Das größte Wartezimmer Deutschlands liegt mitten in Berlin. Zwei Stunden hat RTL die Zuschauer seiner „Supertalent“-Aufzeichnung in der Nachmittagssonne rumstehen lassen. Dann erbarmt sich der Sender und öffnet die Ränge. Daniel Hartwich kommt auf die Bühne und erklärt, was im Laufe des Abends passiert: „Wir haben Kandidaten, die sind toll. Und wir haben Kandidaten, die sind auch irgendwie toll, nur anders.“

Die Zuschauer sollen klatschen, johlen, buhen – nur bei älteren Leuten und Kindern „bitte freundlicher“. „Apropos ältere Leute: Wir haben ja ’ne neue Jury“, witzelt Hartwich – und ruft Thomas Gottschalk rein, der sich neben seine frühere „Wetten, dass ..?“-Kollegin Michelle Hunziker ans Pult setzt, bevor Dieter Bohlen als Letzter auftaucht, offensichtlich mit ziemlich schlechter Laune.

Ohne erkennbare Regung

Auf dem Weg zum Pult schmeißt er eine Wasserflasche um, und als einer von den Rängen „Dieter for President“ brüllt, dreht Bohlen sich um und ruft: „Wenigstens einer, der Ahnung hat.“ Mit keinem weiteren Wort begrüßt die Jury ihr Publikum, Hartwich („schönen Abend noch“) ist schon wieder verschwunden, und der erste von dreizehn Kandidaten an diesem Abend wird vor die Jury geschoben: ein zwölfjähriger Junge, der angeblich „jüngster DJ“ der Welt ist, ohne erkennbare Regung an seinem Plattenteller herumschraubt. Quälender als die Aufführung ist nur die anschließende Entscheidungsfindung. Alle wissen: Mit „Supertalent“ wird das nix. Aber wie bringen wir’s dem Kerlchen bei?

Derzeit zeichnet RTL in Berlin seine neue „Supertalent“-Staffel auf, die „erfolgreichste Showreihe im deutschen Fernsehen“, wie der Sender erklärt. Im vergangenen Jahr hatte die erstmals mit sinkenden Quoten zu kämpfen. Dieses Jahr soll es wieder bergauf gehen, mit Gottschalk als Jury-Joker. Aber wer am ersten Aufzeichnungstag dabei ist, ahnt Schlimmes: Nach fünf Staffeln ist niemand mehr übrig, den RTL erst auf die Bühne und dann durch den Kakao ziehen kann.

Gottschalk zuliebe soll es nicht mehr ganz so obszön zugehen wie in den vergangenen Jahren, als Kandidaten Kerzen ausfurzten oder vom Bauch ihres halbnackten Partners Spaghetti herunterschlabberten. An diesem Freitagabend zeigt sich, was dann vom „Supertalent“-Konzept übrig bleibt: gar nichts. Ein paar kleine Hunde vermasseln ihrem Frauchen den Auftritt, weil sie ihre Kunststücke nicht hinkriegen; ein Bildhauer lässt seine selbstgebastelte Schrottfigur E-Gitarre spielen und sagt nachher: „Ich war mir auch nicht sicher, ob ich hier richtig bin“; in den Umbaupausen singt Marcel aus dem Publikum was von Chris de Burgh, das Dieter Bohlen anscheinend nicht gefällt.

Unprofessionelle Entstehung

Ist der „Poptitan“ sauer, dass ihm RTL Gottschalk vor die Nase gesetzt hat? Oder Bohlens Übellaunigkeit speist sich aus ehrlichem Entsetzen darüber, mit welchem Dilettantismus seine Produktionsfirma die Aufzeichnung bewerkstelligt. Die größte Überraschung des Abends ist, wie unprofessionell „Das Supertalent“ entsteht – obwohl die Verantwortlichen jahrelange Erfahrung mit solchen Shows haben. Umbaupausen werden unnötig in die Länge gezogen, weil es ewig dauert, bis ein Mikrofonständer ausgetauscht ist.

Nach dem Auftritt eines Feuerschluckers kriegt die Mannschaft das glitschige Feuerspuckbenzin nicht mehr von der Bühne und schrubbt zu siebt eine Viertelstunde den Boden. Eine provisorisch mit Klebeband befestigte Matte löst sich während des Auftritts einer Akrobatentruppe – dass die einfach weitermacht und sich nicht das Genick bricht, ist weitaus professioneller als die Leistung der Leute vom Fernsehen. Nach anderthalb Stunden gibt es eine Pause, in der Wasser ans Publikum in der Halle verteilt wird, die zur Sauna geworden ist.

Kein Gefühl für den Ablauf, technische Probleme, katastrophale Kandidatenauswahl: in dieser Form ist die Show eine einzige Geduldsprobe. Kein Wunder, dass in den vergangenen Tagen berichtet wurde, RTL habe über eine Agentur Zuschauer kaufen müssen, die sich in die Halle setzen.

Anstatt sämtliche Auftritte munter durcheinanderzuwürfeln, sollen die Aufzeichnungen der neuen Staffel in sich geschlossen sein. Das ist heikel für RTL, weil sich schwache Abende nicht mehr so leicht mit fetzigeren Versatzstücken ausgleichen lassen. Die Dramaturgie muss von Anfang an stimmen. An diesem Freitag stimmt gar nichts. Ein Flop wird vom nächsten gejagt, und auf der Bühne stehen wieder Kandidaten, deren eigentliche Qualifikation der Schicksalsschlag ist, mit dem sie sich anmoderieren müssen.

Petra ist unheilbar krank und singt „What a wonderful world“; ein Schlosser berichtet vom Kampf seiner Frau mit dem Krebs, und dass ihm das Amt den Sohn weggenommen hat. Dann malt er Edvard Munchs „Der Schrei“ nach – eine halbe Ewigkeit. Bohlen wird vom buhenden Publikum gefeiert, als er auf den Buzzer drückt, um zu signalisieren, dass ihm das nicht gefällt. Gottschalk ziert sich und sagt nachher, als die Jury das Werk signiert, damit der Kandidat es wenigstens bei Ebay verkaufen kann: „Von Nahem ist es nicht so schlecht, aber man muss sehr nah rangehen.“

Durchschnittliche Hundetricks

So richtig wohl zu fühlen scheint Gottschalk sich in dieser Kulisse nicht. Er mag den Leuten nicht ins Gesicht sagen, wenn sie versagt haben. Wie auch? Zu „Wetten, dass ..?“ sind ja immer nur echte Talente gekommen, die ein Kunststück monatelang einstudiert hatten. Beim „Supertalent“ sitzt Gottschalk wie festgetackert hinterm Pult und muss ein paar durchschnittlichen Hundetricks ein Lob abgewinnen. Bohlen wirkt so, als sei ihm der ganze Mist egal: Wenn ihm ein Auftritt nicht passt, straft er den Kandidaten mit Ignoranz und sortiert seine Notizzettel.

Gerade hat RTL Journalisten zur Berichterstattung ins Tempodrom eingeladen, obwohl die meisten sowieso schon da waren. Karten gab’s ja genug. Die übrigen sollen jetzt eine „Verschwiegenheitserklärung“ unterschreiben. Wer vor der Ausstrahlung was über die Show verrät, muss „mindestens 25 000 €“ Vertragsstrafe zahlen. Dabei braucht sich der Sender keine Sorgen zu machen, dass was Geheimes rauskommt: Weil im deutschen Fernsehen wirklich nichts so egal ist wie das nächste „Supertalent“.