Anke Engelke in der Serie „Das letzte Wort“.
Foto: Netflix

Zur Silberhochzeit singt Karla (Anke Engelke) ihrem Mann Stephan (Johannes Zeiler) noch einen selbst gereimten Schlager, der so intim-aufdringlich ist, dass er die Gäste peinlich berührt. Doch der Song mit der Zeile „So soll es immer sein, lass mich nie allein“ wird zum Abschiedslied. Denn in der Nacht nach der Feier, während Karla im Bett auf ihn wartet, stirbt Stephan völlig überraschend. Karla steht nicht nur ohne Mann da, sondern auch ohne Geld: Denn der Zahnarzt hatte schon jahrelang nicht mehr praktiziert, sondern heimlich in einem Atelier gemalt.

Der erste Clou ist die Besetzung: Denn Anke Engelke ist nicht unbedingt als Tragödin bekannt, sondern mit komischen Auftritten in der „Wochenshow“ und als „Ladykracher“ populär geworden. In ihren Filmrollen trat sie meist als bestimmende Frau auf. Auch in der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ bleibt sie nicht in der passiven Rolle der Trauernden. Nachdem sie bei der Trauerfeier dem Bestatter Borowski (Thorsten Merten) das Mikrofon aus der Hand genommen und das Liebeslied von der Silberhochzeit vorgetragen hat, will sie ins Berufsleben einsteigen: als Trauerrednerin.

Natürlich geht es Karla nicht nur ums Geldverdienen – sie hat eine Mission. Trauerfeiern sollten nicht von Konformität, Kälte und Pietät geprägt sein, sondern von Kreativität, Ehrlichkeit, Gefühl und Humor, erklärt sie in ihrem Werbevideo. Doch ihr einziger Auftraggeber bleibt jener Borowski, dessen Familienunternehmen schwer in der Krise steckt und der in Melancholie und Alkohol versackt. Thorsten Merten spielt diese Figur nicht nur mit gewohnter Klasse, sondern lieferte auch die Idee für diese Serie. Regisseur Aron Lehmann schrieb mit Carlos V. Irmscher die Bücher.

Die Folgen erzählen zweigleisig: So wird in jeder Folge jemand auf besondere Weise unter die Erde gebracht. Mal begegnet Karla einer Frau, die sich ihrer verstorbenen Mutter immer untergeordnet hat, mal einem Bestimmer, der sogar seiner eigenen Probefeier selbst beiwohnt. Und der Union-Fan wird selbstverständlich zur Hymne von Nina Hagen in einer rot-weißen Urne beerdigt. Doch „Das letzte Wort“ ist nicht nur eine typische schwarzhumorige Bestatterserie wie einst „Six Feet Under“, sondern gleichzeitig eine Familienserie. Jeder aus Karlas Familie geht anders mit dem Tod von Stephan um. Der Sohn (Juri Winkler) steigt in dessen Lederjacke, die Tochter (Nina Gummich) fotografiert in Borowskis Keller die aufgebahrten Leichen, die renitente Mutter (Gudrun Ritter), gerade aus dem Pflegeheim rausgeflogen, würde am liebsten selber sterben. Karla redet mit ihrem verstorbenen Gatten in dessen Atelier, „sieht“ ihn sogar vor sich.

Diese Doppelperspektive auf Leben und Sterben ist das Besondere an dieser Serie, die Humor und Trauer eng miteinander verstrickt. Anke Engelke, strenger geschminkt als gewohnt, beherrscht nicht nur die laute Komik, sondern auch das leise Zweifeln. Ob Karla ihre Trauer überwindet oder nur verdrängt, bleibt in der Schwebe. Das Finale der sechsten Folge muss nicht das Ende dieser Serie sein.

Das letzte Wort – sechs Folgen, ab Do, 17. 9. auf Netflix