Viele der Filmaufnahmen aus der Colonia Dignidad entstanden ursprünglich zu Propagandazwecken
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BerlinVor genau 15 Jahren, am 10. März 2005, wurde Paul Schäfer, der Anführer der Sekte „Colonia Dignidad“, in seinem Versteck in Argentinien verhaftet. Über 35 Jahre lang hatte der Laienprediger in einem abgelegenen Anwesen im Süden Chiles Hunderte Deutsche zu hörigen Jüngern und Arbeitssklaven erzogen, Familien systematisch zerstört und über 200 Jungen sexuell missbraucht. Dass er sein Unwesen so lange treiben konnte, obwohl die Vorwürfe seit Mitte der 60er-Jahre in verschiedenen Medien kursierten, ist nicht nur ein politischer Skandal, sondern auch ein Thrillerstoff.

So kam vor vier Jahren Florian Gallenbergers Drama „Colonia-Dignidad – Es gibt kein Zurück“ in die Kinos. Daniel Brühl spielte einen chilenischen Oppositionellen, der in der Kolonie gefoltert wurde. Seit Dezember ist bei Joyn Plus, dem Streamingportal der ProSiebenSat.1-Gruppe und von Discovery, die deutsch-chilenische Serie „Dignity“ abrufbar. Hier spielt Götz Otto den Sektenführer, Devid Striesow den Lagerarzt, der einen Jungen erschießt – allein um die Qualität deutscher Waffen zu demonstrieren.

400 Stunden Filmmaterial

Der Held ist ein chilenischer Staatsanwalt, der von Schäfer missbraucht worden war und nun seinen einstigen Übervater stellen will. Auch wenn die Handlung fiktiv ist – dass die „Colonia“ sowohl beim chilenischen Militär als auch in der deutschen Politik einflussreiche Unterstützer hatte, gibt der Serie einen bedrückenden realen Hintergrund.

Idyll mit Getreuen: der diktatorische Sektenführer Paul Schäfer
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Filmreif ist schon die Entstehung: Ein Kleinbus mit Filmmaterial landete, vermittelt von einem chilenischen Kollegen, beim Berliner Produzenten Gunnar Dedio. Es war das Filmarchiv der Kolonie, bestehend aus fast 400 Stunden Film und 9 000 Fotos. Einen hohen sechsstelligen Betrag investierte Dedio mit seiner Firma Looksfilm in die Restauration, Aufarbeitung und Digitalisierung des Materials. Die Bilder waren ursprünglich für die Außenwerbung der „Colonia Dignidad“ gedacht, immer wieder zeigen sie singende Siedler in bunten Trachten und spielende Kinder. Doch schon die Tonbänder sprechen eine andere Sprache: Wie fanatisch Schäfer hier auf seinen Kurs einschwört, wie er Frauen als „faules, stinkendes, fleischliches Pack“ beschimpft, ist gespenstisch.

Vom Musterdorf zur Folterstätte

Die idyllischen Bilder werden von einstigen Mitgliedern eingeordnet. Regisseurin Annette Baumeister berichtet, dass die heute noch vor Ort Lebenden zunächst abweisend waren, weil immer wieder Filmteams über sie hergefallen seien. Doch es gelang ihr, das Misstrauen zu durchbrechen: Insgesamt 40 Interviews konnten geführt werden, mit Opfern wie mit Tätern. Manche Insassen wussten nicht mal, in welchem Jahr sich Dinge zugetragen hatte: Kalender und Medien waren verboten. Dank der Nachzeichnung der genauen Chronologie versteht man, warum die Siedler so duldsam mitarbeiteten. So beschreibt die erste Folge den Aufbau eines vermeintlichen „Paradieses“: Sie waren aus Furcht vor einer russischen Invasion nach Chile geflohen und bauten mit deutscher Gründlichkeit und voller Enthusiasmus ein autarkes Musterdorf auf. Doch wer mehr Rechte forderte, das Zusammenleben als Familie verlangte, wurde als „Verräter“ abgestempelt. Der rigide Anti-Kommunist Schäfer schaffte Privateigentum ab, erklärte Fronarbeit zum Gottesdienst, trennte die Geschlechter und machte die Beichte zu einem System der Denunziation. Selbst ranghöhere Mitglieder, die heimlich heiraten durften, mussten ihre Kinder abgeben. Es ist ein besonderer Moment, als ein Paar seine beiden Kinder auf Filmaufnahmen erkennt. Die Interviews zeigen, das die Gruppe nicht gleichgeschaltet war: Eine Frau wünschte sich den Tod Schäfers, eine andere hätte ihn mit ihrem Leben verteidigt. Fast alle befragten Männer waren als Kind von Schäfer vergewaltigt worden. Einer stellt klar: „Jeder wusste, was dem anderen widerfährt!“

Die Aufarbeitung ist nicht beendet

Als Wolfgang Kneese 1966 als erstem die Flucht gelang, dauerte es lange, ehr er Gehör fand. Paul Schäfer spannte die Politik für sich ein – sein Verbündeter, der Putschist Pinochet, wurde von den einfachen Mitgliedern als Retter gefeiert. Aus der „Colonia“ wurde ein Folterzentrum. Ein Kolonist berichtet, wie er 1978 ermordete Regimegegner verbrennen musste. Nach dem Ende der Ära Pinochet gelang es Schäfer und Co, sich mit kostenloser Krankenversorgung und Kinderbetreuung als soziale Wohltäter aufzuspielen. Nun ließ der Pädophile sich chilenische Jungs zuführen. Auch nach dem Tod von Schäfer (er starb 2010 in Haft) ist die Aufarbeitung noch nicht vorbei. In Chile sind weitere Prozesse wegen Missbrauchs und Waffenhandel anhängig.

Colonia Dignidad Dienstag um 20.15 auf Arte, am Mo, 16.3 und 23.3., um 22.45 in der ARD. Dignity (8 Folgen): abrufbar bei Joyn Plus