Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (M) und der Präsident des Centre Pompidou Serge Lasvignes (L) eröffnen in Shanghai eine weitere Filiale des Pariser Museums.
Foto: AFP/Hector Retamal

ShanghaiDas Büro des britischen Architekten David Chipperfield sollte in Shanghai ein Museum entwerfen, bei dem noch vollkommen unklar war, was es denn zeigen könnte. Von Kunst bis Automobilen war alles möglich. Drei Kuben sind es geworden, nicht besonders aufregend. Jetzt erhielten sie mit dem Einzug des Centre Pompidou ihre erste Füllung.

Für vorerst fünf Jahre eröffnet das bereits in Metz, Malaga und Brüssel vertretene Pariser Museum nun in der chinesischem Metropole eine weitere Filiale. 100 Kunstwerke sind zu sehen, großteils europäische und nordamerikanische Klassische Moderne, aber auch neuere Werke chinesischer Künstler.

Selbstkontrolle nach den „Gesetzen des Landes“

Doch die Eröffnung wurde von einem Zensurfall überschattet: Der Direktor des Centre Pompidou Serge Lasvignes hat offiziell zugegeben, dass fünf Kunstwerke auf Ansinnen der chinesischen Behörden zurückgezogen wurden. Er sieht das leger, kenne ja die „Gesetze des Landes“: „Aber ich hatte hier die Freiheit zu tun, was ich wollte und was ich in Frankreich auch gemacht hätte.“ Und das ist mindestens ein Selbstbetrug.

Zum einen, weil sich das Centre Pompidou die Ausstellung regelrecht abkaufen lässt: Ewig klamm, ist es auf die 2,8 Millionen Euro Leihgebühr durchaus angewiesen, die Shanghai zahlt. Und Lasvignes musste genau in dem kunst- und kulturpolitischen Rahmen agieren, den die Kommunistische Partei in China vorschreibt. Dieser Rahmen aber wird, wie seit einigen Jahren beobachtet wird, unter der Herrschaft von Xi Jipeng immer enger gezogen.

In China sind Museen keineswegs frei. Sie sollen auch nicht, wie man in Europa, Nord- und Südamerika oder Japan als selbstverständlich voraussetzt, die Menschen zum selbstständigen Denken und Tun anregen. Das kann man beim Besuch auch nur eines Bruchteils der angeblich etwa 5000 Museen erleben, die es derzeit in dem Riesenland geben soll.

Egal ob es um Natur-, Medizin-, Technik-, Kultur- und Kunstgeschichte, um Archäologie oder moderne Kunst geht: Museen sind in China vor allem Instrumente, die den Machtanspruch der Kommunistischen Partei und sein neuestes Fundament, einen überbordenden Nationalismus, befestigen sollen. China muss immer an erster und herausragender Stelle stehen.

Frankreichs Präsident Macron eröffnet das Museum

Zwar ist in Erinnerung zu rufen: Auch die alte Bundesrepublik unter Brand, Schmidt und Kohl ging so manche Kompromisse ein, um in der DDR, in Polen oder der einstigen Sowjetunion kulturelle Schaufenster zu eröffnen. Sie waren immer zugleich auch Löcher im Eisernen Vorhang. Etwa mit den Goethe-Instituten. Oder mit der Sammlung Ludwig im Ost-Berliner Alten Museum. Auch dort durfte seit 1982 nicht jedes Kunstwerk gezeigt werden. Doch wurden solche Einschränkungen immer informell ausgehandelt.

In Shanghai aber wurde die Zensur öffentlich. Und der französische Präsident Macron musste dennoch, schon aus protokollarischen Gründen, das Museum eröffnen und damit die Unterwerfung des Centre Pompidou unter den Machtanspruch der Kommunistischen Partei quasi beurkunden. Die von Macron so oft beschworenen europäischen Werte, zu denen auch die Freiheit der Kunst und der Museen gehört, standen wieder einmal hinten an in China.