2. März: Beim Oscar 2014 versammelt Moderatorin Ellen DeGeneres (Mitte) Stars wie Brad Pitt, Jennifer Lawrence und Meryl Streep zu einem Selfie. Bradley Cooper (vorn) drückt auf den Auslöser. Auf Twitter wird es in einer Stunde mehr als 1,4 Millionen Mal retweetet.
Foto: Ellen Degeneres

BerlinDie mit dem Aufkommen der menschheitsgeschichtlich ersten Universalmaschine einhergehende Kulturrevolution ließ nicht lange auf sich warten: Das Smartphone als massentaugliche, dabei handschmeichelnde und spieldaddelschöne Allzuständigkeitsschnittstelle für den hypermodernen, also raum- und zeitbeschleunigten Menschen erschien im Jahre 2007, hieß iPhone, war von Apple und hatte, dies vor allem, eine Kamera – fortan sollte das nun jederzeit und jedenorts mögliche Selbstporträt das Internet und damit die neuen Öffentlichkeiten überschwemmen.

Mit dem Selfie vollendete sich eine technische Entwicklung, die bis dahin nur als digitales Paralleluniversum wahrgenommen worden war. Das Internet bestand schon seit den frühen 2000ern als soziales Netzwerk; an manche Unternehmung wird man sich noch erinnern: Myspace (2003), Orkut und Xing (2004), Facebook (2004), StudiVZ (2005), Bebo (2005), Twitter (2006), Diaspora (2010), Instagram (2010), Google+ (2011), Snapchat (2011). Eine voll ausgebaute Infrastruktur, die sich nun mit dem Smartphone – mit anderen Worten: der mobilen Internetnutzung – ab den 2010er-Jahren in eine Boom-Zone verwandeln sollte.

Narzisstische Vollverblödung

Das Selfie ist die originäre Kunstform dieser bis heute erfolgreichen, sich immer noch beschleunigenden Durchsetzungsgeschichte. Mit dem Smartphone ließ sich die bis dahin abstrakte Internetsphäre mit der vertrauten Lebenswelt auf zumindest scheinplausible Weise kurzschließen: Und das Selfie ist nichts anderes als das Medium dieses Kurzschlusses – Menschen schauen gern in den (digitalen) Spiegel. Sie können sich an sich selbst nicht sattsehen. Das ist seit Menschengedenken so, erinnert sei nur an den antiken Mythos vom schönen Jüngling Narziss, der sich in sein Spiegelbild verliebt.

Nun klärt uns die Geschichte von Narziss allerdings auch über die in der Selbstverliebtheit begründete Selbstgefährdung auf, schließlich verschmachtete und verhungerte der Schönling vor seinem Ebenbild. Also darf hier die Warnung vor der narzisstischen Vollverblödung im Selfie-Modus nicht fehlen: Die uns von allen einschlägigen Portalen entgegen-dröhnende Selbstentblößungslust gewährt beängstigende Einblicke in ein digital getriebenes, global betriebenes Bootcamp für Ich-Vermarkter. Mit dem Selfie betritt der Mensch einen weltweiten Aufmerksamkeitsmarkt und lernt, sein Selbstbild allein nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage zu gestalten.

Darin besteht schließlich der tiefere Sinn sozialer Netzwerke: Sie definieren das Ich als unendliche Ressource und beuten es dann nach Strich und Faden aus. Die nützliche Idiotie, die sich im Selfie eitel spreizt, taugt indes nicht als Überlegenheitsbefund fürs abgehängte Analog-Prekariat. Selbstverständlich kann man sich über den Irrsinn belustigen, das komplexe Selbst- und Weltverhältnis eines Menschen in dem Einzugsbereich seiner – durch einen Handystick nur leicht erweiterten – Armlänge zu bannen. Etwas weniger schadenfroh ließe sich aber auch sagen, wie sehr die notorische Vergewisserung seiner selbst eine prinzipielle Unsicherheit des Selbst verrät.

Zu seiner Verfassung gehört offenbar die Krise: Das „Ich denke“ und „Ich bin“, von dem sich der Philosoph René Descartes so viel versprach, ist eine wacklige Konstruktion. Aus diesem Grund umstellt sich der Mensch mit Seinesgleichen und noch lieber mit Bildern seiner selbst – und nennt das stolz seine Kultur. Auch die Sprache und das Sprechen führen ihn nicht aus dem Gefängnis seiner unruhigen Innerlichkeit, denn Kommunikation ist ihm bestenfalls eine manierlich vorgetragene Form gegenseitiger Störung. Noch vor der erhabensten und schroffsten Natur sieht und spürt er nur sich. Und posiert vor der prächtigen Urlaubskulisse, so als sei sie allein deswegen da, ihm und seinem Selbst zu gefallen.

Privatheit als Futter

In dieser mit Beispielen beliebig verlängerbaren Geschichte menschlicher Ego-Spiegeleien fügt das Selfie nur eine weitere Facette hinzu. Mit dem digitalen Selbstporträt dekorieren wir uns die Welt fototapetenschön. Jedenfalls aber nach dem eigenen Bilde. Noch nie war es so einfach, ein Bild von sich zu machen und es zu veröffentlichen. Zwar haben Künstler zu allen Zeiten Selbstporträts angefertigt, und auch in der Fotografie beförderten Fern- und Selbstauslöser alsbald das eitle Spiel mit dem eigenen Bild. Doch heute genügt ein schlichter Jedermann-Klick – und das Selfie wird in den weltweiten Umlauf geschickt. Die Vermassung des Ich setzt das Ich in nie dagewesener Weise frei …

Und kassiert die Freiheit sogleich wieder ein: Zumeist ohne allzugroße persönlichkeits- oder datenschutzrechtliche Bedenken füttern wir die Internetkonzerne und die ihnen angeschlossenen Geheimdienste mit unserer Privatheit. So entsteht durch unser eifriges, zumeist der Selbstbefriedigung dienendes Tun ein Datenschatz von unermesslichem Wert. Das Selfie ist hier Symptom: Mit ihm vollendet sich nur, was in der marktkonformen, nämlich als Ressource unendlich ausbeutbaren Idee vom Ich immer schon angelegt war.