Die Freitreppe der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel
Foto: Imago/Imagebroker/Jürgen Henkelmann

BerlinDie Corona-Pandemie stellt auch für Museen und die Wissenschaft eine Herausforderung dar. Selbst kleinste Leihgaben sind derzeit kaum zu transportieren,  die Zusammenarbeit beschränkt sich oft auf Zoom-Konferenzen und E-Mails. Dass das Stuttgarter Ifa-Institut nun mit Hilfe von re:publica, Youtube und dem Naturkundemuseum Berlin nach 2018 schon zum zweiten Mal ein internationales Martin-Roth-Symposium organisieren konnte, ist fast schon eine Sensation. Benannt ist es nach dem umtriebigen Martin Roth, einst Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Londoner Victoria & Albert Museums, der 2018 im Alter von nur 62 Jahren verstarb. Roth kritisierte die Zustände in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) bereits lautstark, als noch keiner seiner Fachkollegen auch nur einen Mucks machte. Aus der Zunft der Museumsmacher ragte Martin Roth auch wegen seiner Unerschrockenheit heraus.

Unter seinem Namen finden sich nun Museumsvertreter aus aller Welt für eine Woche meist virtuell zusammen, um zu debattieren: Wie sieht die Zukunft des Museums zwischen Dekolonisierungs-Debatte und Architektur-Kult aus? Das Ifa-Institut lässt nun nicht einfach zwei, drei dicht gepackte Tage im Internet abfilmen. Es wagt etwas Neues: Nur an drei Stunden des frühen Abends, aber durch die ganze Woche werden Vorträge und Diskussionen zu erleben sein. So können viele direkt teilnehmen und die Aufmerksamkeit wird immer neu belebt: Hier folgt dann schon nach zehn, 15 Minuten der nächste Vortrag, die nächste Stimme, das neue Gesicht.

Andrew McClellan monierte am Montag etwa, wie sehr sich gerade Kunstmuseen der Forderung nach Vielfalt entgegenstellen, ihre Materialien sozial und kulturell meistens homogen und unter der Idee einer klar konturierten Nation unterwerfen – und so die Kolonisierung Amerikas systematisch unterschlugen. Kavita Singh aus New Delhi dagegen demontierte mit Verve Vorurteile, die in der aktuellen anti-kolonialen Museumskritik beliebt sind: Es seien gerade die von den Briten eingerichteten Museen in Indien gewesen, die auch Menschen der unteren Kasten als Bürger akzeptiert hätten, die etwa in Tempeln ausgeschlossen blieben. Deswegen seien Museen bis heute in Indien bei Arbeitern beliebt – während die in Europa oder den USA so museumsdominanten Mittelschichten sich oft, wenn es nicht um moderne Kunst gehe, eher distanzierten.

Museen als Instrumente der Selbstbefreiung – das passte zur Forderung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sie als Mittel der Aufklärung gegen antiliberale Tendenzen betonte. Singh machte es noch einfacher: Sie forderte für Museen eine Unabhängigkeit, ähnlich wie bei Universitäten – und das Selbstverständnis, wie eine Leihbibliothek handeln zu müssen – gerade nach Covid-19.

Martin-Roth-Symposium vom 7. – 11. September: www.ifa.de/konferenz/museumfutures/