Sichtbarkeit ist das Anliegen der Stunde. Auffindbarkeit. Dass die Leute wahrnehmen, dass Unter den Linden das renovierte Prinzessinnenpalais gegenüber der Neuen Wache wieder offen ist. Und dass man den barocken Riegelbau  von Westen wieder durch seinen historisch richtigen Eingang betreten kann.

„Palais Populaire“ ist in die schwarze Wand eingestanzt, die einige Meter vor dem Gebäude eine Rampe  und eine Terrasse verbirgt und  im Kontrast zu dem strahlenden Weiß der Fassade schon von außen kenntlich macht, dass hier die Welt des Luxus und der Überformung beginnt:  „Arts, Culture & Sports by Deutsche Bank“.

Der vorige Kunstort der Deutschen Bank in Berlin, die Kunsthalle, die von 1997 bis Frühjahr 2018  jährlich drei bis vier große Ausstellungen zeigte, zuletzt  Fahrelnissa Zeid aus der Londoner Tate Modern, lag nur wenige Meter westlich des Prinzessinnenpalais’. Nummer 13 statt wie jetzt Nummer 5.

Schulen rennen die Bude ein

Aber an der Ecke Charlottenstraße habe man noch gefühlten Anschluss an die Bürokultur der Gegend gehabt,  während  die Linden ab der Staatsoper definitiv kein Alltagsareal mehr seien, sorgt sich auch Sara Bernshausen, ehemals stellvertretende Leiterin der Kunsthalle, die jetzt den Neustart des Palais Populaire, mit verantwortet. Da gäbe es durchaus eine Schwelle zu überwinden. Andererseits würden ihnen die Schulen jetzt schon die Bude einrennen, auf Monate hin seien die Vermittlungsangebote ausgebucht.

Also: Die Deutsche Bank hat ihre Kunsthalle geschlossen, das im 18. Jahrhundert erbaute, Anfang der 60er-Jahre von Richard Paulick rekonstruierte Prinzessinnenpalais gemietet und es vom Architekturbüro Kuehn Malvezzi außen renovieren, innen aber entkernen und mit einer rohen Betonkonstruktion und sichtbarer Deckentechnik neu gestalten lassen.

In dieser auch von zahlreichen digitalen Angeboten gestützten postmodernen Hochleistungseleganz soll eine Plattform geschaffen werden, auf der nicht nur die stattliche Kunstsammlung (55 000 Werke) besser präsentiert werden kann, sondern auch andere Aktivitäten der Bank  ins öffentliche Bewusstsein gehoben werden: das Engagement für die  Sporthilfe, die Philharmoniker  oder den Deutschen Buchpreis etwa.

Kunst, Sport, Vermittlung

Es gibt 750 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf drei Ebenen, auf denen – „The World on Paper“ – momentan Papierarbeiten der Sammlung gezeigt werden. Es gibt unterm Dach ein Atelier, in dem Veranstaltungen für bis zu 80 Personen stattfinden und Schulklassen einen hinter vornehmen Wänden verstaubaren Werkbereich vorfinden, sowie  im Untergeschoss eine Virtual Reality-Ecke, für die Sportler mit der Software Tilt Brush virtuelle Skulpturen geschaffen haben, die die Besucher – wenn die Brille funktioniert – erforschen können.

Und es gibt, vor allem, das Foyer, das bis auf den runden Counter völlig leergeräumt werden kann. Der gesamte Cafébereich, die Schließfächer, der Shop, alles ist mobil und lässt sich zugunsten einer zwischen den Außenwänden völlig freien Fläche wegrollen. Lebensraum für Kulturnomaden – wie viele Dienstleister hat die Kulturabteilung der Deutschen Bank erkannt, dass man den Menschen des 21. Jahrhunderts Habitate schaffen muss.

In der Öffentlichkeit Angebote wahrnehmen und wieder nach Hause gehen  war früher. Heute will jeder überall vorkommen und immer genau da abgeholt werden, Kaffee trinken und Musikhören, wo er ist. „Wünsche werden Wirklichkeit“, war der Slogan der Bank in den 60ern. Heute gibt es im Palais Populaire  eine kostenlose Clubnacht mit Ausstellungsbesuch.

Die Bedeutung der Durchsicht

„Wenn die Bauarbeiten in der Oberwallstraße beendet sind, kann man das Haus wieder von beiden Seiten betreten“, führt  Sara Bernshausen die Vision vom offenen Ort noch etwas weiter. Und auch im Ausstellungsbereich  sei nichts zugebaut worden. „Hinter allen Wänden sind Fenster, von beiden Seiten kann Licht herein!“ Das Kunsthaus als Passage: Die Durchsicht, ja Transparenz, dürfte ein dringliches Image-Anliegen der Deutschen  Bank sein.

Wo sogar die zusätzlich zum Wachpersonal  engagierten Kunsthistorikerinnen in den Ausstellungsräumen T-Shirts mit der Aufschrift „Speak to me“ tragen, kommt kein Verdacht auf, hier wolle jemand etwas verschleiern oder sorge sich nicht ums Allgemeinwohl. Und letztlich liegt bei aller Zeitgeistorientierung auch eine schöne Nostalgie in der Idee eines integrierten Kulturangebots.

Nämlich die Hoffnung, dass noch nicht alles Nische und online ist, sondern sich Menschen weiterhin für das interessieren, was links und rechts von ihnen angeboten wird. Eine Strategie, auf die auch die Zeitung baut. Die Werbung aber auch.