Beim Säugen schnurrt die Katzenmutter zur Beruhigung, sind sie satt, schnurren die Kleinen zurück.
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BerlinDer Kater schnurrt. Oder besser: Es schnurrt aus ihm heraus. Denn das Schnurren entströmt nicht nur bei geschlossenem Maul seiner Kehle, wo es den meisten Theorien zufolge entstehen soll, sondern der ganze Körper ist ein einziges Surren und Brummen, als läge da ein katzenförmiger Motor mit Pelzüberzug auf dem Sofa. Oder säße vor dem Napf oder drückte sich nachts im Bett mit aufs Kissen.

Was im Krankheitsfall ja absolut willkommen ist: Immer ran mit der schnurrenden Flanke an den schmerzenden Kopf oder Hals, etwas Besseres als so eine lokale Frequenztherapie kann einem gar nicht passieren. Tatsächlich soll die niederfrequente Schwingung von um die 25 Hertz die Selbstheilungskräfte unterstützen. Ursprünglich natürlich vor allem die der Katze. Aber für all das Futter, das man täglich in diesen Schnurrschlund hineinschaufelt, kann man sich hin und wieder ruhig eine Gegenleistung abgreifen und das Schnurrpaket auch mal dorthin schieben, wo es gerade gebraucht wird.

Wobei das Tier nicht nur in der offensichtlich freudigen Erwartung oder tiefen Entspannung schnurrt, sondern auch bei Unruhe, wenn die Familie geht oder jemand Fremdes in die Wohnung kommt. Das wirkt bestürzend rührend, so als würde der Kater die weiße Fahne hissen und rufen: „Tut mir nichts, ich bin's doch nur, der kleine Schnurrer!“ Die Wahrheit ist deutlich weniger menschenbezogen als man sich das in seinem Entzücken vorstellen mag: Das Schnurren ist auch ein selbstberuhigender Ton, eine Art „Om“, mit dem sich Katzen durch Krisen manövrieren.

Klar ist jedenfalls: Wenn der Kater schnurrt, kehrt ins digitale Zombietum des Alltags umstandslos das echte Leben ein. All die elektronischen Töne aus iPhones, iPads, Boxen und Computern verblassen in ihrer Schrillheit, man hält inne, guckt sich um, ob noch jemand anderer vor den Geräten atmet, jemand, den man – „Hörst du ihn?“ – auf das Schnurren hinweisen könnte, und lauscht. Man ist plötzlich da im sogenannten Hier und Jetzt und hat alle Zeit der Welt. Denn das Schnurren verlangt ja nichts von einem. Man kann den Kater dann streicheln, muss das aber nicht. Man muss auch weder Gassi gehen noch Krallen schneiden oder sich Sorgen machen, dass das Schnurren den Nachbarn stören könnte. Schnurren ist das perfekte Geräusch.

Wobei die Katze nicht das einzige Wesen ist, das schnurrt. Auch das Braunborsten-Gürteltier kann es in seiner Jugend, um der Mutter zu signalisieren, dass es satt und zufrieden ist (wenn es das jemals ist). Und Schleichkatzen wie die stets etwas hämisch wirkende Kleinfleck-Ginsterkatze, die schnurren auch. Bei „Ginsterkatze“ fällt mir die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ ein, Cheshire Cat im Original. Dieses philosophisch gestimmte Wesen, das erscheint und sich wieder auflöst, wie es gerade lustig ist, verleugnet zwar sein Schnurren als „verrücktes Knurren“, weil es anders als das Knurren der Hunde bei Wohlgefallen ertönt.

Das Grinsen der Grinsekatze aber, das stets noch einen Moment über dem Ast in der Luft schwebt, wenn der Rest der Katze, die dort saß, schon längst nicht mehr zu sehen ist, verbildlicht den Kern der Sache zugleich in schönster Poesie: Raumfüllend und rätselhaft, allgegenwärtig und flüchtig ist das Schnurren, und vermutlich weiß nicht einmal die Katze selbst genau, wie sie es macht.