„Es ist schön, dieses Alter. Meine jetzige Lebensphase empfinde ich als eine sehr schöne“: Katharina Thalbach in ihrer Garderobe am Berliner Schillertheater.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinMan trifft Katharina Thalbach noch immer am ehesten im Theater: Im Theater ist sie schon von ihrer Mutter  gesäugt worden,  die zu den Stars der ersten Stunde an Brechts Berliner Ensemble gehörte, und als die Mutter 1966 starb, war ihr das Theater Ersatzfamilie und Zufluchtsort.   Sie empfängt uns in ihrer Garderobe am Schillertheater, am Abend wird sie dort die Hauptrolle in dem Komödien-Klassiker „Hase Hase“ spielen, an der Seite ihrer Tochter Anna und ihrer Enkelin Nellie, die in dem Stück ihre älteren Schwestern darstellen. Es ist die letzte Woche der Inszenierung. Danach beginnen im gleichen Haus schon wieder die Proben für die Bühnenfassung von „Mord im Orientexpress“, die Katharina Thalbach selbst inszeniert, und den Hercule Poirot gibt sie gleich auch noch. Premiere ist am 22. März.

Ab und zu macht sie aber  Urlaub vom Theater, dann beseelt sie das Kino. Und weil sie dabei gar so hinreißend war zuletzt, hat sie am kommenden Mittwoch einen wichtigen Termin: Da wird ihr im Babylon der Ernst-Lubitsch-Preis verliehen, für ihre Rolle in dem Filmmusical „Ich war noch niemals in New York“.   Der Preis für die beste komödiantische Leistung im deutschen Kino fehlte ihr noch in ihrer eindrucksvollen Trophäensammlung. Und er bedeutet ihr auch deshalb besonders viel, weil sie immer davon geträumt hatte, die Hauptrolle in einem Musikfilm zu spielen, zumal wenn es die Songs von Udo Jürgens sind: „Ich liebe Schlager, habe ich immer geliebt“, sagt sie. Für jemanden, der am Berliner Ensemble großgezogen wurde, ist das absolut ein Statement.

Frau Thalbach, Sie sind eben 66 geworden. Halten Sie es so wie Udo Jürgens?

Sie meinen, ob das Leben jetzt erst anfängt? Ich habe vor allen Dingen das Gefühl, dass es nicht aufhört. Das ist das Allerschönste: Dass es schön ist, dieses Alter. Meine jetzige Lebensphase empfinde ich als eine sehr schöne. Also ja, toll.

Gedanken wie: „Schon wieder ein Jahr älter“ lassen Sie nicht an sich ran?

Nein. Denn was ist denn die Alternative? Sterben?

Wie halten Sie es denn sonst mit Udo Jürgens?

Ich war schon in New York, mehrmals.

Und sonst? Hatten Sie schon vor „Ich war noch niemals in New York“ eine Beziehung zu Udo Jürgens und seiner Musik?

Na ja klar. Udo Jürgens war schon einer, der einem auch in der DDR aufgefallen ist. Der sah gut aus, die Musik hatte Flair, und bei „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ hab ich mich absolut angesprochen gefühlt. Ich kann es Ihnen jetzt nicht genau sagen, wann das rauskam, aber als ich es zum ersten Mal gehört habe, war ich 17 und blond. Der hat mich schon angesprochen, vermutlich mehr als alle anderen Schlagerleute aus dem Westen.

Sie sind Jahrgang 54, Sie müssten also ...

… genau, ich war Teenager, als die Beatles groß waren und die Stones, und ich musste mich daran gewöhnen, dass ich die Texte nicht mehr alle verstand. Das machte auch nichts. Aber dann war da noch Udo, und der hat einfach gute Lieder gemacht. Das hatte einerseits was vom guten alten Schlager, war aber doch was anderes. Da war Jazz drin, da war eine Musikalität drin, die andere nicht hatten, das war smart. Gut, ich hatte keine Platten von ihm, und wenn jemand in den Westen gefahren ist, dann hab ich doch eher was anderes bestellt.

Es gab Udo Jürgens nicht in der DDR?

Nee. Udo-Jürgens-Platten gab’s nicht. Ich meine, „Ich war noch niemals in New York“, das wäre ja der blanke Hohn gewesen. Obwohl das rauskam, als ich schon im Westen war.

Vornehme Aufgabe: Katharina Thalbach tanzt mit Uwe Ochsenknecht auf dem Tisch.
Foto: Universal Pictures

Für jemanden, der politisch engagierten Künstlerkreisen in der DDR entstammt, überrascht das Bekenntnis zum Schlager dennoch.

