„Das Mädchen und der Künstler“: Die richtige Pose

Wie groß die Unterschiede zwischen bildender Kunst und Kino sind, zeigt sich am ehesten im Genre der Aktstudie. In der Kunst ist die Nacktheit ein Spielfeld der Ästhetik, im Kino in der Regel ein Missverständnis. Nur wenigen Filmemachern ist es gelungen, diesen Widerspruch aufzuheben; meist sind es Franzosen wie etwa Jean Renoir bei „French Can Can“ oder Jacques Rivette bei „Die schöne Querulantin“.

Dem Spanier Fernando Trueba traut man diesen Spagat nur bedingt zu, allzu schwelgerisch war bisher sein Blick auf die Proportionen schöner, junger Frauen. In „Das Mädchen und der Künstler“ will er den voyeuristischen Zuschauerblick nicht entmutigen, ihn aber auch nicht um jeden Preis befriedigen. Daniel Vilars Kamera mag sich nicht sattsehen an der stattlichen Blöße der jungen Mercè (Aida Folch), die aus Franco-Spanien ins von den Deutschen besetzte Südfrankreich geflohen ist.

Altherrenfilm

Dort bietet ihr Léa (Claudia Cardinale), die Ehefrau des greisen Bildhauers Marc (Jean Rochefort) Obdach. Um die erloschenen Lebensgeister ihres Mannes neu zu wecken, schlägt sie einen Handel vor, der die junge Katholikin anfangs verschreckt: Für Kost und Logis soll sie ihm Modell stehen. Cardinale spielt diese Szene als eine weise, verschmitzte Kupplerin.

Mindestens zur Hälfte ist dies ein Altherrenfilm – Trueba ist Ende fünfzig, Drehbuchautor Jean-Claude Carrière hat die Achtzig überschritten –, aber einer, der so klug ist, erst einmal die Perspektive der jungen Frau einzunehmen. Ihre Schamhaftigkeit gibt den Blick auf die Arbeit im Atelier vor; nach jeder Sitzung bedeckt sie die Skulpturen.

Der Film setzt sie als Subjekt ins Recht. Sie findet die richtige Pose, die der Künstler vergeblich suchte. Sie kämpft in der Résistance und verkörpert damit ein anderes Lebensprinzip als ihr Arbeitgeber, der Verantwortung nur für seine Kunst tragen will. Der einzige Nazi, den der Film einer Nahaufnahme für würdig hält, ist ein liebenswürdiger Kunsthistoriker (Götz Otto), der eine Monografie des Bildhauers schreibt.

Letztes Kunstwerk von Pierre Gamet

Es dauert eine Weile, bis aus dem Handel ein Bündnis wird. Modell und Künstler leisten einander Widerstand. Es kommt, sehr spät, allerdings auch einmal zu einer Erektion, die den Künstler verärgert und traurig macht, seine Ehefrau hingegen belustigt. Am Ende wird Mercè enttäuscht sein und sich enteignet fühlen, weil ihr die fertige Skulptur nicht ähnlich sieht.

Marc versöhnt sie, indem er ihr einen zweifachen Gottesbeweis liefert. Das ist ein Glanzstück des einfallsreichen Ketzers Carrière, der die Schöpfungsgeschichte umkehrt: Für ihn wurde Adam aus Evas Rippe geschaffen. Der zweite Beweis? Die Existenz des Olivenöls.

Nach „Blancanieves“ ist dies in diesem Jahr bereits der zweite spanische Film, der in exquisitem Schwarz-Weiß gedreht wurde. Und nach „Renoir“ mit Michel Bouquet ist es das zweite Porträt eines Künstlers, der den Tod nahen fühlt (beide Filme spielen vor dem Hintergrund eines Weltkriegs) und in der Schönheit seines letzten Modells noch einmal die Kraft des Lebens spürt. Dieses Déjà-vu erspart den Besuch von Truebas Film nicht. Das Schwarz-Weiß ist von wunderbarer Konzentration.

Wer einen Künstlerfilm dreht, sollte dies nicht nur offenen Auges tun, sondern auch ein aufmerksames Ohr besitzen. Die Tonspur ist empfänglich für die alltäglichen Geräusche, die den Künstler inspirieren: das flirrend sommerliche Ambiente und für die Stille im Atelier, in dem nur das schwere Atmen Rocheforts und die raue Stimme Folchs zu hören sind. Sie ist das letzte Kunstwerk des großen Toningenieurs Pierre Gamet, der nach den Dreharbeiten starb.

Das Mädchen und der Künstler (El artista y la modelo) Spanien 2012. Reler (El artista y la modelo) Spanien 2012. Regie & Drehbuch (mit Jean-Claude Carrière): Fernando Trueba, Kamera: Daniel Vilar, Darsteller: Jean Rochefort, Aida Folch, Claudia Cardinale u. a.; 104 Minuten, Schwarzweiß. FSK ohne Altersbeschränkung.