Endlich ein Herr: Mario Adorf
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Es gibt zwei Arten von Schauspielern. Die einen erkennt man kaum wieder, weil sie immer wieder jemand anderes sind. Zu denen zählte Adorf niemals. Er war immer Mario Adorf, ein untersetzter kräftiger Mann, der zupackte und zuschlug, der gerne selbst auf ein fahrendes Auto sprang, wo andere sich von einem Stuntman hätten vertreten lassen. „Es machte mir Spaß“, sagt er. Und noch in „Krokodil“ tut der 82-jährige Adorf so, als trage er Alwara Höfels 100 Schritte eine leichte Anhöhe hinauf. Im Film macht sich sein Freund über ihn lustig, aber ein wenig lächelt in diesem Augenblick auch der Zuschauer über den alten Adorf, der noch immer mit Körpereinsatz spielt. Ein sehr schöner, selbstironischer Moment. Es ist jetzt schon siebenundzwanzig Jahre her, dass Mario Adorf hinüberwechselte ins Fach der Patriarchen.

Seine 1905 geborene Mutter, so erzählte Mario Adorf in einer Talkshow, habe 1993, als sie ihn als den großen Bellheim im Fernsehen sah, gesagt: „Endlich ein Herr!“. Adorf war 63 und hatte schon eine große Karriere als Raubein und Gangster in vor allem deutschen und italienischen Filmen hinter sich. In seinem Buch „Mit einer Nadel bloß. Über meine Mutter“, erschienen 2005, klang sie noch kühler: „Fast wie ein richtiger Herr.“ Er konnte es seiner Mutter offenbar nicht recht machen. Auch an ihrem 80. Geburtstag stritten sie, und sie sagte ihm: „ Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich dich abgetrieben.“

Dergleichen, sollte man denken, verträgt keine Beziehung. Adorf und seine Mutter stritten und versöhnten sich – und stritten sich wieder. Sein Buch über sie zeigt den Adorf, den man in seinen Filmen so gut wie niemals sah. Ein Mann, der sich über seine eigene Lage beugt und sie mit bewundernswerter Objektivität betrachtet. Er sieht die Härte seiner Mutter und er zeigt die Lebensumstände, die sie so hart gemacht haben. Der Leser begreift, dass Adorf, den seine Mutter ein paar Jahre aus Armut in ein Waisenhaus hatte geben müssen, versteht, dass seine Mutter ohne diese Härte nicht hätte überleben können.

Karl Marx und Mussolini

Mario Adorf war, bevor er zu einem der zahllosen Kleinkriminellen wurde, die die Filme der 60er-Jahre bevölkerten, ein Mitglied im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Er spielte in Inszenierungen von Fritz Kortner und erzählt gerne, was der über das Publikum sagte: „Misstrauen Sie dem Applaus des Publikums. Sie wissen ja nicht, wer da unten sitzt! Das sind vielleicht die gleichen Leute, die gestern einen Schwachsinn bejubelt haben und morgen eine Genietat auspfeifen werden.“ Kortner wusste sehr genau Bescheid über das Publikum. Das hatte schließlich zugesehen, wie viele seiner umjubelten Lieblinge im Laufe der NS-Jahre aus dem Land vertrieben oder in die Gaskammern geschickt wurden. Auf die Liebe des Publikums ist kein Verlass.

1973 zeigten die italienischen Kinos „Der Fall Matteotti“, die Geschichte jenes sozialistischen Abgeordneten, dargestellt von Franco Nero, den Mussolini, dargestellt von Mario Adorf, 1924 ermorden lässt. Ein großer Publikumserfolg in einem zwischen rechten und linken Attentaten zerrissenen Italien, in dem die Geheimdienste mit Terrorattentaten beschäftigt sind, während ganze Landesteile vor die Hunde gehen. Im Sommer des Jahres bricht in Neapel die Cholera aus. „Der Fall Matteotti“ ist ein Warnschrei. Das ist auch die 1974 erschienene Böll-Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. In deren Verfilmung von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta spielt Mario Adorf den Kommissar Beizmenne. Eine Demonstration auch das.

Mario Adorf ist vielleicht der einzige Schauspieler, der sowohl Benito Mussolini als auch Karl Marx dargestellt hat. Für die Verwandlung in den alten Marx verbrachte Adorf drei Stunden in der Maske. Aber so wie er den Mund auftat, war er wieder Mario Adorf. Er verwandelt sich nicht. Aber er verleibt sich ein, was er für seine Rollen braucht. Er füttert sich und die von ihm gespielten Charaktere mit dem Leben der anderen. Den Generaldirektor Heinrich Haffenloher, den er in „Kir Royal“ spielte – „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast“ –, hatte er sich, den rheinischen Dialekt inklusive, abgeschaut von einem lebenden Vorbild, das sich wütend in Adorf erkannte.

Auf dem Bau und in der Boxschule

Seit 1992 gibt es den Erzähler Mario Adorf, ein kühler, dabei zärtlicher Beobachter des Lebens. Den Schauspielunterricht finanzierte er sich mit der Arbeit auf dem Bau, daneben ging er in eine Boxschule. So war er immer gleichzeitig drinnen und draußen. Eine gute Arbeitsgrundlage für den Schauspieler, aber auch für den Autor, zu dem er erst spät wurde und der er jetzt auch schon seit Jahren nicht mehr ist. Ein langes, beneidenswert genutztes Leben.

Seine Mutter starb mit 92 Jahren. Ich bin sicher, Mario Adorf denkt heute an sie. Und wir mit ihm. Auch das ist sein Werk. Er beschrieb, wie distanziert er jede Einzelheit des Sterbens seiner Mutter beobachtete. Immer der Schauspieler, der nach etwas schaut, das er vielleicht verwenden kann für eine Filmszene. Und dabei der Gedanke: „So wirst auch du eines Tages daliegen“. Und dann die Einsicht, dass er den eigenen Tod „leider nicht mehr in eine Rolle umsetzen könnte.“

Lieber Mario Adorf, tun Sie bitte noch lange so, als wäre es eine Leichtigkeit, junge Frauen über die Schwelle zu tragen. Setzen Sie sich an den Computer und schreiben Sie! Wir wollen Sie noch lange sehen, hören und lesen, lieber, hoch verehrter Mario Adorf.