Berlin - Ein Freitagmorgen in Kreuzberg. Die Sonne strahlt, Fahrradfahrer rasen die Möckernstraße am Gleisdreieckpark entlang, die Kälte kitzelt in der Nase. 

Wir sind verabredet mit einem jungen Paar, das sich der irren, allerdings nicht freiwillig ausgesuchten Herausforderung gestellt hat, einen Gastro-Pub in Zeiten der Pandemie zu eröffnen – und zwar in einem noch unentdeckten Fleckchen Kreuzbergs an der Grenze zu Schöneberg, im neu gestalteten Möckernkiez, wo Wohnblöcke in die Höhe schießen und ein junges, urbanes Klientel anlocken, das in den Abendstunden nach Zerstreuung sucht.

Diese Zerstreuung könnte es im Gastro-Pub The Neighborhood Berlin geben, gäbe es diese verflixte Pandemie nicht. Melissa und Christian Günther heißen die Betreiber.

Ihr Plan war es, eine hippe Bar zu eröffnen, in der sich die Bewohner des Kiezes abends zum gepflegten Cocktail treffen, in der Unbekannte zusammenkommen, um sich kennenzulernen, zu reden und später dann, wenn der Hunger kommt, ein paar Chicken Wings oder Californian Sliders, also Mini-Burger, zu teilen.

Es ist anders gekommen als gedacht. Die Bar haben sie eröffnet – unter schwierigsten Bedingungen. Jetzt müssen Melissa und Christian Günther ihre ganze Kreativität zusammennehmen, um den Winter zu überstehen. Die Überlebensstrategie heißt „Take Away“ – alles nur zum Mitnehmen.

Foto: Volkmar Otto
Blick in The Neighborhood Berlin in Kreuzberg

Aus der Kreuzberger Kälte hinein in die frisch renovierten Räume an der Möckernstraße 91. Sofort fällt die New Yorker Einrichtung auf: die lange Bar aus schwerem Holz, an den Wänden die Regale mit feinsten Tequila-Flaschen aus Mexiko, daneben exzellente Whiskey-Sorten aus den USA.

Die Bar ist glänzend-grün gekachelt, die Wände sind unverputzt, der Stuck ist sensibel restauriert worden. In der Ecke blubbert fein duftender Filterkaffee. Eine Stimmung wie in einer coolen Ostküsten-Bar der USA. 

Eine Liebesgeschichte zwischen Deutschland und den USA

Spätestens bei der Begrüßung versteht man, warum das Setting ein wenig an Manhattan erinnert: Melissa Günther, 39 Jahre alt, stammt aus den Vereinigten Staaten, aus Albany, Bundesstaat New York. Sie ist ein Energiebündel, spricht so schnell, wie man es den New Yorkern nachsagt.

Ihr Ehemann Christian, 33, kommt aus Potsdam. Ein sportlicher Kerl, groß und drahtig, von dem man einen festen Händedruck erwarten würde, gäbe es die Begrüßungsform des Handreichens noch.

Die Geschichte der beiden führt zurück in die USA. Als Christian vor fünf Jahren ein Auslandsstudium samt Praktikum in New York absolvierte, lernte er Melissa kennen – schicksalhaft in einer Bar, im Down the Hatch im West Village, wo sie als Kellnerin arbeitete.

„Meine Schicht ging gerade zu Ende“, erinnert sich Melissa. „Ich habe mich mit einer Freundin unterhalten. Dann kam Christian herein und, na ja, wir kamen ins Gespräch.“ Ein Kennenlernen, wie es nur in New York passieren kann, sagt ihr Ehemann.

Melissa und Christian verliebten sich ineinander und wurden ein Paar, obwohl der damalige BWL-Student bereits einen Monat später zurück nach Berlin fliegen musste. Was folgte, war eine Fernbeziehung zwischen New York und Deutschland.

Nach einer turbulenten Zeit, in der beide versuchten, einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt zu finden, fiel die Wahl schließlich auf Berlin, obwohl Melissa die Stadt anfangs nicht mochte. „Alles war so schmutzig und so unorganisiert. Und das sage ich als New Yorkerin! Potsdam gefiel mir viel besser“, sagt sie und lacht.

Dennoch war sie diejenige, die ihren Freund davon überzeugen musste, zurück nach Deutschland zu ziehen. „Das Leben ist hier viel einfacher als in den USA. Viel günstiger.“ Christian ließ sich überreden. Die Günthers beschlossen, einen lange gehegten Plan zu realisieren: die Eröffnung eines eigenen Gastro-Pubs.

