge für die Zeitlosigkeit der Western-Ästhetik. Ihr nächster Film, der Marvel-Blockbuster „The Eternals“, ist bereits abgedreht.

Es war ein denkwürdiges Festival, das schon im Umgang mit einem kleinen Skandal, der ihm vorausging, die richtige Haltung einnahm: Der rumänische Filmemacher Cristi Puiu flog wenige Tage vor Beginn aus der Jury, nachdem er erklärt hatte, es sei „unmenschlich“, seine Filme mit Schutzmasken anzuschauen. Hollywoodstar Matt Dillon fand sich spontan bereit, ihn zu ersetzen. Tatsächlich herrschte während des Festivals ein Gefühl außerordentlicher Sicherheit. Die Maskendisziplin war eine Selbstverständlichkeit. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Festivals: Wenn man es richtig anstellt, kann man wieder beruhigt ins Kino gehen.

Auch künstlerisch war in Venedig einiges geboten

Meisterwerke wie Gianfranco Rosis dokumentarisch-künstlerische Reise an die Randgebiete des Syrienkriegs, „Notturno“, waren rar. Aber gerade an den Rändern des Festivals war Erstaunliches zu finden. Indien etwa schafft es nur selten in einen Wettbewerb. „The Disciple“ von Chaitanya Tamhane, der nun mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde, ist zwar ein Musikfilm, aber das denkbare Gegenteil eines Bollywoodmovies. Thema ist ein auch im eigenen Land aussterbender Randbereich der klassischen Musik, der Raga-Gesang. Der Spielfilm verfolgt den steinigen Weg eines Schülers dieser wirtschaftlich undankbaren Profession. Wie in den Werken des japanischen Meisters Yasujirō Ozu verhält sich die Kamera meist statisch – auf Sitzhöhe der Protagonisten. In all seiner Bescheidenheit ist es ein großer Film über die Vermittlung von Musik. Nicht, dass man selbst zum Experten für indische Musik würde, aber aus dem Fremden ist etwas Vertrautes geworden.

Ein unbekanntes Filmland ist das kleine Belize, der 400.000-Einwohner-Staat an den Grenzen von Mexiko und Guatemala. In „Tragic Jungle“ führt die mexikanische Regisseurin Yulene Olaizola in die Dschungel hinter den Karibikstränden und erzählt dabei einen Maya-Mythos neu. Es ist die Sage von Xtabay, einem weiblichen Dämon, der Männer mit ähnlichen Absichten in den Urwald lockt – wie hierzulande Loreley oder Undine ihre Opfer in die Fluten. Angesiedelt in den 20er-Jahren führt der Film eine Gruppe von Männern, die Gummibäume abernten, in eine Joseph-Conrad-hafte Finsternis. Olaizola suchte für die Frauenrolle nach einer Laiendarstellerin und fand in der Debütantin Indira Andrewin ein Naturtalent mit faszinierender Leinwandpräsenz. Doch die wahre Verführungskunst gelingt der Filmemacherin, ebenbürtig den großen Traumerzählern des Kinos an den Grenzen zur mysteriösen Wirklichkeit: Werner Herzog, Pedro Costa, Lucrezia Martel oder Apichatpong Weerasethakul.

Hufeisentheorie: Die größte Film-Enttäuschung kam aus Deutschland

Wie immer bei einem großen Festival überstrahlen Entdeckungen die Enttäuschungen. Die wohl größte kam aus Deutschland. Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg“) erzählt in „Und morgen die ganze Welt“ von der Radikalisierung einer jungen Adelstochter in der Antifa. Nach wenigen Wochen zweifelt die Jurastudentin im ersten Semester am Nutzen von Farbbeuteln im Kampf gegen die Neonazis; schließlich gibt es ja auch das elterliche Jagdgewehr. Über die Inhalte des linken Protestes wird kaum gesprochen, und auch zur Charakterisierung des bürgerlichen Hintergrunds braucht es nur einen Vater, der überzeugt ist: Wer unter dreißig nicht links sei, habe kein Herz, wer es danach noch sei, keinen Verstand.

Als die Protagonistin und ihre Gefährten in ein Neonazi-Domizil einbrechen, wird die Geschichte zum Enid-Blyton-haften Minikrimi: Die Regisseurin von „Hanni und Nanni 2“ lässt sie gleich ein Sprengstoffversteck ausräumen, was sie vor die bange Frage stellt: Was machen wir jetzt mit dem Zeug? Man will der Regisseurin nicht unterstellen, linken und rechten Extremismus bewusst gleichzusetzen, wie es in der deutschen Innenpolitik eine unselige Tradition ist. Doch es fehlen die Zwischentöne in der Milieuzeichnung, um das auszuschließen. Die Jurys des Festivals zeigten sich entsprechend unbeeindruckt. Das Kino aber ist zurück - in seiner ganzen Vielfalt.