Es ist exakt 15 Uhr. Ich stehe am Eingang des Hotels Grand Elysée in Hamburg. Fritz J. Raddatz ist noch nicht da. Das gibt es nicht. Er ist immer pünktlich bei Interviewterminen. Jetzt müsste er seit einer Minute da sein. Da fällt mir ein: Wir sind nicht hier verabredet. Ich gehe zur Rezeption, sage dort: „Wenn ein Herr Raddatz kommen sollte, sagen Sie es mir bitte. Ich bin im Kaminzimmer.“ Ich gehe durch einen großen Saal, biege nach rechts in einen Gang ab. Da sehe ich Fritz J. Raddatz.

Er steht vor dem Kaminzimmer und wartet auf mich. Raddatz trägt ein dunkelbraun-grünlich gemustertes Tweed-Jackett, von einer Qualität, wie ich sie noch niemals berührt, geschweige denn getragen habe. Graugrünes Hemd, grüne Krawatte. Ein Gesamtkunstwerk aus unterschiedlichen Grüntönen. Ich entschuldige mich fürs Zuspätkommen, aber in Wahrheit hoffe ich, dass er den Anblick verzeiht, den meine C & A-Existenz ihm bietet. Raddatz wartet seit zehn Minuten. Der Fotograf war auch schon da. Die beiden haben bereits gearbeitet. Raddatz ist bester Laune.

Ein tolles Buch. Sie erzählen von einem Ernst Rowohlt, der so lachen muss, dass ihm das Gebiss in einem hohen Bogen aus dem Mund in einen Bach fällt, aus dem sein Sohn Harry es wieder herausfischen muss …

„Jahre mit Ledig“ heißt das Buch.

„Eine Erinnerung“ nennen Sie es.

Ich habe damals keine Tagebücher geführt. Das Buch ist ganz aus der Erinnerung geschrieben. Es hat mich angestrengt. Es fällt einem ja nicht nur Schönes, Heiteres ein, sondern da sind auch Schmerzen. Die man erfahren, und die man bereitet hat. Zum Teil war es eine finstere Reise in die Vergangenheit. Das Buch hat mich erschöpft.

Davon ist nichts zu merken.

Das wäre ja noch schöner. Ein Autor soll den Leser nicht mit seinen Schwierigkeiten belästigen. Die Gräte des Buches ist die Beziehung zwischen zwei Männern, der eine älter, der andere viel jünger, die von Anfang an einander auf rätselhafte Weise zugetan sind. Ledig und ich sitzen in der Insel, dem Restaurant am Alsterufer, einander gegenüber. Ich war gekommen, um die große – dann schließlich dreibändige – Tucholsky-Ausgabe mit ihm zu besprechen. Nach einer Weile meint Ledig: „Hören Sie mal auf mit Ihrem ewigen Tucholsky. Wollen Sie nicht zu mir kommen? Wollen Sie nicht mein Stellvertreter werden, der stellvertretende Chef des Rowohlt-Verlages?“ Typisch Ledig: spontan, unüberlegt und großherzig. Er kannte mich nicht. Aber ihm gefiel etwas. Er wollte es haben.

Ein Kind.

Ja: liebevoll, verletzlich, manchmal auch tückisch. Ledig war kein Intellektueller. Sein Engagement für „Lolita“, Genet oder Henry Miller kam aus dem Bauch oder aus einer, wie Kenner der menschlichen Anatomie wissen, noch etwas tiefer liegenden Region. Ich nehme an, Ledig wusste nicht, dass zur französischen Aufklärung nicht nur das Antiklerikale, sondern auch von Anfang an das Obszöne gehört hatte. Er glaubte, diese Verbindung gerade zu erfinden. Sein Einsatz für Genet zum Beispiel führte zu einer Vorstrafe wegen Verbreitung pornografischen Schrifttums, die ihm Probleme bei der Einreise in die USA bereitete. Die wurden später durch Gutachten des Sexualwissenschaftlers Hans Giese und des Psychiaters Bürger-Prinz aus dem Wege geräumt.

Um welche Bücher von Genet ging es?

„Querelle de Brest“ und „Notre-Dame-des-Fleurs“. Man darf natürlich nicht über Genet in Deutschland sprechen, ohne den Merlin-Verlag von Andreas Meyer zu erwähnen. Der Verlag hat sich sehr um Genet – und nicht nur ihn – verdient gemacht. Wunderbare Ausgaben. Zum Beispiel die Gedichte oder die Aufsätze. Ich erinnere nur an den über Giacometti, der besonders eindringlich und schön ist. Eine Skulptur, schreibt Genet da, begreift man nur, wenn man sie be-greift. Man muss sie abtasten, muss sie streicheln.