Quatsch! Musik ist Musik, und sie fragt sich nicht, aus welchem kulturellen Umfeld du kommst. Entweder sie nimmt dich mit oder nicht, das ist das Einzige, was zählt. Und ob sie genau jetzt das richtige ist für deine Stimmung. Ich meine, wenn ich alleine bin, dann höre ich am liebsten Renaissance-Musik, da rennen alle immer weg, aber ich find die toll. Ich hab auch immer „Schlager der Woche“ gehört als Mädchen, ich hab aber auch Jimi Hendrix gehört. Das hat einander nie widersprochen. Und ich habe Mozart gehört und Alban Berg.

Roy Black?

Das vielleicht nicht.

War Ihnen das zu kitschig, zu manipulativ?

Vielleicht, ich weiß es nicht. Musik wirkt ja nur dann, wenn du das Gefühl hast, sie ist für dich geschrieben, für den Moment, den du jetzt erlebst. Da, muss ich sagen, waren Schlager früher auch näher dran. Die waren witziger. So in den 60er-Jahren, wo ich die auch alle auswendig konnte, waren die einfach witziger, auch musikalisch. Heute wird ja alles nur noch so mit diesen elektronischen Instrumenten gemacht, die klingen alle ähnlich. Das habe ich anders in Erinnerung. Ob das jetzt „Und hau ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein“ war oder „Liebeskummer lohnt sich nicht“ oder „Schöner fremder Mann“ – das hatte einfach Witz, ich mochte das.

„Du hast den Farbfilm vergessen.“

Klar. Damit hat Nina natürlich den Vogel abgeschossen. Ein Meilenstein.

Dass Sie mit 66 nochmal singend und tanzend einen der renommiertesten deutschen Schauspielerpreise gewinnen würden, hätten Sie aber auch nicht gedacht.

Hab ich mir nicht träumen lassen, nein. Und ich freu mich halt auch so, weil: Dass ich überhaupt in meinem Leben einmal in einem Atemzug genannt werde mit Billy Wilder und Ernst Lubitsch, das ist göttlich.

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Was ist denn Ihr Lieblingsfilm von Lubitsch?

Schon „Sein oder Nichtsein“. Aber ich mag auch „Blaubarts achte Frau“ mit Gary Cooper und David Niven. Und „Rendezvous nach Ladenschluss“, der wird ja gezeigt am Abend der Preisverleihung, darauf freue ich mich wahnsinnig, den auf der großen Leinwand noch mal sehen zu dürfen.

Sie haben schon einige Preise gewonnen, der scheint Ihnen aber sehr viel zu bedeuten …

Billy Wilder hat ihn gestiftet oder die Idee dazu gehabt. Billy Wilder! Ich glaube, ich habe „Some Like It Hot“ hundertmal gesehen, bestimmt.

Haben Sie Billy Wilder mal kennengelernt?

Nein, leider nicht. 1993 war er noch mal in Berlin und hat auf der Berlinale den Ehrenbären bekommen, aber ich habe ihn nicht getroffen. Aber ich hatte immerhin einen indirekten Kontakt über Volker Schlöndorff, der ihn gut kannte und mit Karasek dieses herrliche „Billy Wilder, wie haben Sie’s gemacht?“ gemacht hat, diesen Interviewfilm. Ich kenne also jemanden, der Billy Wilder kannte. Wow!

Bei der Preisverleihungsgala werden Sie wohl Nicola Lubitsch kennenlernen, die Tochter von Ernst Lubitsch.

Ja, stellen Sie sich das vor. Da weiß ich jetzt gar nicht, was ich sagen soll. Ich sagte ja schon, ich bin gerade in einer sehr schönen Lebensphase.

Volker Schlöndorff wird die Laudatio halten, und Mario Adorf bekommt den Ehrenpreis …

Ja, wir alten Säcke treffen uns da alle.

Eine Anekdote vom „Blechtrommel“-Set bitte, bevor Schlöndorff sie erzählt.

Sicher die Szene mit Mario, wo er es auf dem Sofa mit mir treibt, die meinen Sie, oder?

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Was war da?

Ich hab mir vernünftigerweise so viel Watte zwischen die Beine gelegt und schwarzes Molton drüber, dass ich Mario, der ja unten bar war, also nackt mit Gehänge, dass ich sagte: Mario, du kannst jetzt machen, was du willst. Hat er dann auch, und wir haben uns ohne Angst amüsiert und konnten spielen.

