Katie Crutchfield (l.)  alias Waxahatchee, hier zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Allison, mit der sie früher auftrat.
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BerlinIn der Krise zeigt sich der Charakter: Bleibt man auf der Nase liegen oder steht man auf, klopft den Staub ab und probiert’s nochmal? Katie Crutchfield hat vor zwei Jahren beschlossen, die Trinkerei dranzugeben, die sie seit der Jugend begleitet hat. „Im Grunde war es kein großes Drama“, sagte sie der New York Times, „aber ich habe mich lange damit herumgequält, und eines Morgens habe ich mir gesagt: Das war’s jetzt.“

Als erstes Ergebnis beweist sie auf ihrem gerade erschienenen fünften Album unter dem Namen Waxahatchee, dass Nüchternheit die Kunst nicht trockenlegt. „Saint Cloud“ zeigt ihren Sound vielmehr aufgeräumter und konzentrierter.

Seit 2010, sie war 21, spielt sie als Waxhatchee, das Debüt „American Weekend“ von 2012 war im Alleingang entstanden, danach spielte sie mit Band. Das erste Album hatte sie im elterlichen Haus in Alabama aufgenommen, eingeschneit und von einer gescheiterten Liebe angeschlagen, mit dem Waxahatchee Creek, der ihrem Projekt den Namen gab - ein wunderbar ungeschliffen bröckelndes Ding mit spröder akustischer Gitarre. Wie auch auf dem Nachfolger-Album „Cerulean Salt“ hörte man im Lo-Fi-Selbstbau der Singer-Songwriterin die Spuren der punkigen Band P.S. Eliot, mit der sie als Teenager mit ihrer Zwillingsschwester Allison aufgetreten war. Der Indierock klang scheppernd, wie von Brombeerbüschen verkratzt, ob akustisch oder brutzelnd elektrisch. Die Gedanken kreisten ums Ende der Jugend, um die Ödnis von Ehehafen und Sesshaftigkeit. Ihr störrisch-sarkastischer Tonfall verdankt einiges der Indie-Ikone Liz Phair, aber ihre Musik passt auch gut in die Indierock-Szene von Courtney Barnett über Kurt Vile zu ihren Labelmates Girlpool.

Ein bisschen erinnert sie an Bob Dylan

Auf „Saint Cloud“ hat sie das Gestrüpp entsorgt und dabei die Folk- und Countryeinflüsse ihrer Eltern freigelegt. Nicht, dass sie dabei zur Traditionalistin geworden wäre. Man kann gelegentlich an Bob Dylan denken, auch wegen der kryptisch bebilderten Texte. Aber die spröden Arrangements und Harmonien klingen auch in den kargen Songs nie rückwärtsgewandt. Lucinda Williams führt sie derzeit als entscheidende Referenz an, aber auch ihr Jugendfreund Kevin Morby, seinerseits ein einfallsreicher Vertreter aufgeschlossener Americana, könnte ein paar Stichworte gegeben haben. Die Stimmungen und auch instrumentalen Besetzungen variieren dabei ganz entspannt von flanellhemdigem Countryrock bis zum Akustischen vom Folk des Titelsongs und „Hell“, der auch auf einem frühen Dylan-Album Platz haben könnte.

Ihre Themen fand sie offenbar auf Straße zur Unbenebeltheit. Mit dem vergleichsweise opulenten „Oxbow“ - ein toter Flussarm -, beginnt sie das Album, um szenisch von Launenhaftigkeit, von mangelndem Selbstwert, von Selbsterkenntnis und -bewusstsein zu erzählen, während sie sich an Momente in Barcelona und Manhattan erinnert, durch Tennessee und den Mississippi entlang tingelt. Am Ende dieser klassisch-modernen Americana-Sammlung hat sie offenbar gelernt, dass weder Erwachsenwerden noch Nüchternheit Erstarrung bedeuten. „Vielleicht bedauerst du die ganze verschwendete Zeit“, singt sie in „Ruby Falls“, „aber sie ist einfach Teil des Wegs“.

Waxahatchee - Saint Cloud (Merge/Cargo)