Annemie Vanackere, HAU Theater.
Quelle: Benjamin Pritzkuleit

BerlinAnnemie Vanackere leitet seit 2012 das Hebbel am Ufer in Berlin, die Hauptspielstätte des rennomierten „Tanz im August“-Festivals. In diesem Jahr findet das Festival als „Special Edition“ statt – in Form eines Online-Programms und mit Performances im Berliner Stadtraum.

Berliner Zeitung: Frau Vanackere, bevor Sie unter Covid-Bedingungen wieder mit regulären Vorstellungen in die neue Spielzeit starten, ist der Tanz im August das letzte Festival an Ihrem Haus, das mehr oder minder nicht stattfindet. Wie muss man sich das vorstellen?

Annemie Vanackere: Als die Krise begann, waren wir gerade dabei, die letzten Beiträge für das Festival zu programmieren. Dieser Prozess wurde gestoppt. Wir haben nicht gleich entschieden, dass der Tanz im August annulliert wird. Anders als bei Spy on Me #2, dem Festival, das im März genau zum Lockdown hätte starten sollen. Da haben wir gleich geschaut, was wir online machen können. Es hat zum Thema gepasst. Es ging um künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart, und Akteur*innen wie dgtl fmnsm oder Chris Kondek und Christiane Kühl haben da gleich mitgedacht. Beim Tanz im August war es anders. Wir haben ein paar Wochen gewartet, aber im April wurde klar, mit all den internationalen Gastspielen, den vielen Reisen, das wird nicht realisierbar sein. Jetzt gibt es den Tanz im August als Special Edition. Es gibt keine Vorstellungen, sondern alternative Formate. Zwei analoge Formate im Stadtraum, ein Online-Programm und das Magazin, nicht nur digital, sondern auch auf Papier.

Gibt es in dieser Special Edition überhaupt etwas zu sehen?

Es geht bei dieser Ausgabe von Tanz im August nicht so sehr ums Sehen, auch wenn wir vor dem HAU 2 eine Leinwand aufgebaut haben und regelmäßig Filme gezeigt werden. Die Filme wurden fast alle für diesen Rahmen produziert. Es sind Positionen der Künstler*innen, Reaktionen auf die jetzige Situation, auf ihre Arbeit, auf die nicht gezeigten Stücke. Es gibt im HAU 2 die öffentlich zugängliche „Tanz im August“-Bibliothek. Sie ist als Anlaufstelle jeden Tag geöffnet und draußen wird das Public Viewing sein. Das heißt, Menschen können hierher kommen. Auch für die Live-Gespräche mit den Künstler*innen und die Digitale Konferenz, die wir zu der Frage „How to be together?“ veranstalten. Wir haben in den vergangenen Monaten wahnsinnig schnell lernen müssen, wie das funktioniert, live zu senden. Es werden Personen hier vor Ort sein, in Philadelphia, in Brüssel und anderswo. Es geht darum, die Akteur*innen miteinander zu verknüpfen und trotz ihrer physischen Abwesenheit einen Live-Moment zu erzeugen. Durch eine solche Live-Situation lässt sich eine Form von Gemeinschaft herstellen, auch wenn jeder für sich ist.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Die Belgierin Annemie Vanackere leitet seit 2012 das HAU, sie folgte in der Position auf Matthias Lilienthal. Sie hat Theater- und Filmwissenschaft sowie Philosphie in Leuven und Paris studiert, hörte an der Sorbonne Jaques Derrida.
Von 1995 bis 2011 war sie an der Rotterdamse Schouwburg beschäftigt, anschließend war sie künstlerische Leiterin des internationalen Theater, Tanz- und Performancefestivals in Rotterdam, De Internationale Keuze van de Rotterdamse Schouwburg, welches sie im Jahr 2001 mitbegründet hatte.

Von 1995 bis 2011 war sie an der Rotterdamse Schouwburg beschäftigt, anschließend war sie künstlerische Leiterin des internationalen Theater, Tanz- und Performancefestivals in Rotterdam, De Internationale Keuze van de Rotterdamse Schouwburg, welches sie im Jahr 2001 mitbegründet hatte.

Aber das kann das physische Zusammenkommen von Menschen nicht ersetzen.

