In „Die deutsche Ideologie“, einem trotz des tollen Titels wenig bekannten Frühwerk von Karl Marx, heißt es: „Die herrschenden Gedanken sind Ausdruck der herrschenden Verhältnisse.“ Übersetzt heißt das: Unsere Gedanken sind nicht frei. Die Welt wird nicht von uns gedacht, sondern wir von ihr. Wer Hunger hat, träumt vom Essen. Wer zu viel isst, träumt von einer Diät.

Der postmoderne Konsument aber träumt davon, zu viel zu essen und gleichzeitig schlanker zu werden. „Iss so viel du willst, aber bewusst“, lautet seine Ideologie. Der Trick: Nicht das Richtige tun, sondern das Falsche, aber selbstkritisch. Womit ich jetzt – sorry – auf das Berliner Stadtschloss komme. Man hat das zombiehafte Wiedererstehen des Preußentempels auf den Ruinen des Palastes der Republik als ahistorisch und triumphalistisch bezeichnet. Ich würde eher sagen: Es ist der bei weitem ehrlichste geschichtsphilosophische Move, den die Berliner Republik bisher gemacht hat.

Doch der Reihe nach. Im Juni war ich Gast der Arte-Sendung „Durch die Nacht“. Darin besucht man eine Reihe von Berliner Orten, und ich wählte natürlich das damals noch geschlossene Stadtschloss. In einer Art negativem Narzissmus wollte ich der Erste sein, der sich nervt. Denn ich bin, wie der Spiegel einmal über mich und andere Linke schrieb, eine „Berliner Heulsuse“, die immer das Haar in der Suppe findet. Das wäre, dachte ich mir, im Stadtschloss besonders einfach.

Wer macht so was? Der Bau ist die Materialisierung eines imperialen Albtraums, mitten in die Befindlichkeitskultur Berlins gekotzt. Schon der erste Innenhof: riesig und völlig baumlos, dafür mit einem Touri-Bistro bestückt, das den Betrieb schon aufgenommen hatte. Es roch nach Filterkaffee und Würstchen, die paar Gäste hatten aggressive „Haben Sie eine Dreherlaubnis?“-Gesichter aufgesetzt. Innen aber spukte bereits als Schlossgespenst das unglückliche Bewusstsein der Berliner Republik: das Humboldt-Forum.

Humboldt-Forum: Sogar die Ausgrabung wirkt unecht

Im Eingangsbereich der Ausstellung, die extra für den Dreh geöffnet wurde, lief eine interaktive Video-Installation von Fischschwärmen. Eine Kuratorin empfing uns und redete charmant von der „Kritik des Anthropozän“, einer „multiperspektivischen Wissenschaftsgeschichte“ und einigen weiteren – Marx hätte wohl gesagt: herrschenden – Ideen. Dann ging es an aufgeschlagenen Büchern, ausgestopften Tieren und Ölgemälden von alten weißen Männern vorbei, versehen mit Hinweisen auf deren Verbrechen in Europa und anderswo.

Die afrikanischen Schädel, für die das Humboldt-Forum berüchtigt ist, seien „noch nicht da“, hieß es. Stattdessen führte man uns in einen großzügig ausgeleuchteten Keller. Dort waren Ziegelmäuerchen zu sehen, die Fundamente alter Kirchen und sonstiger Gebäude aus der Vor-Friedrich-Zeit. Seltsam: Sogar diese Ausgrabung wirkte unecht. An welche Zeitlichkeit appellierte all das? Wie in einem Traum schienen Afrika und Europa, Preußen-Trash und Würstchen, Fische und Menschen zu einer totalen Gegenwart zu verfließen.

Als ich wieder aus dem Stadtschloss trat, war ich duselig im Kopf: Die ganze Weltgeschichte, begraben unter tausend Tonnen Beton und einem Machtkritik-Kurs für Dummies! Erst mal was essen, dachte ich mir. In einem Spezialsaal, erzählte mir der Wirt begeistert, solle später sogar das Keuchen eines ermordeten Elefanten zu hören sein. Würstchen essen und sich gleichzeitig bei den Verwursteten entschuldigen, das ganze in einem barocken Schloss: Der alte Dialektiker Marx hätte sich über die upgedatete „Deutsche Ideologie“ amüsiert, in der Friedrich der Große dem Bistro-Wirt über alle Genozide hinweg die Hand reicht.

Milo Rau ist Regisseur, Autor, Aktivist und Intendant des NTGent in Belgien. Zuletzt von ihm erschienen: „Das Neue Evangelium“ (Film), „Grundsätzlich unvorbereitet“ (Buch) und „Everywoman“ (Stück).