In „Ich war noch niemals in New York“ spielen Sie eine Frau, die Ihre Erinnerungen verloren hat.

Im richtigen Leben wäre das natürlich schlimm.

Leben Sie viel in Erinnerungen?

Klar, allein schon beruflich. Stellen Sie sich vor, ich stehe auf der Bühne und kann mich an meinen Text nicht erinnern. Vor kurzem habe ich in der Vorstellung von „Hase Hase“ meine Zähne verloren, das war schon eine Katastrophe.

Ihre Zähne?

Die falschen Hasenzähne.

Ach so.

Die Leute haben sich zum Glück amüsiert, aber ich habe gelitten und verzweifelt meine Zähne auf der Bühne gesucht.

Wird man mit zunehmendem Alter sentimentaler? Nach dem Motto: Früher war alles besser?

Nein. Oder doch? Ich meine, man erinnert sich natürlich an Sachen, und man bekommt so Anwandlungen – hach, das war schon ganz schön bei uns damals. Aber das hat immer was mit den Erinnerungen an die eigene Jugend zu tun, die man ja tendenziell als glücklich und unbeschwert empfindet, selbst wenn sie das nicht war. Ich habe auch sehr schreckliche Zeiten erlebt.

Sie haben Verlust erlebt.

Ich meine jetzt nicht einmal unbedingt persönlich. Ich meine auch die Pershings, den Kalten Krieg – ich meine, wir hatten damals wirklich und berechtigterweise Angst vor einem Atomkrieg. Das war nicht lustig, und das wird es auch in der Erinnerung nicht.

Besonders in Ostdeutschland ist es ja wieder weit verbreitet zu sagen, dass früher alles besser war.

Ach, ich weiß es nicht. Ist das so?

Es gab Arbeit, bezahlbare Wohnungen …

Na klar, das waren nicht die Sachen, um die man sich Sorgen machen musste. Dass man sich daran gerne erinnert, das verstehe ich. Dass man darüber vergisst, dass die Wohnungen oft in einem Zustand waren, der katastrophal war, ist wieder eine andere Geschichte.

Sie sind mit 22 in den Westen gegangen. Gab es je einen Moment, in dem Sie das bereut haben?

Nein, nie. Das mit dem Bereuen ist sowieso eine schwierige Angelegenheit im Leben, denn man kann es ja eh nicht ändern. Das ist also eine sehr unpraktische Haltung, und ich bin ein eher praktischer und pragmatischer Mensch. Natürlich musste ich mich an ein paar Dinge gewöhnen, an manche auch eher mühsam. Aber das war ein Schritt, der sein musste …

… Sie und Ihr damaliger Freund Thomas Brasch gehörten zu den Unterzeichnern der Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, und Sie standen vor der Wahl, entweder die Unterschrift zurückzuziehen oder beruflich kaltgestellt zu werden.

Es war klar, dass der Schritt endgültig sein würde, und ich habe das auch hinterher nie infrage gestellt.

Sie glaubten ja an sich an den Sozialismus und an ein anderes, besseres Deutschland.

Das taten viele im Westen auch, das war ja keine exklusive Sehnsucht der Ostdeutschen. Ich glaube im Übrigen immer noch daran und denke, dass der Kapitalismus nicht die bestmögliche Gesellschaftsform ist. Daran hat sich nichts geändert.

Finden Sie denn, die Deutschen haben die Wiedervereinigung ganz gut hingekriegt?

Also, was mich nach wie vor glücklich macht, ist, dass alles ohne Gewalt gegangen ist. Und es hätte auch anders ausgehen können. In den zwei Weltkriegen hatten sich die Deutschen ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was Gewaltlosigkeit betrifft. Dass sie es da einmal geschafft haben, dass sie auch der Welt gezeigt haben, eine Revolution friedlich hinzubekommen, das ist schon toll. Dass andere Umbruchsprozesse, andere Versuche, nach dem Sozialismus neue Formen zu finden, wesentlich schlimmer abgelaufen sind, das hat man dann ja im jugoslawischen Bürgerkrieg gesehen, und zwar auf eine Art und Weise, die man in Mitteleuropa nicht mehr für möglich gehalten hätte. Insofern ist das in Deutschland doch ganz gut gelaufen. Dass da viel Scheiße passiert ist, das steht ja außer Frage, und dass sich der Westen reichlich bedient hat an den Ostlern, das auch – weil die einfach naiv waren und keine Ahnung hatten, was passieren würde, wenn sie nach der Westmark schreien, dass dann die Geier alle kommen.

