„Tanz“ von Florentina Holzinger ist die „Inszenierung des Jahres“.
Foto: Georg Wendt/dpa

BerlinWie jedes Jahr kommt zum Ausklang der Sommerpause das neue Jahrbuch des Fachblatts „Theater heute“ heraus. Darin enthalten sind die Ergebnisse der Umfrage unter Kritikerinnen und Kritikern und mithin die Antwort auf die Frage: Welches ist das Theater des Jahres? Dazu gleich. Erst einmal soll der Moment der nun wieder einsetzenden Betriebsroutine markiert werden, die – anders als in den 2500 Jahren der neueren Theatergeschichte zuvor in diesem späten August nach der längsten Sommerpause aller Zeiten – freudig begrüßt wird. Willkommen, Althergebrachtes! Guten Tag, ihr Gewohnheiten! Hallo, ihr Betriebsnasen! Wir feiern euch gerade deshalb, weil jetzt mit den Abstandsregeln, den erhofften Lockerungen und der Angst vor einem neuen Shutdown alles anders sein wird in den Theatern.

Denn manches ist eben doch wie immer. Auch in diesem Jahr haben 44 Kritikerinnen und Kritiker (diesmal hat sich der hier schreibende seiner Stimme enthalten) zum vorzeitig in der Ausgangssperre verreckten Saisonende im Mai ein Formular ausgefüllt und ihre Favoriten in den acht Kategorien benannt. Der in Berlin lebende arbeitslose Theaterleiter Matthias Lilienthal darf sich für die Münchner Kammerspiele, deren Intendant er bis zum Sommer war, ein weiteres Mal den Titel „Theater des Jahres“ anheften. Der Abstand ist markant: dreizehn Nennungen! Das zweitplatzierte Theater steht in Bochum und kommt noch nicht einmal auf die Hälfte.

Damit wird sicher auch das Bedauern darüber ausgedrückt, dass München das theaterpolitisch interessante Projekt Lilienthals ohne Not nach nur einer Amtszeit von fünf Jahren auslaufen lässt. Lilienthal hatte das für seine Schauspielkunst im Münchner Bildungsbürgertum hochgeschätzte Ensembletheater international und für freie Gruppen geöffnet und den Repertoirebetrieb mit den agilen Produktionsweisen der freien Szene unter Stress gesetzt. Es rumpelte in der Belegschaft, es gab Kündigungen von Ensemblemitgliedern. Der Gegenwind aus Presse, Publikum und Politik war hart, aber als in der dritten Saison die Entscheidung gegen eine Vertragsverlängerung getroffen wurde, lief der Laden plötzlich, warf Früchte ab – unter anderem das zum Theatertreffen eingeladene Großprojekt „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping – und wurde von den Münchnern immer mehr gefeiert. Das stieß Lilienthal in Identitätsverwirrung, wie er im Interview mit dieser Zeitung beschrieb: „Also ich weiß es auch nicht so richtig: Bin ich das größte Arschloch der westlichen Hemisphäre oder habe ich etwas extrem Spannendes hingekriegt?“

Die Gewinner der „Theater heute“-Kritikerumfrage 2020

  • „Schauspielerin des Jahres“: Sandra Hüller
  • „Schauspieler des Jahres“: Fabian Hinrichs
  • „Inszenierung des Jahres“: Florentina Holzingers „Tanz“
  • „Theater des Jahres“: Münchner Kammerspiele
  • „Stück des Jahres“: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer
  • „Bühnenbild des Jahres“: Julia Oschatz für „Hamlet“ (Regie: Weise)
  • „Kostüme des Jahres“: Victoria Behr für „Amphitryon“ (Regie: Fritsch)

Doch weiter: „Schauspielerin des Jahres“ ist – nun schon zum vierten Mal in ihrer Karriere – Sandra Hüller, geehrt wird sie für ihren Bochumer Hamlet (Regie: Johan Simons). Und Fabian Hinrichs bekommt für die René-Pollesch-Performance im Friedrichstadt-Palast das Abzeichen „Schauspieler des Jahres“. Eigentlich ist es egal, dass die beiden von den gegenüberliegenden Enden der Bühnenkunst kommen – vom Rollenspiel und von der Performance. Sie erreichen mit der Intensität und der Präsenz ihres Spiels beide höchstes Identifikations- und Mitdenkfieber im Publikum. Dass sie eine Frau und ein Mann sind, ist dabei noch egaler. 

