Das Neptunfest: Kindesmisshandlung oder Initiationserlebnis?

Kaum sind die Kinder im Ferienlager, diskutieren die verwaisten Eltern über das Neptunfest. Ein Essay mit angekratzten Erinnerungen aus DDR-Zeiten.

Hier feiern die Kinder eines FDGB-Ferienheims in den Achtzigern an der Müritz Neptunfest.
Hier feiern die Kinder eines FDGB-Ferienheims in den Achtzigern an der Müritz Neptunfest.dpa/Benno Bartocha

Der Abwehrreflex ist erst einmal groß, wenn jemand etwas als institutionalisierte Kindesmisshandlung bezeichnet, was in der eigenen Perspektive zu den schönen Erlebnissen aus lange vergangenen Ferienzeiten gehört. Die Rede ist vom Neptunfest. Es wurde vor allem im Norden der DDR gefeiert und hat die Wende überlebt. Auch in unserem kleinen Ferienlager gehörte es zu den Höhepunkten im Programm. Wir waren ungefähr zwanzig Kinder zwischen sieben und 13 Jahren, die zusammen ohne Eltern drei Ferienwochen in Mecklenburg verbrachten.

Das Beste am Ferienlager war natürlich der nahe See, wo ich schwimmen lernte und es einen Steg mit Sprungturm gab. Der See ist schmal, aber tief, das andere Ufer dicht mit Schilf bewachsen. Zum Neptunfest versammelten wir uns an der Badestelle, riefen mehrmals und immer lauter über den See: „Neptun, Neptun, guter Mann!“, und irgendwann schob sich ein Ruderboot zwischen den Halmen hervor, und Stephan, unser Rettungsschwimmer stand darin, mit einer Mistforke in der Faust, grün angemalt und mit Seepflanzen behängt. Zwei größere als Nixen oder Häscher verkleidete Kinder versuchten, den Kahn möglichst schnell und würdig über das Wasser zu schippern.

Der Ablauf zog sich dann immer ziemlich in die Länge, weil bei uns jedes Kind getauft und in die Welt Neptuns aufgenommen werden musste. Es gab kein Entrinnen. Neptun verlas mit donnernder Stimme den Namen des Kindes, das dann mehr oder weniger pro forma wegrannte und von den Häschern ergriffen wurde. Dann bekam man den Zaubertrank, ein aus möglichst ekelhaften Ingredienzen wie Senf, rote Grütze, Club-Cola und Brotkrumen zusammengemixtes bröckliges Gesöff, aus der Großküchenkelle über das Gesicht geschwappt und wurde – eins, zwei, drei – ins Wasser geschmissen. Man bekam einen neuen Namen, und hatte es hinter sich.

Ich kann mich sehr gut an das Ziehen in Magengrube und Genitalbereich erinnern, das mit der Aufregung einherging und sich nur juchzend lösen ließ: Gleich war man dran, die chancenlose Flucht, das Gepacktwerden, der Ekel, die Aufmerksamkeit der anderen, das Gelächter, der Wasserwurf. Das ganze seelische und körperliche Ausgeliefertsein verursachte mir mehr Lust als Angst, zumal ich wusste, dass es sich um ein Spiel handelte.

Panik, Ekel, Ärger – herrlich!

Klar, war da Panik, schlug mir das Herz bis zum Hals, würgte ich vielleicht auch vor der Brühe, ärgerte ich mich über die Schadenfreude der anderen und fürchtete mich vor dem Meeresgott, aber ich konnte jederzeit zurückschalten und mich auf den doppelten Boden verlassen. Es ist doch auch immer die eigene Entscheidung, wie tief man sich in die Fiktion des Spiels hineinbegibt oder wie schnell man sich lieber auf die sichere Wirklichkeit besinnt und aus Neptun wieder Stephan werden lässt. Wenn ich meinen Auftritt absolviert hatte, fühlte ich mich als Teil einer Gruppe. Ein stolzer „Wasserfloh Saltissimo“ in Neptuns Reich.

Und nun schildert der Elternblogger Caspar C. Mirau das Fest als Kindesmisshandlung, auf die viele „traumatisiert reagierten“, als Erklärung genügt ihm, was Wikipedia weitgehend wertfrei zum Ablauf des Festes zählt und dem ich entnehme, dass unsere Art, das Fest zu feiern, dem ungefähr entsprach. Es gibt wohl Varianten, zum Beispiel wurden und werden nicht immer alle Kinder getauft, manchmal muss ein Gedicht vorgetragen werden, bevor man ins Wasser fliegt; und ein einheitliches Rezept für den Zaubertrank gibt es auch nicht. Aber diese Varianten werden nicht so entscheidend gewesen sein, dass des einen Qual des anderen Glück gewesen sein kann, oder?