Vor Gericht kam Ledig.

Es ist ein Unterschied, ob ein kleiner Verlag so etwas macht oder ob sich eine Machtmaschine wie Rowohlt für einen Autor und sein Werk einsetzt. Rowohlt war damals der größte belletristische Verlag der Bundesrepublik. Weit größer, einflussreicher, mächtiger als S. Fischer, Suhrkamp oder Hanser. Auch wegen „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence stand der Rowohlt-Verlag 1961 vor Gericht. Diese Bücher zu verlegen, war damals jedes Mal eine große Tat. Dafür brauchte es Mut. Den hatte vor allem Ledig. Meine Rolle war nicht unbedeutend, aber ich war nur der Einflüsterer. Ledig entschied. Ledig kam vor Gericht.

Nabokovs „Lolita“ …

… war ganz allein Ledigs Idee gewesen. Ich hatte nichts damit zu tun. Bei anderen Büchern gab er, um, wie er sagte, „endlich Ruhe zu haben“, meinem Drängen nach. Zum Beispiel bei „Letzter Ausgang Brooklyn“ von Hubert Selby. Er hatte das nicht gewollt. „Mein Gott, Sie grauenhafter Kerl, das kann man nicht übersetzen“, schimpfte er. Aber dann ließ er mich doch machen. Das Buch erschien und wurde ein Erfolg.

Ein gigantischer Erfolg war im Jahre 1963 Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“.

Rütten & Loening hatte das Stück 1961 angenommen, der Verlag trat aber, nachdem die Gütersloher Konzernzentrale – Rütten & Loening gehörte seit 1960 zu Bertelsmann – ihr Veto eingelegt hatte, davon zurück. So kam das Stück zum Rowohlt-Verlag. Ledig nahm es, schickte es Piscator. Die Uraufführung fand im Februar 1963 statt. Gleichzeitig kam das Stück als Buch – zum Ärger nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch von Berthold Beitz und vieler anderer – heraus. Auf dem Theater ein Welterfolg. Ebenso als Buch. Es entfachte eine politische Debatte um die Rolle des Papstes und der katholischen Kirche im Nationalsozialismus und gegenüber der Judenverfolgung. Es war Ledigs Idee gewesen, Piscator das Stück aufführen zu lassen, den Regisseur, der schon in der Weimarer Republik politisches Theater gemacht hatte. Mit einem Mal gab es das in Deutschland wieder.

1946 wurde ich geboren. Als ich zwanzig war, gab es jedes Jahr neue Filme von Bergman, Fellini, Truffaut, Godard, Woody Allen …

Pasolini.

Was guckt ein heute Zwanzigjähriger? Ich finde nicht, dass es heute Filme gibt, die mit dem damaligen Angebot konkurrieren können.

Ich wusste nicht, dass ich einem Masochisten gegenüber sitze, der noch immer ins Kino geht. Andererseits: Man muss sich ein wenig in den Konjunktiv setzen. Dieses „Früher gab es …“ und dieses „Früher war es …“ – das ist doch auch lächerlich. Es gibt sicherlich immer noch und immer wieder begabte Leute, die begabte Dinge machen. Was das Kino angeht, kann ich nicht mit Ihnen in die Startlöcher. Ich gehe nicht mehr ins Kino. Ich weiß nicht, ob „Lola rennt“ Diarrhoe mit der Kamera ist oder nicht vielleicht doch ein ganz guter Film. Was die heute Zwanzigjährigen machen, das weiß ich nur zu genau und Sie doch auch: Die posten sich. Wenn das noch so heißt. Sie twittern. Das ist eine ganz beschränkte Anzahl von Zeichen. Das ist eine andere Kultur. Die „Marienbader Elegie“ kann man aber nicht twittern.

In allem eine andere Kultur?

Das beginnt bei der Kleidung. Es ist doch heute fast unmöglich, kein offenes Hemd zu tragen, das den Blick auf das Unterhemd freilegt.

So wie ich.

Das muss heute selbst ein US-Präsident tun. Die darin sich ausdrückende Haltung reicht bis tief in die Kultur. Welche Bilder werden gezeigt, welche Bilder gelten etwas? Wenn es ganz hochkommt, ist es Neo Rauch. Das kann ich nicht hoch nennen. Das ist nichts als Plakatkunst. Meine kulturelle Sozialisation ist für die jungen Leute von heute so fern wie das Nibelungenlied.