„The Magical Dimension“  von Gudrun Krebitz
Foto: Sixpackfilm

BerlinDas Zebra als Wappentier für ein Festival mit Gedichten und Filmen ist eine gute Wahl. Wird dieser afrikanische Pegasus von uns wahrnehmungspsychologisch als ein weißes Tier mit schwarzen Streifen gesehen oder umgekehrt? Auf dem Körper des Zebras stehen beide Farbtöne in perfekter, strikt getrennter Schraffur nebeneinander. Zunächst bedeuten sie gar nichts, dienen der Tarnung in der Natur. Sie fusionieren erst im Kopf des Betrachters zum einzigartigen Muster und entfalten dort ihre Wirkung. Im Zweiklang und dank unserer kulturellen Erfahrung werden sie zur ästhetischen Kategorie. Das Zebrafell bietet durch seine zweigeteilt-harmonische Struktur eine schöne Metapher für die synästhetische Gestalt des Kinos, die allerdings noch viel komplexer ausfällt als dieses Fell. 

Bilder, Geräusche, Farben, Musik und spätestens seit 1930 auch die Sprache machen in ihrer Fusion den Film potenziell zum Gesamtkunstwerk schlechthin. Aber auch mehr als 120 Jahre nach Erfindung des Kinematographen wird die vorhandene Klaviatur nur ganz selten ausgeschöpft. Die meisten Filme klimpern höchstens auf zwei, drei Tasten herum, der Rest  liegt brach. Das ist einerseits ernüchternd, weist aber andererseits in die Zukunft. Bleibt doch noch viel zu tun. Sind Gedichte verfilmbar? Gewinnt oder verliert Poesie durch die Verbindung mit Bildern und Tönen? Oder büßt der Text seine Autonomie ein? Gibt er die in ihm wohnenden, nur individuell freisetzbaren „inneren Bilder“ zugunsten fremder Interpretationen auf? Anhand des Festivals lassen sich diese scheinbar komplizierten Wechselbeziehungen auf sehr direkte Weise untersuchen.

Selbstironie und schwarzer Humor

In diesem Jahr wird aus aktuellem Anlass ein aus vier Programmen bestehendes britisches Special angeboten. Darin lassen sich die genüsslich ausgestellten Eigenheiten der Inselbewohner nachvollziehen. Neben viel Selbstironie, schwarzem Humor und Limerick-Kaskaden gibt es mehrere herausragende Arbeiten mit ernsthafterem Ansatz zu sehen. Noch auf analogem 16-mm-Material drehte Tim Webb 1995 seinen „15th February“. Ausgehend vom Arbeitsweg eines Postboten durch die Flure und Straßen einer Suburbia-Siedlung entwickelt sich ein stets überraschend montiertes Mosaik über die dortigen Einwohner und die Innenwelten des Ich-Erzählers.

10. Zebra Poetry Film Festival

 5. bis 8. Dezember Kino in der Kulturbrauerei und Haus für Poesie (Knaackstraße 97)

Der von Peter Reading selbst gesprochene, zornig-sarkastische Text verwebt sich mit den Bildern stets assoziativ, so dass diese nie illustrierend ausfallen. Im sozial ebenfalls konkret verankerten „Here we go, Here we go, Here we go“ (2014) von Roxana Vilk spricht Rab Wilson ein Poem auf das Scheitern des großen Minenarbeiterstreiks der Jahre 1984/85. Fotos der einst stolzen Gewerkschafter und aktuelle Aufnahmen der heute verwaisten Schauplätze verbinden sich mit den Versen, die Wilson mit schwerem schottischen Akzent direkt in die Kamera deklamiert.

Überraschende Wiederbegegnung

„Rolling Frames“ von Katie Garrett entwirft nach Texten von Ella Jane Chappell in Hinterhofszenerien und Parklandschaften Variationen menschlicher Beziehungswelten zwischen Grazie, Distanz und Aggression. Der Film zeigt auch, dass Tanz vielleicht besser für die Interaktion mit Lyrik geeignet ist als viele andere, mit allzu nahe liegenden Bedeutungen bereits aufgeladene Bilder. Die besten Beiträge der deutschen Wettbewerbsblöcke stammen von jungen Frauen.

Eine überraschende Wiederbegegnung gibt es mit den anonym-volkstümlichen Versen, die mit „Dunkel war’s, der Mond schien helle, als ein Auto blitzeschnelle...“ beginnen und die wohl jeder irgendwann auf dem Schulhof gehört hat. Madeleine Brunnmeier, Valentina Alexander und Ronja Polzin liefern dazu in ihrer gleichnamigen Arbeit eine visuell kontrapunktische, an Jan Švankmajer erinnernde Materialcollage. Brunnmeier widmet sich in ihrem handgemalten Soloprojekt „Poem about Death“ zudem eindringlich dem gleichnamigen Gedicht der wichtigsten dänischen Lyrikerin Inger Christensen.

Reise nach Innen

An Heinrich Heines „Loreley“ nähert sich Marina L. Kanzian auf unbekümmert bunte, dabei durchaus achtbare Weise an. Einen Höhepunkt bilden sieben Minuten von Gudrun Krebitz mit dem Titel „The Magical Dimension“, umgesetzt nach einem eigenen Text, flankiert von Rilke- und Schillerpassagen. Ein Aufenthalt in Venedig wird hier zur Folie einer Reise nach Innen, zur Reflexion über den Sinn von Ortsveränderungen und sogar über die Sinnhaftigkeit künstlerischer Äußerungen überhaupt.

Realbilder, Farbflächen, handgezeichnete Figuren, Schriftzeilen sowie Silben, Verse, Geräusche und Musikfragmente (Ton: Marian Mentrup) verschmelzen in mehrerer Schichten zu einem Strom, der doch gleichzeitig die einzelnen Momente seines Fließens noch emanzipiert behandelt und spiegelt. „Wir können immer gleichzeitig an zwei Orten sein: in der realen Welt und in der magischen Welt.“, heißt es einmal im Text. Ja, so ist es. Deshalb gibt es das Kino.