Wie sind die Deutschen? Innen weich, außen hart

Der Plan ist aufgegangen. Im Dezember 2019 unterzeichneten die heutigen Eheleute einen Mietvertrag für The Neigborhood Berlin. Qualitativ hochwertige Drinks und kreatives Bar-Food aus den USA jenseits von Burger und Fritten sollte es geben.

„Uns geht es nicht ums schnelle Geld“, sagt Christian Günther. „Unser Ziel war es, einen Ort zu erschaffen, der eine Wohlfühlzone für die Nachbarschaft ist. Man kann hier abends seine Freunde treffen, ein paar gute Drinks genießen – und wenn der Hunger kommt, gibt es auch noch etwas Gutes zu essen.“

All das folgt dem amerikanischen Gastro-Pub-Konzept. „So ähnlich funktionieren Bars in New York“, sagt Melissa. „Man kann ganz allein in eine Bar gehen, etwas essen oder trinken, ohne sich gleich einsam oder komisch zu fühlen“, sagt sie.

Diese Kulturtechnik müsse man den Deutschen noch ein bisschen beibringen. Schließlich, so empfindet es die US-Amerikanerin, seien die Deutschen „Kokosnüsse“ – außen hart, innen weich. Sie bräuchten Zeit zum Warmwerden.

Foto: Volkmar Otto
Melissa und Christian Günther mit Hund an der Bar.

Jetzt kommt das Frühstück, eine Spezialdisziplin des Gastro-Pubs, amerikanisches Breakfast als Finger Food serviert. Bestellt wird der Breakfast Burrito, eines der kreativsten und in Deutschland noch recht unbekannten Gerichte auf der Speisekarte – eine Tortilla mit Ei, Speck, Kartoffeln und Käse.

Gleich der erste Biss beweist es: Der Burrito schmeckt wie in den USA, wie in einem Diner in New York oder San Diego. Als Beilage gibt es würzige Saucen – etwa Pice de Gallo oder Salsa Roja, von Hand nach einem original mexikanischen Rezept zubereitet, mit all jenen authentischen Gewürzen, die man in Europa nur schwer bekommt.

Christian Günther stellt noch einen Teller mit kleinen Breakfast-Sliders auf den Tisch, drei kleine Hamburger, mal belegt mit gehacktem Würstchenfleisch von einer Metzgerei in Nürnberg, mal mit Speck und mal mit Rösti, jeweils in einer Brioche von einem portugiesischen Bäcker serviert. Die Produkte sind von höchster Qualität, verspricht Christian. Man schmeckt das auch.

Corona und die Folgen für die Gastronomie

Alles wäre so wunderbar, gäbe es nicht diese Pandemie und ihre Folgen für Berlins Gastronomen. Melissa und Christian Günther haben in den vergangenen zehn Monaten eine Menge Arbeit und ihr ganzes Geld in die Bar investiert. Als die Pandemie nach Europa kam, gab es keinen Weg mehr zurück – der Mietvertrag war unterschrieben. „Wir wussten: Wir müssen eröffnen und das Beste daraus machen“, sagt Christian Günther.

Foto: Meike Bergmann
Californian Sliders (mit Hühnchen) im „Neighborhood Berlin“. 

Anfangs dachten sie noch, die Pandemie werde bald vorübergehen. Aber das Virus blieb, und die Probleme wuchsen. Die Renovierungsarbeiten waren herausfordernd und kostspielig. Auch die Bauarbeiter mussten Sicherheitsabstände einhalten, die Fertigstellung verzögerte sich um Wochen. Zugleich verschwand jegliche Hoffnung, unter normalen Umständen eröffnen und die Zusatzkosten refinanzieren zu können.

Bei der Eröffnung im Juli 2020 war nur ein provisorischer Verkauf von Drinks möglich. „Wir haben uns das alles ganz anders vorgestellt. Unsere Bar lebt von der Atmosphäre. Das Take-Away-Konzept kann kein Ersatz für einen Restaurantbesuch sein. Das alles ist so frustrierend. Wir weinen, wir schreien, wir sind wütend. Aber es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut richten können“, sagt Melissa Günther. Sie weiß ja auch: Niemand hat sich die Pandemie ausgesucht.

