Die erste Enttäuschung muss man überwinden. Das kleine Gespenst sieht aus wie ein Marshmallow mit Kissenbezug. Also wirklich, da müsste die Tricktechnik heutzutage doch mit etwas Besserem aufwarten können! Die computergenerierte Gestalt mit der frechen Stimme von Anna Thalbach soll nun eine der berühmtesten Figuren des Kinderbuchautors Otfried Preußler und des Zeichners F. J. Tripp sein. Doch sonst stimmt alles Wesentliche.

Bald fünfzig Jahre alt ist diese Geschichte vom nachtaktiven Bewohner der Burg Eulenstein, der unbedingt die Welt einmal im Hellen sehen will. Sie spielt in einer deutschen Kleinstadt, und in einem beschaulichen Städtchen mit verwinkelten Gässchen und hübschen Häuschen wurde auch gedreht. Die Burg sieht erwartungsgemäß alt und ehrwürdig aus. Die Amtspersonen, allen voran Uwe Ochsenknecht als Bürgermeister und Aykut Kayacik als Burgverwalter, wirken Preußler-gemäß altmodisch und umständlich. Der Uhrmacher Zifferle, gespielt von Herbert Knaup, hat im Film eine wichtigere und vielschichtigere Rolle als im Buch.

Das kleine Gespenst wird eines Tages um zwölf Uhr mittags wach, wie erträumt, doch die Zumutungen des Tageslichts sind nicht zu unterschätzen. Es war Preußlers genialer Einfall, das vorwitzige Wesen durch Sonneneinwirkung nicht erbleichen, sondern schwarz werden zu lassen. Dieser Einfall trägt auch den Film über eine lange, abwechslungsreiche Strecke.

Lustiger doppelter Boden

Für die erwachsenen Mitgucker, die noch die Aufregung um das getilgte Negerlein aus Preußlers Buch „Die kleine Hexe“ im Kopf haben, hat die Geschichte hier einen lustigen doppelten Boden. Denn das Gespenst richtet als „Der schwarze Unbekannte“ allerlei Unfug in der Stadt an, die örtliche Zeitung berichtet in großen Lettern. Der Bürgermeister erregt sich fürchterlich über den Schwarzen, während ihm ein Postbote mit dunkler Hautfarbe Briefe auf den Tisch legt. „Na, schau’ns net so“, sagt der Mann in breitem Bayrisch, „i bin’s net.“

Der Charme dieses Films besteht vor allem darin, wie er das Verhältnis zwischen der heilen, altmodischen Kinderbuchwelt und der Gegenwart der Zuschauerkinder austariert. Das ist wesentlich besser gelungen als bei einer kritzeligen Zeichentrickverfilmung zu Anfang der 1990er-Jahre. Vielleicht bedurfte es einfach des frischen Blicks eines Regisseurs wie Alain Gsponer, der zehn Jahre jünger ist als Preußlers Buch

So angenehm es wirkt, wie die Putzigkeit des Ortes und die Spießigkeit mancher Erwachsener aus der Geschichte erhalten sind, so klug war es, die jungen Hauptdarsteller heutig erscheinen zu lassen. Die Buch-Kinder wirken nicht nur durch ihre Namen Herbert, Günther und Jutta papieren und steif. Im Film heißen sie Karl, Marie und Hannes; sie passen mit ihrer Art zu reden, ihrer Körpersprache und den modernisierten Dialogen prima ins Hier und Jetzt. Und so ergibt sich aus einer alten Kulisse, neuen Figuren und einer Fantasy-Figur ein zeitloser Spaß.

Das kleine Gespenst Dtl./Schweiz 2013. Regie: Alain Gsponer; Drehbuch: Martin Ritzenhoff nach dem gleichnamigen Buch von Otfried Preußler, Kamera: Matthias Fleischer, Darsteller: Uwe Ochsenknecht, Herbert Knaup, Bettina Stucky, Jonas Holdenrieder, Emily Kusche, Nicon Hartung u. a.; 92 Minuten, Farbe, FSK o. A.