Mir ist aufgefallen, dass Sie der gleiche Jahrgang sind wie Angela Merkel.

Ja, und ich durfte sie auch einmal spielen, was mir großen Spaß gemacht hat. Die CDU ist zwar jetzt nicht unbedingt die Partei, die ich wähle, aber ich habe vor Angela Merkel große Hochachtung. Ich glaube, wenn die nicht mehr da ist, werden wir uns alle umgucken.

Hatten Sie sich zur Vorbereitung mal mit ihr getroffen?

Nein. Da interessiert die sich nicht für. Die hat andere Sachen zu tun. Aber sie hat mich persönlich eingeladen, als sie damals in der Reihe „Mein Film“ der Deutschen Filmakademie „Die Legende von Paul und Paula“ vorstellte. Da haben wir uns kennengelernt. Da hatten wir auch einen kleinen Plausch, und ich glaube, wir waren einander sympathisch.

Und Sie haben Sie mal zufällig beim Friseur getroffen, habe ich gehört.

Das ist aber lange her, das war bei Udo Walz, einen Tag nach der Wahl 2005, nach dieser wahnsinnigen TV-Runde mit Gerhard Schröder. Und ich war so empört vor dem Fernseher über dessen präpotentes Getue, Sie erinnern sich? Also, ich konnte das gar nicht glauben. Da habe ich Angela Merkel sehr bewundert, wie sie das so mit Fassung ertragen hat, dieses kleine Entlein unter diesen ganzen Elefanten. Und das hab ich ihr dann auch gesagt.

Hat sie sich gefreut?

Ich glaube ja, so mit Silberfolie im Haar.


Katharina Thalbach ...

  • ... kam 1954 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter war die Schauspielerin Sabine Thalbach, ihr Vater der Regisseur Benno Besson. Beide arbeiteten am Berliner Ensamble. Nach dem Tod der Mutter 1966 nahm die Brecht-Witwe Helene Weigl sie unter ihre Fittiche. Mit 15 Jahren gab Katharina Thalbach dort ihr Debüt in „Die Dreigroschenoper“.
  • ... gehörte 1976 zu den Unterzeichnern der Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann und siedelte noch im gleichen Jahr nach West-Berlin über.
  • ... wurde mit ihrem Auftritt in „Die Blechtrommel“ 1979 auch im Westen bekannt. Inzwischen gehört sie zu den populärsten Theater- und Filmschauspielerinnen des Landes. Sie bekam u. a. den Grimme-Preis, den Deutschen Filmpreis, die Carl-Zuckmayer-Medaille und das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Rolle in „Ich war noch niemals in New York“ beschert ihr nun auch noch den Ernst-Lubitsch-Preis  für die beste komödiantische Leistung im deutschen Film. Die Verleihung ist am 29. Januar, dem Geburtstag Lubitschs, im Babylon.

Was hat man in Ihrem Alter, das man als junger Mensch nicht hat?

Falten! Erfahrungen! Zipperleins! Aber auch weniger Angst. Weil man gelernt hat, das lohnt sich nicht. Dass man sich mit den Problemen, die kommen, sowieso auseinandersetzen muss. Und dass es Dinge gibt, die größer sind als man selbst, die kann man gar nicht beeinflussen.

Sie sind ein positiver Mensch.

Ja, denn auch das hat man im Alter gelernt: Dass es gescheiter ist, die guten Dinge zu schätzen und sich nicht ständig mit den schlechten aufzuhalten.

Darf ich fragen, wo Sie wohnen?

In einer WG in Charlottenburg. Ich war immer Charlottenburgerin. Schon meine Vorfahren kamen aus Charlottenburg. Meine Großmutter, meine Urgroßmutter. Nur meine Mutter ist damals nach Mitte, in die sowjetische Zone, weil sie zu Bertolt Brecht gegangen ist. Aber als ich dann rübergemacht habe, bin ich wieder nach Charlottenburg.

Finden Sie, dass sich Berlin in den letzten 30 Jahren zum Positiven verändert hat?

