Berlin - Eines der größten Kunstquartiere von Berlin befindet sich in den Gerichtshöfen. In Gesundbrunnen und zwar in unmittelbarer Nähe zum grünen Humboldthain erstreckt sich zwischen der Gerichtstraße und der Wiesenstraße über mehrere Hinterhöfe hinweg eine 1912 erbaute Fabrikanlage. Schon seit den frühen Achtzigerjahren nutzen Künstler die Räume zum Wohnen und Arbeiten. An diesem Wochenende öffnen sie ihre Ateliers und laden Besucher und Nachbarn ein, sich in den Werkstätten und Höfen umzuschauen.

In den Gerichtshöfen gibt es sie noch, die „Berliner Mischung“ aus Wohnen, Gewerbe und Handwerk. Im mittleren Hof am Aufgang 2 befindet sich an beiden Tagen der zentrale Infostand. Neben Plänen und Programmen gibt es dort auch auch Sitzgelegenheiten, Speisen und Getränke. Vor allem aber beginnen dort die einstündigen kommentierten Touren durch die Ateliers. Mit kompetenten Guides wie den Galeristen Tobias Wachter (Galerie Irrgang) und Andreas Hermann (mianki.Gallery) sowie der Kuratorin und Journalistin Maxi Broecking können Besucher Werkstätten aus den verschiedensten künstlerischen Bereichen besuchen. Gutes Schuhwerk ist ratsam, denn es geht treppauf und treppab über die vielen Höfe und Eingänge zu insgesamt 69 Ateliers. Außerdem gibt es noch die Gast-Etage, auf der 20 eingeladene Künstler ihre Werke präsentieren.

Das Kunstquartier waren früh Teil einer Fabrik

Auch gibt es zahlreiche Sonderveranstaltungen. Im 3. Hof zeigt beispielsweise der Lichtkünstler Günter Ries am Sonnabend eine Licht-Klang-Installation in Zusammenarbeit mit dem Saxofonisten Joachim Gies und dem Percussionisten Ravi Srinivasan. Am Sonntag lädt der Fotograf Jan von Holleben ab 15 Uhr zum Foto-Event „Mega-Monster-Foto-Portraits“ in sein Atelier.

Wo heute Künstler aus der ganzen Welt leben und arbeiten, befand sich ab 1860 ein Fabrikgebäude mit Speicher, Pferdeställen und Wagenremisen. Eigentümer war die „Chemische Fabrik J.D. Riedel AG“, die Arzneimittel, Chinin und Grundstoffe für Glühstrümpfe der bekannten Berliner Gaslaternen herstellte. Diese teilweise explosiven Chemikalien wurden in einem Aether-Keller gelagert. 1912 wurden die alten Gebäude abgerissen. J.D. Riedel gründete die „Industriestätte Nordhof“, die bis heute fast unverändert erhalten geblieben ist. Damals wurde das vierstöckige Fabrikhaus mit großen Fenstern, glasierten Ziegeln und elektrischen Aufzügen ausgestattet – alles ganz modern. Ein Teil des Gebäudes wurde 1945 zerstört.

In den Gerichtshöfen wird eine offene Atelierkultur gelebt

Wegen wirtschaftlicher Probleme standen in den Achtzigerjahren viele Gewerbeflächen in West-Berlin leer. Künstler entdeckten die alte Fabrik und konnten große Räume günstig von der Wohnungsbaugesellschaft Gesobau mieten. Viele andere Künstler folgten und engagierten sich für die Höfe.

Von Anfang an war es ihnen wichtig, gemeinsam zu arbeiten und eine offene Atelierkultur zu leben. Sie haben die Gerichtshöfe zu einem Ort des lebendigen Austauschs für Nachbarn, Künstler und Kunstbegeisterte gemacht. Am Wochenende haben Sie die Möglichkeit, in den Weddinger Kunstkosmos einzutauchen.

Vor dem Besuch lohnt ein Spaziergang durch den Volkspark Humboldthain, der mit einem Rosengarten, baumreichen Wegen und ruhigen Alleen als Gartendenkmal geschützt ist. Der erste Spielplatz, der je in einem Berliner Park gebaut wurde, befand sich dort.