Natürlich nicht. Es ist etwas anderes und aus meiner Sicht sind wir jetzt genau dazu herausgefordert, mit den Möglichkeiten dieses Zusammenkommens zu experimentieren, die uns der digitale Raum bieten kann. Das finde ich eine große Aufgabe. Gruppen wie dgtl fmnsm entwickeln dafür schon seit Jahren Formate. Etwa ein digitales Foyer, wo man sich vorab trifft. Wir sind eine andere Generation, aber die Jungen treffen sich dauernd online – und sie fühlen sich dabei sehr verbunden.

Man hat bei vielen Theatern den Eindruck, dass sie vor allem wieder zu ihrer alten Normalität zurück wollen. Das HAU gehört zu den Einrichtungen, die von Anfang an sehr konsequent einen anderen Weg gegangen sind. Glauben Sie, dass sich hier ein Unterschied zeigt zwischen großen Kulturinstitutionen und der vielleicht beweglicheren freien Szene?

Solche Vergleiche möchte ich nicht anstellen. Aber für uns als Team war es sehr produktiv, mit dem Begriff der Mutation zu agieren. Es gibt einen interessanten Essay des Soziologen Paul B. Preciado, „Vom Virus lernen“, den er geschrieben hat, als er im Februar in Paris selbst an Corona erkrankt war. Es muss uns doch klar sein, dieses Virus ist da, um zu bleiben. Wir müssen damit umgehen. Nur Widerstand dagegen zu leisten, kann nicht die richtige Antwort sein. Wir haben uns gefragt, wie mutieren wir selbst mit dem Virus, das ja letztendlich von unserer Lebensweise mit erzeugt worden ist? Wie können wir neu denken, wie wir miteinander umgehen? Diese Pandemie legt die Probleme wie unter einem Brennglas offen. Wir sind aufgefordert, über unseren eigenen Sektor nachzudenken. Nur zu sagen, wir wollen wieder tanzen, das geht aus meiner Sicht nicht. Ein bekanntes Zitat aus der chilenischen Widerstandsbewegung sagt: „Wir wollen nicht zurück zur Normalität, denn die Normalität war Teil des Problems.“ Das gilt auch hier, für alle. Wir müssen als Theater mutieren.

Beim Tanz im August finden jetzt zwei Formate im Stadtraum statt. Ist das für Sie Teil dieser Mutation?

Ja und nein. Solche Formate hat es auch schon vorher gegeben, aber sie haben jetzt ein anderes Gewicht und einen anderen Kontext. Beim Radioballett der Gruppe Ligna kommen 200 Menschen zusammen, mit Distanz natürlich. Sie sind zunächst gar nicht im öffentlichen Raum als Publikum erkennbar, sie sind mit Kopfhörern ausgestattet und bekommen von 13 beteiligten Künstler*innen Anweisungen zugeflüstert. Beim Radioballett wirst du Teil eines gemeinsamen Körpers im öffentlichen Raum. Eine solche Erfahrung hat in der jetzigen Situation eine eigene Dimension. Ähnlich, nämlich über schriftliche Anweisungen im Stadtraum, funktionieren die Untitled Instructional Series von William Forsythe.

Schmerzt es Sie nicht, wenn die Menschen im Theater nicht mehr richtig zusammenkommen können?

Doch, sehr. Menschen haben immer zusammen getanzt und Musik gemacht. Theater hat sich aus Ritualen, aus Gemeinschaftssinn entwickelt und die physische Nähe, auch vor der Vorstellung und in den Pausen, gehört einfach zum Theater dazu. Wenn wir jetzt im HAU 1 wieder eröffnen, ist der Raum auch mutiert. Wir haben die UdK-Bühnenbildklasse von Janina Audick eingeladen, anknüpfend an Preciados „Virus“-Text etwas Neues zu entwerfen. Das heißt nicht, Stühle auszubauen oder dergleichen, sondern: Dieser Raum muss konstruktiv mit der neuen Situation umgehen. Aber die Nähe beim Zuschauen, beim Lachen, Staunen, Traurigsein ist im Theater so viel wichtiger als im Kino oder in der bildenden Kunst. Es wird anders sein, wenn alle weit voneinander entfernt sitzen.

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