Berlin - Das Gefühl luxuriöser Bevorzugung war bald nach Übertreten der Schwelle dahin. Wir hatten uns in der Ku’damm-Boutique einen Termin geben lassen, für etwa 20 Minuten hatten wir den modisch gestylten Ladenraum zum Auswählen und Anprobieren ganz für uns allein. Schon bald kam das Gespräch auf die Lage, die Franchise-Nehmerin mochte die Umstände ihrer Malaise, mit der sie uns in anderen Zeiten wohl kaum behelligt hätte, nicht mehr verbergen. Wir verließen das Geschäft mit zwei Artikeln und tauschten Durchhalteformeln aus, allein schon wegen des Bedürfnisses nach einer Anstandsgeste. War der Einkauf am Ku‘damm bis dahin stets eine Form des demonstrativen Konsums, mit dem man vor allem sich selbst gegenüber zum Ausdruck bringt, sich nicht nur etwas leisten zu können, sondern dies auch zu wollen, so stellten sich, zurück auf dem Trottoir, umgehend Unmutsgefühle ein.

Was in der Sphäre des Warenhandels zuletzt recht und schlecht durch den Einfallsreichtum und die Leidensfähigkeit der Händler noch gelingen mochte, ist in den Bereichen der Kunstproduktion und der Distribution von deren Ergebnissen nahezu unmöglich. Der Kulturbetrieb leidet, und auf kuriose Weise gehört es zum allgemeinen Befinden dazu, dieses Leiden kaum angemessenen vermitteln zu können. In einer Zeit, in der es allen schlecht geht, erscheint die Kultur als verzichtbarer Luxus. Was es für ein Orchester heißt, seit einem Jahr ohne Publikum auskommen zu müssen, ist mit der Vorstellung einer besonders langen Pause keineswegs erfasst. Nur Musiker vermögen zu beurteilen, was es für einen Chor und jeden einzelnen ihrer Sänger bedeutet, zum besonderen Gefahrenträger der Pandemie geworden zu sein. Die künstlerische Sensibilität selbst ist auf die Resterampe geraten, seit die Corona-Krise von jedem Einzelnen Einschränkung, Verzicht und – wenn es gut läuft – Aufschub verlangt.

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