BerlinDie großen, leeren Worte zu Beginn hatten selten so knirschenden Biss wie an diesem Eröffnungsabend. „Nur kurz nach dem BER und noch vor dem Humboldt-Forum“, so die Regisseurin Anta Helena Recke, reihe sich die Eröffnung des ersten Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Music nun geradewegs in die Großereignisse der Hauptstadt ein. Als „gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung“ feiere es schon jetzt einen „Riesenerfolg“ und im leeren HAU1 brandet eingespielter Jubel auf. Auch über den Display zu Hause, tatsächlich ja einziges Fenster der Veranstaltung zur Welt, vermittelte sich feierliche Bedeutsamkeit, auch wenn allen klar war, dass die im September in Frankfurt am Main bereits aus der Taufe gehobene Ausstellung am kommenden Mittwoch schon wieder aus Berlin verschwindet. Die große Geste aber, mit der hier gespielt wird, steckt ganz richtig jenen Raum ab, in dem sich die Schau tatsächlich bewegt: Sie weist auf deutsche Alltagsgeschichte insgesamt.

Vier Theaterleute haben mehrere Hundert Tonträger, Plattencover, Autogrammkarten, Fanartikel, Kostümteile und Medienberichte von schwarzen deutschen Künstlern der vergangen 100 Jahre gesammelt, sie nun in eine Spanplattenarchitektur im HAU3 platziert und pandemiegerecht per Videoführung online zugänglich gemacht. Tatsächlich muss man es eine Schau im Werden nennen. Bei dem so performativen wie interaktiven Museum der Zukunft scheint die Vorläufigkeit Teil des Konzepts zu sein.

Denn die Leerstellen, die seine Archivalien markieren, muss man sich zum Großteil googelnd selbst anfüllen oder mithilfe der Vorträge des Begleitprogramms erkunden. Die erschütternde Geschichte der schwarzen Sängerin Marie Nejar zum Beispiel, „Leila Negra“ genannt, die 1943 für Hans Albers' Nazischinken „Münchhausen“ noch das Wedel schwenkende Sklavenkind mimen musste und nach dem Krieg dann als naiv-exotischer Kinderstar neben Peter Alexander durch die Singfilme lächelte, aber nie groß werden durfte neben ihm. Oder die der Schauspielerin Elfi Fiegert, die 1952 in dem Film „Toxi“ das Titel gebende GI-Kind gegen die Anfeindungen der weiß gewaschenen Nachkriegsgesellschaft spielte, im Nachspann aber nicht mal mit eigenem Namen auftauchte.

Die flotte 30-Minuten-Videoführung der Co-Kuratorin Joana Tischkau zeigt zwar einen rasanten Ritt durch die Highlights von dem populären Tiroler-Hut-Trompeter Billy Mo bis zu Frank Farians Fake-Band Milli Vanilli, greift auch die rassistischen Implikationen weißer Produzenten von schwarzen Künstlern auf, bleibt aber zu behauptend. Dennoch – und das ist das grandiose Initiationsritual dieses halb imaginierten Museums auf Zeit – es fängt erstmals an, die schwarze Geschichte der weißen Unterhaltung überhaupt zu sehen. Zu sehen, wie blind Produzenten, Zuschauer und die Künstler teils selbst dem eingefleischten Rassismus freundliche Gesichter gaben. Deutsche Geschichte.

Bis Mittwoch, 16. 12. unter hebbel-am-ufer.de