Die Kommentare sind gespalten: Die einen stimmen Mierau zu und sprechen von ihren davongetragenen Traumata, die anderen ziehen es ins Lächerliche und machen ihre Scherze über die übersensible Jugend heutzutage. Und einer Kollegin fällt der Brauch der Badjao, philippinischer Seennomaden, ein, die nach alter Sitte ihre Neugeborenen ins Meer werfen – nur wer schwimmen kann, ist es wert zu überleben.

Seelische Verwirrung

Die Unschuld meiner Erinnerung ist angekratzt: Waren die Hände der Häscher auf der nackten Kinderhaut nicht doch übergriffig? Haben wir nicht über die Langsameren, Dickeren gelacht? Was haben jene erlebt, die noch nicht so gut schwimmen konnten und Angst davor hatten, ins Wasser zu fliegen? Was ging in jenen vor, die es hassten, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, angeglotzt zu werden, während ihnen etwas geschah, was sie nicht kontrollieren konnten? Der Vorgang des Tränkens und Fütterns mag harmlos erscheinen, wenn man gern trinkt und isst. Viele Kinder tragen ihre Konflikte mit den Eltern unbewusst über die Nahrungsaufnahme aus – wer weiß, was da eine Kelle mit Ekelbrühe vor dem Gesicht an seelischen Verwirrungen auslösen kann?

Inzwischen bin ich Vater und weiß um die Macht des Reflexes, meine Kinder vor Unbill schützen zu wollen, und ich weiß, wie wichtig und schwer es ist, sie Stück für Stück der Welt zu überlassen und darauf vertrauen zu müssen, dass die meisten Menschen meinen Kindern nichts Böses wollen und dass nicht ich derjenige bin, der das regeln wird. Ja, ja, das Glück des Loslassens! Mein Herz zerreißt mir dennoch, wenn ich an die Augenblicke denke, in denen ich meine Kinder in einen Ferienlagerbus gesetzt habe, winke, winke, und nicht wusste, ob sie sich wohlfühlen würden. Was, wenn jemand sie mobbt? Können sie sich wehren?

Das Leben bleibt eine Zumutung

Ich konnte mich in diesen Momenten in meine eigenen ungetrübten Ferienlagererinnerungen retten, aber auch das funktionierte nicht ganz. Die Zeit ist eine andere geworden, Kinder sind heute viel reflektierter, was ihre Rechte und Würde angeht. Was früher gesetzt war, steht heute infrage und darf ausdiskutiert und soll mitbestimmt werden. Eltern sind dabei mehr zu Partnern als zu Gegnern geworden, was ich als Vater sehr begrüße. Es gibt weniger Geheimnisse zwischen den Generationen, was aber nicht unbedingt das Potenzial von Missverständnissen verringert.

Und doch wiederholt sich was. Das Leben bleibt eine Zumutung. Die Kleinen werden in Konflikte mit der Welt geraten. Sie werden Irrtümer, Ohnmacht, Ratlosigkeit und Schmerzen aushalten müssen. Es ist gut und gehört auch bei Tieren zur Entwicklung, solche Situationen zu üben und im Spiel zu überwinden. Ein im Spiel trainiertes Selbst- und Gemeinschaftsbewusstsein kann das Grundvertrauen stärken, es hilft bei der Initiation und der Sozialisierung. Natürlich ist ein Spiel keine harmlose Sache, es kann umschlagen, schnell seinen Rahmen, seine Regeln und seine Folgenlosigkeit verlieren.

Bitte nicht abschaffen und wegschmeißen!

Dann ist es kein Spiel mehr, dann hat der unausweichliche Ernst des Lebens zugeschlagen. Er gehört zum Glück dazu. Das kann beim Neptunfest passieren. Viel öfter passiert es in der Ferienlagerdisco, die für die eine der Himmel auf Erden, für den anderen ein Quell des Kummers und der Beginn der Selbstaufgabe gewesen sein mag. Auch der erste Kuss kann nachhaltige Wonnen auslösen oder traumatisierend wirken – und doch sollte man ihn deswegen nicht abschaffen.

Es hängt immer alles an denen, die die Verantwortung tragen. Auch beim Neptunfest. Gibt es eine Ausstiegsmöglichkeit für die Kinder, ohne dass sie das Gesicht verlieren und zu Spielverderbern werden? Wie moderiert man den Druck der Peergroup? Wie behält man bei allem die gute Laune und die Freude an dem Ritual? Was tut man, um das Kind sicher durch diese künstliche Krise hindurchzuführen und in der Erfahrung seiner Grenzen zu bestärken? Das Neptunfest könnte etwas Wertvolles sein, eine unideologische, lockere Initiationszeremonie ohne Kirche und ohne Pionierorganisation im Hintergrund. Schmeißt das Fest nicht gleich auf den Müllhaufen der schwarzen Pädagogik!