Anders als neuerdings bei der Berlinale, die im Bemühen um Fortschritt in der Gleichstellungsfrage ihre Schauspielpreise nur noch genderneutral verleiht, gibt es in der „Theater heute“-Umfrage noch zwei einzelne Kategorien für den Schauspieler und die Schauspielerin des Jahres. Dies so beizubehalten – ist das eine chauvinistische Gönnergeste, die wie beim Männer- und Frauensport eine chancengleiche Konkurrenz zwischen den Geschlechtern für undenkbar hält (geschweige denn, dass nonbinäre Menschen überhaupt vorkommen), oder ist es ein Streben nach Parität, mit der die schiefe Ausgangslage für einen Wettbewerb verbessert werden soll, denn natürlich stehen noch immer mehr Männer im Rampenlicht?

Der Bundesverband Schauspiel beklagt den geschlechtsneutralen Silbernen Bären für die beste Schauspielleistung, weil das benachteiligte Geschlecht im Schutz der weiblichen Kategorie sichtbar gehalten wurde. Stimmt doch! Und genau dafür hatte ja das Theatertreffen für zwei Jahre eine Frauenquote von 50 Prozent auf der Regie-Position eingeführt. Was sofort zu der Frage führte, warum nur auf dieser Position und warum nicht auch für andere Minderheiten. Es gibt viele Fangeisen auf dem Weg zur Gerechtigkeit.

Bei der Umfrage von „Theater heute“ sind – wie auch anderswo üblich – alle weiteren Kategorien nicht geschlechtsbinär sortiert, da werden die Inszenierung, das Bühnen- oder Kostümbild des Jahres gesucht, egal, ob eine Frau oder ein Mann dafür verantwortlich zeichnet. Und die Pointe ist: All diese Rubriken sind in der Umfrage von Künstlerinnen gewonnen worden. Das „Bühnenbild des Jahres“ stammt von Julia Oschatz, die am Maxim-Gorki-Theater Christian Weises „Hamlet“-Inszenierung (Titelrolle geschlechtsüberkreuz besetzt und grandios gespielt von Svenja Liesau) in ein Labyrinth zwischen Realität und Pappfilmset gepflanzt hat. Das „Kostümbild des Jahres“ hat neuerlich Victoria Behr an der Schaubühne für die Herbert-Fritschiade „Amphitryon“ mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle entworfen.

Und die „Inszenierung des Jahres“ – „Tanz“ von Florentina Holzinger – packt das Geschlechterthema noch einmal hart und fest von der fleischernen Seite an und macht, was sich als organisations- und sprachtheoretische Problemfinesse durch die Debatten und auch durch diesen Text zieht, als Schmerz sichtbar. Dieser Schmerz der tief in unsere Kultur eingeschriebenen Benachteiligung und Diskriminierung ist es, von dem das Mühen um Gerechtigkeit ausgehen sollte. Um sich erstens nicht zu verfranzen im Kleinklein und andererseits keine Mühen und Umgewöhnungen zu scheuen. 

Und nun zu der Frage, ob sich aus dem Votum außer der feministischen Lesart etwas über den Stand der Dinge für unsere Theaterstadt herausorakeln lässt? Also auch wenn Berlin in der Rubrik „Theater des Jahres“ ein bisschen durchhängt in diesem Jahr, kommt die Stadt in den Kategorien Kostüm- und Bühnenbild des Jahres vor, und natürlich freuen wir uns mit René Pollesch, dem künftigen Volksbühnen-Intendanten, weil er Florentina Holzinger für sein Theater verpflichten konnte.

Theater 2020 – Die große Pause. Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute, ab 28. August im Handel, Theaterverlag Friedrich Berlin, 160 S., 35 Euro