Haifaa Al Mansour hat in ihrer Heimat Saudi-Arabien als erste Frau einen Spielfilm gedreht. „Das Mädchen Wadjda“ erzählt von zwei Frauengenerationen: Während sich Wadjdas Mutter zunächst den Konventionen fügt, setzt die Tochter ihre Träume durch. Seit einigen Jahren lebt Haifaa Al Mansour mit Mann und Kindern in Bahrain.

Frau Al Mansour, Ihre Filmheldin Wadjda wünscht sich ein Fahrrad, obwohl saudische Mädchen in der Öffentlichkeit nicht Rad fahren dürfen. Doch sie setzt sich durch. Ihr Rad ist grün. Sie haben diese Farbe sicher nicht zufällig ausgewählt?

Grün ist für uns eine wichtige Farbe. Die Farbe der Nationalmannschaft ist grün, unsere Flagge ist grün. Ich wollte einen Film machen, der authentisch ist.

Können Sie „Das Mädchen Wadjda“ in Saudi-Arabien überhaupt zeigen?

Wir haben das Drehbuch eingesandt und die Erlaubnis bekommen zu drehen. Also können wir den Film auch zeigen. Wir haben allerdings keine Kinokultur in Saudi-Arabien und keine Filmindustrie. Das Fernsehen ist aber sehr groß; wir haben versucht, uns diese Infrastruktur zunutze zu machen.

In Ihrem Film zeigen Sie, mit welchen gesellschaftlichen Hindernissen Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien zu kämpfen haben. Wie war es für Sie, dort zu drehen?

In Saudi-Arabien sind die Welten streng getrennt: Ich darf im öffentlichen Raum nicht mit Männern drehen. Also gab es dort einen Lieferwagen für mich mit einem Monitor und Walkie-Talkie.

Was war mit Ihrer jungen Hauptdarstellerin?

Sie war damals elf Jahre alt, noch ein kleines Mädchen. Jetzt ist sie 14 und würde als Frau gelten. Ich bin zwar in Saudi-Arabien aufgewachsen, wurde aber auch überrascht. Ich dachte, wir würden beim Drehen von misstrauischen Leuten verjagt werden. Das gab es, aber es gab auch Orte, wo uns die Menschen Essen gebracht haben, wo sie sehr offen waren und sogar als Statisten im Film dabei sein wollten. Das war unbeschreiblich; ich konnte einen Wandel spüren. Keinen für Schlagzeilen. Einen Wandel, der in den Menschen stattfindet, ihre Haltung ändert.

Ihr Film gewährt einen Einblick in die saudi-arabische Mittelklasse ...

… aus der ich stamme. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in einer traditionellen Familie als eines von zwölf Kindern. Meine Eltern sprechen kein Englisch, wir sind nie nach Europa oder Amerika gereist. Beide haben gearbeitet, ich bin auf eine öffentliche Schule gegangen. Ein durchschnittlicher Hintergrund, von dem ich in meinem Film ausgehe.

Sie sind in Saudi-Arabien bekannt dafür, dass Sie sich für Frauenrechte einsetzen. Ist die Heldin Ihres Films ein kindliches Alter Ego?

Das kann man so sehen. Allerdings war ich nicht so mutig wie sie. Ich habe die Figur der Wadjda stark an meine Nichte angelehnt. Sie war toll, humorvoll, hartnäckig. Und dann wurde sie sehr konservativ. Das hat mich traurig gemacht. Was für ein Potenzial ging da verloren! Diese Mädchen hätten der Welt so viel zu geben. Das im Film ist übrigens das Fahrrad meiner Nichte.

Manche Medien unterstellen Ihrem Film „romantischem Feminismus“.

Romantischer Feminismus – ein schöner Widerspruch! Mir geht es darum, Frauen eine Stimme zu geben, ihnen mehr Macht zu verleihen. Ich bekenne mich aus tiefstem Herzen zum Feminismus. Es gibt da ja inzwischen eine Art Scheu davor. Aber der Feminismus hat mir und vielen anderen Frauen den Weg geebnet. Das soll nicht heißen, dass ich ausschließlich Filme über die Belange von Frauen machen werde. Ich bin Künstlerin, keine Ideologin.

Wie haben Sie Waad Mohammed, Ihre Hauptdarstellerin, gefunden?

Das war nicht einfach. Es gibt Casting-Agenturen fürs Fernsehen, aber die hatten nur ganz kleine Mädchen. Es war klar, dass unsere Hauptdarstellerin keine Schauspielerfahrung haben würde. Dann kam Waad, in Jeans, die Haare verstrubbelt. Sie hörte über Kopfhörer Justin Bieber. Ich wollte wegen des Koran-Rezitationswettbewerbs im Film ein Mädchen, das singen kann.

Was sollte sich ändern für die Frauen in Saudi-Arabien?

Ich will, dass die Frauen an sich selbst glauben. Dann wird sich alles andere auch ändern. Und es gibt so viel, was anders werden muss! Ich will Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren sehen. Ich will, dass sie ohne männliche Begleitung ausgehen und handeln dürfen. Ich will mehr Politikerinnen sehen. Diese Liste könnte unendlich so weitergehen.

Interview: Julia Teichmann

Das Mädchen Wadjda Dtl./Saudi-Arabien 2012. Buch & Regie: Haifaa Al Mansour, Kamera: Lutz Reitemeier. 97 Min., Farbe.