Ein Foto von 2018: Gewimmel auf der Leipziger Buchmesse.
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Berlin - Aus der Meldung, dass die üblicherweise im März stattfindende Leipziger Buchmesse für 2021 auf den Mai verlegt wurde, kann man zweierlei lesen: erstens den Willen, das Branchentreffen und Lesefest unbedingt stattfinden zu lassen. Denn in der Ankündigung heißt es, dass der neue Termin Veranstaltungen im Freien erlauben dürfte. Zweitens ist damit leider auch der Beweis erbracht, dass die ungleiche Paarung Kultur und Corona noch weiterbesteht.

Wer eben noch hoffte, nach einem Jahr müsste der Spuk vorbei sein, bekommt nun Schluckauf. Wir erinnern uns: Die Leipziger Buchmesse war im März die erste große Kulturveranstaltung hierzulande, die wegen der Ansteckungsgefahr aus den Kalendern getilgt wurde. Damals (zehn Tage vor Beginn) saßen die Autoren schon fast auf gepackten Koffern, die Verlage hatten Hotels, Messestände und Fahrkarten längst gebucht. Die nun langfristige Umplanung kann ihnen nur nutzen.

Frankfurter Buchmesse: Zehn Prozent des Vorjahres

Das international größte Treffen der Buchbranche findet traditionell im Herbst in Deutschland statt: die Frankfurter Buchmesse. Vor Monaten schon entschieden die Veranstalter, an deren Termin festzuhalten. In sechs Wochen ist es so weit, natürlich mit Hygienekonzept. Doch wird diese Messe ganz anders als üblich aussehen. Zwar waren längt Übersetzungen von Büchern aus dem Schwerpunktland Kanada beauftragt und werden auch erscheinen, präsentieren können sich die Verlage von dort erst nächstes Jahr - hoffentlich. Überhaupt will oder kann nur ein Bruchteil der ausländischen Aussteller anreisen. Aus Sorge vor Ansteckung verzichten auch die deutschen Konzernverlage von Random House, Holtzbrinck und Bonnier auf ihre Messestände, die sonst ganze Messelandschaften sind. Es fehlen also so große Publikumsverlage wie C. Bertelsmann und Blanvalet, Rowohlt und S. Fischer, Piper und Carlsen. Die Zählung nach dem Anmeldestopp zeigt bitterlich: Die Ausstellerzahl der Frankfurter Buchmesse 2020 entspricht etwa zehn Prozent des Vorjahres.

Nichtsdestotrotz leitet die Staatsministerin für Kultur vier Millionen Euro an den Main, um Standgebühren günstiger zu machen und digitale Formate zu unterstützen. Das Geld kommt aus dem Programm Neustart Kultur, das rund eine Milliarde Euro umfasst. Es unterstützt den Deutschen Literaturfonds, der es in Stipendien und einen neuen Preis verwandelt, Geld bekommen auch Veranstalter für Lesungshonorare, Buchhandlungen können ihren  Online-Auftritt fördern lassen und Verlage haben die Möglichkeit, einzelne Buchprojekte unterstützen zu lassen.

Brauchen wir Leserinnen und Leser diese Hilfen eigentlich? Während es nicht möglich ist, Konzerte wie früher zu erleben, während Theater sich mit Abstand anders anfühlt als im vollen Saal, während man in Ausstellungen eine Maske tragen muss, hat sich am Erlebnis des Lesens nichts geändert. Die Kräfte der Literatur, ihre Aufklärung und Unterhaltung wirken in der Einsamkeit noch unmittelbarer als zwischen lauter Ablenkungen. Wer am allerliebsten liest, ist gegenüber dem Kinogänger und Theaterbesucher immer schon im Vorteil. Das Buch, ob aus Papier oder auf dem Tolino, Kindle was auch immer, lässt anders leben, anders denken, anders fühlen. So traurig es ist, einen Gedichtband zuzuschlagen oder aus dem Reich eines Romans auszusteigen, Trost und Ausweg warten im nächsten Buchladen und der städtischen Bibliothek.

Die Messen sind dafür da, den Bücher-Nachschub zu organisieren, sie verknüpfen Agenten, Lektoren, Übersetzer, Verleger und Buchhändler miteinander. Auch im digitalen Zeitalter wuchsen diese Marktplätze weiter vor Ort. Die Verfasser der gehandelten Werke sind auf Buchmessen eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Jedoch hat sich gerade Leipzig als Lese- und Leserfest etabliert, als Reaktion auf die Konkurrenz zu Frankfurt nach der deutschen Vereinigung. Die Nähe des Autors, die Chance des direkten Gesprächs mit einer Schriftstellerin oder einem Lyriker ist nicht zu unterschätzen. Ein Vers, gesprochen von der Verfasserin, ein Satz, öffentlich gelesen vom verehrten Autor, hat eine besondere Aura. Deshalb hat Berlin großes Glück, dass ab Mittwoch eine ganze Reihe von Autoren nicht nur per Video zugeschaltet werden, sondern live zu erleben sind, wenn das Internationale Literaturfestival stattfindet.

Alles ist anders seit diesem Frühjahr, und es wird anders bleiben in den kommenden Monaten. Für die Literatur wissen wir nun: Der Corona-Einschnitt gilt mindestens bis Mai. Der Sommer 2020 dauert dem Kalender nach noch an, der Bücherfrühling ist bereits verschoben.