Schon, aber ist ja keine Kunst. Im Osten hatte das Stadtbild ja aus Geldmangel noch Nachkriegserscheinungen, und das Neue, das gebaut wurde, war auch nicht so dolle, bis auf die Karl-Marx-Allee vielleicht. Wobei sie sich im Westen baukulturell auch nicht mit Ruhm bekleckert haben. Also da nahmen sich beide Stadthälften nicht viel an Hässlichkeit. Inzwischen gibt es so ein Bewusstsein dafür, dass das Alte nicht unbedingt immer nur schlecht ist; es ist vieles, was dem Verfall preisgegeben war, saniert und restauriert worden, und ich finde das schön. Klar, Berlin ist leider teurer geworden und auch ganz schön voll. Aber immer noch nicht so teuer und so voll wie Paris. Also, ich liebe Berlin.

Sie gehören nicht zu den Leuten, die die sogenannte Aufwertung der Kieze beklagen, und, wie etwa Flake von Rammstein, jammern: Was ist nur aus meinem schönen alten Prenzlberg geworden?

Prenzlberg hat sowieso keiner gesagt damals. Es heißt Prenzlauer Berg bei uns alten Berlinern. Wie gesagt, früher war alles schöner, vor allem wir, denn wir waren jung und hatten das Gefühl, die Stadt gehört uns. Aber da war doch alles noch ziemlich wie nach dem Krieg. Jetzt sind die Häuser wieder großenteils Privateigentum und jetzt ist wieder Putz an den Fassaden und eine Heizung in der Wohnung – ich würde sagen, das ist einfach der Lauf der Welt. Dinge verändern sich. Was sollen denn da die alten Karthager sagen? Da ist es auch nicht mehr so wie früher. Es ist nämlich hin.

Ist es in Ihrem Alter auch so, dass sich Erinnerungen verändern, dass Unschönes verblasst und das Schöne mehr Raum einnimmt?

Es gibt schon Dinge, unangenehme Erinnerungen, die sich festgebrannt haben.

Ich nehme an, Sie meinen Ihre Mutter, die starb, als sie zwölf Jahre alt waren.

Das ist so, als wäre es gestern passiert.

Gibt es Dinge an Ihnen, Verhaltensweisen oder Eigenschaften, die sie noch heute darauf zurückführen, dass Sie früh ohne Mutter auskommen mussten?

Na unter anderem, dass ich seitdem keinen Zentimeter gewachsen bin. Das würde ich mal ganz stark darauf zurückführen. Mein Darm ist zu lang, meine Hände und meine Füße sind zu groß, ich glaube, ich bin ein bisschen größer konzipiert gewesen.
Waren Sie selbst eine gute Mutter?

Fragen Sie meine Tochter. Ich war einfach eine sehr junge Mutter. Und wenn man jünger ist, ist man auch noch manchmal egoistischer und sorgloser. Als Nellie kam, also als ich dann Oma wurde, war ich viel gluckenhafter, als ich es als Mutter war.

Sowohl Ihre Tochter als auch Ihre Enkelin sind ebenfalls Schauspielerinnen geworden.

Damit muss ich leben. Ich habe beiden abgeraten, aber meinen Sie, jemand hört auf mich?

Ihre Figur in „Ich war noch niemals in New York“ ist auch eine Mutter, und letztlich geht es in dem Film darum, dass sie sich wieder mit ihrer entfremdeten Tochter zusammenfindet. War es auch das, was Sie gereizt hat?

Das, was mich wirklich gereizt hat, war, dass es ein Musikfilm ist. Ich habe Musikfilme immer geliebt. Ob das jetzt „Funny Girl“ war oder „Gigi“, „Ein Amerikaner in Paris“, die großen alten Musikfilme. Verschlungen habe ich die. Und deshalb habe ich das als großes Glück empfunden, selbst noch mal in einem Musikfilm zu sein, das Leben als einen Tanz zu begreifen.

Aber es war auch ein Wagnis. Es hatte zuvor seit Ewigkeiten keinen guten deutschen Musikfilm gegeben.

Na, Sie haben halt die Revuefilme aus den 50er-Jahren. Da war meistens Caterina Valente dabei, die war ein Showgirl, und dann verliebte sie sich in den Komponisten und dann gab es Konflikte, weil sie gar nicht der Star der Show war, sondern eine andere und so weiter. Die Handlung spielte praktisch immer innerhalb der Branche. Das Schöne an „Ich war noch niemals in New York“ ist, dass es im Leben spielt, wo man dann einfach mal anfängt zu singen und zu tanzen. Das hat was Befreiendes, und es ist ja seit je eine vornehme Aufgabe, das Leben in Musik und Tanz zu übersetzen.