Die finanzielle Situation in der Berliner Gastronomie ist angespannt

„Am Anfang waren wir noch entspannt“, berichtet Christian Günther. „Doch dann, als der Travel Ban kam und unser Koch aus San Diego nicht einreisen konnte, wurden wir nervös. Wir wollten nicht mit schlechter Qualität an den Start gehen. Also blieb uns nichts anderes übrig, als erst einmal nur den Barbetrieb zu öffnen – ganz ohne Küche.“ Erst seit dem Herbst bieten sie Speisen an, seitdem der kalifornische Koch die Qualität und Echtheit der Gerichte überwacht. Alles soll so schmecken wie in den USA.

An den Sommer erinnern sich die Günthers dennoch gerne. Sie improvisierten, organisierten Drink-Tastings und nutzten den Außenbereich. Nachbarn und Neukunden waren begeistert vom Angebot. Dann kam der Herbst und mit ihm der Lockdown light. Wenn Melissa und Christian Günther über die aktuelle Situation sprechen, verschwindet zum ersten Mal während der Begegnung die Begeisterung aus ihren Stimmen. 

Foto: Volkmar Otto
Der Außenbereich des Gastro-Pubs an der Yorckstraße in Berlin-Kreuzberg.

Ihre finanzielle Not wollen sie nicht verschweigen. Das Paar hatte im November 2019 keine Einnahmen, ihre Bar war damals noch nicht eröffnet. Danach richten sich aber die Novemberhilfen. Die Günthers fielen also in eine rechtliche Lücke. Trotzdem durften sie bei der Investitionsbank Berlin Hilfen beantragen. Für Neu-Unternehmer basieren die Novemberhilfen auf dem Durchschnittsverdienst des Sommers.

Das Problem ist nur: Der Sommerverdienst spiegelt nicht die realen Einnahmen, die ohne Pandemie erzielt worden wären. „Es gab im Oktober eine Sperrstunde, auch im Sommer haben wir also nicht so viel eingenommen, wie wir wollten – wegen der Schutzmaßnahmen gegen Corona“, sagt Christian Günther. „Wir freuen uns natürlich über jede Unterstützung. Die aktuellen Hilfen sind dennoch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein.“

Schutzmaßnahmen gegen Corona: „Es ist einfach ungerecht“

Er versteht die Anti-Corona-Schutzmaßnahmen. Und fühlt sich doch im Stich gelassen – von der Politik, dem Land Berlin, seinen Interessensvertretern. „Ich habe den Eindruck, dass die Bundesregierung mit der Gastronomie und der Unterhaltungsbranche ein Exempel statuieren will. Die Regierung will den Menschen zeigen, dass sie etwas tut. Das Problem ist aber: Es funktioniert nicht. Der ganze Lockdown light ist irrational. Wir werden einfach als Feigenblatt benutzt.“

Ob Ein-Euro-Shop oder Kaufhäuser – viele potenzielle Infektionsräume seien weiterhin geöffnet, beklagen sie. „Es ist einfach ungerecht. Wir finden, die Schutzmaßnahmen sollten fair und verständlich sein“, sagt Melissa Günther. Ihr Ehemann sieht es ähnlich: „Wenn die Politik sagt, ein Lockdown ist notwendig, dann sollte das Land in einen Lockdown gehen. Nur die Restaurants und Theater zu schließen – das bringt einfach nichts. Wir fühlen uns alleingelassen. Als würden wir der Politik nichts bedeuten.“

Der Winter wird noch lang – der Lockdown könnte bald kommen

Christian Günther ist Mitglied im Gastronomieverband Dehoga. Er hat trotzdem den Eindruck, dass seine Proteste nicht gehört werden. „Das Land Berlin scheint zu ignorieren, dass die Hauptstadt wenig zu bieten hätte ohne die Hotels, die Clubs und die Gastronomie. Warum wird das nicht ausgesprochen?,“ fragt er.

Vor der Eröffnung hätte das Land Berlin mit vielen Richtlinien die Renovierungsarbeiten in den Räumen an der Möckernstraße erschwert, die Vorgänge seien extrem bürokratisch gewesen. Doch er und seine Frau hätten alle Auflagen erfüllt. „Und jetzt? Keiner hört uns zu.“

Die Günthers würden sich gerne mit den Entscheidungsträgern aus der Politik an einen Tisch setzen und ihnen erklären, was der Lockdown light dem wichtigsten Wirtschaftszweig dieser Stadt antut. Sie hoffen auf eine Lösung. Lange werden sie nicht mehr durchhalten können. Sie wissen: Der Winter ist noch lang. Und der harte Lockdown in Sichtweite.

The Neighborhood Berlin, Möckernstraße 91, 10963 Berlin, Mi-Fr 12-20 Uhr, Sa + So 12-15 + 17-20 Uhr.