Nina Hoss spielt eine Lehrerin am Musikgymnasium. Wie in Jan-Ole Gersters Film „Lara“ gibt eine Frau die Ansprüche an sich nun an andere weiter. 
Foto: Peter Hartwig

BerlinEhrgeizige Frauen haben im Kino ein doppeltes Empathieproblem. Einerseits sind sie den meisten Zuschauern einfach unsympathisch, andererseits werden sie als Figur in der Interaktion mit anderen selbst meist als frostige Gefühlsanalphabetinnen gezeigt. Das sind dann diese Frauen, die am Ende aufgefordert werden, ihren „knochigen Hintern“ wegzubewegen. Dies ist zugegeben ein altes Beispiel – Sigourney Weaver in „Working Girl“ – aber doch ein ikonographisches. Das Kino, auch das jüngste, europäische, (zuletzt  „Little Joe“ mit einer skrupellosen Genetikerin) ist voll von solchen „knochigen“ Frauen, die, von ihren Ambitionen besessen, jenseits ihres Perfektionismus’ nichts wahrnehmen.

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Die Familie: Entfremdungen und Brüchen

Die Regisseurin Ina Weisse geht diesen Klischees nicht in die Falle. Das hat weniger damit zu tun, dass sie selbst eine versierte Schauspielerin ist und Schablonen auch in ihrer Rollenwahl nicht in Erwägung zieht – sie interessiert sich schlicht nicht dafür. Ihre Hauptfigur Anna (Nina Hoss) ist zwar eine Geigerin mit hohen Ansprüchen an sich selbst, der Film „Das Vorspiel“ aber kein klassisches Musikerdrama. Vielmehr fächert er subtil und präzise das Psychogramm einer Familie auf.

Diese hier ist, wie so oft im bildungsbürgerlichen Milieu, der Ort größter Verletzungen und größter Geborgenheit. Die intime Nähe lässt Grenzen verschwimmen oder verhindert sie ganz. Entfremdungen und Brüchen gehen fast immer heftige Grenzüberschreitungen voran. So war es in Ina Weisses furiosem Spielfilmdebüt „Der Architekt“ von 2008, und so ist es auch hier.

Und noch etwas findet sich wieder: Die Wortlosigkeit bei gleichzeitiger Ungeniertheit in körperlicher Hinsicht. Einmal hilft Anna ihrem Vater (Thomas Thieme) von der Toilette, kurz zuvor hatte er ihren Sohn misshandelt, was Anna deutlich untersagt. Das ist ihr Dilemma: Sie weiß, was los ist mit ihr und mit der Familie, aus der sie kommt, schafft aber den Absprung nicht. Nicht mit ihrem ebenso sanften wie selbstbewussten Ehemann (Simon Abkarian), nicht mit dem enigmatischen Liebhaber (Jens Albinus), nicht mit ihrem pubertierenden Sohn und am allerwenigsten mit der Musik.

Geiger, die Physiotherapeuten werden

Denn die klassische Musik verlangt nach Perfektion, vertuschen lässt sich nichts. Daran ist Anna schon längst gescheitert, als die Filmhandlung einsetzt. Sie lehrt an einem Berliner Musikgymnasium, aus der Orchesterlaufbahn, die sie ursprünglich einschlagen wollte, ist nichts geworden. Lampenfieber, Zittern im Handgelenk, nicht einmal Betablocker halfen.

Das sind alltägliche Lebenskurven im Umfeld der Klassik. Geiger, die Physiotherapeuten werden, Fagottisten, die hinschmeißen und Medizin studieren, ganz zu schweigen von den Pianisten, die in ihrer Isolation noch gefährdeter sind, sich selbst zu zerstören. Anna spielt nicht mehr wirklich, sie lässt spielen: Als Lehrerin ist sie eine Koryphäe, unerbittlich und kompetent. Wie sie ihrem Schüler erklärt, dass es auf die Tonvorstellung ankommt, zeigt, dass Ina Weisse sich das Wissen über diese Dinge nicht angeklebt hat, ihre Darstellung der Streicher beruht offensichtlich auf eigenen Kenntnissen.

Berliner Tempo

Anna wird mit einer Szene eingeführt, in der sich von ihren Kollegen deutlich abhebt. Anders als diese, die in ihrer Routine verächtlich geworden sind, erkennt sie eine Begabung bei einem Jugendlichen intuitiv auch hinter Fehlhaltungen und Schwächen. Der Junge (Ilja Monti, tatsächlich ein exzellenter Geigenschüler) wird jedoch zunehmend zu ihrem Objekt – das ist die Grenzverletzung, der sie erliegt, obwohl sie darum weiß. Nina Hoss kann diese Zerrissenheit allein durch ihren Blick, das Zucken einer Lippe, eine abrupte Bewegung sichtbar machen, ihr Spiel zeichnet das Porträt einer zutiefst gespaltenen Frau.

Natürlich drängt sich der Vergleich mit Jan-Ole Gersters jüngstem Werk „Lara“ auf, jener ebenfalls von stellvertretender Ambition gemarterten Mutter, in diesem Fall ist es der erwachsene Sohn. Den unterschwelligen Sadismus der von Corinna Harfouch gespielten Lara-Figur findet man jedoch in Anna nicht, und auch nicht jenes Maß an Selbstabtötung.

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Die einstige Klavierstudentin Lara spielt nicht mehr, Anna wagt es sogar, öffentlich in einem Konzert mit einem bekannten Streichquartett zu versagen. Der Mitwirkung des Kuss-Quartetts verdankt der Film viel von seiner Aura, ganz zu schweigen von der sinnlichen Bildgestaltung durch die Kamerafrau Judith Kaufmann. Charlottenburg – nicht zusammengestückelt, sondern geografisch genau – hat sie in eine Art leuchtendes Dunkel getaucht. Anna kann durch die Fülle und Schönheit der Orte nur hetzen. Bachs Presto, das sie ihren Schüler rhythmisch klatschen lässt, ist ihr Lebenstempo geworden. Am Ende trägt es damit genau denjenigen aus der Kurve, den sie eigentlich beschützen wollte.

Das Vorspiel 
Dt. 2019

Regie: Ina Weisse;
Drehbuch: Daphne Charizani, Ina Weisse;
Kamera: Judith Kaufmann;
Darsteller: Nina Hoss, Simon Abkarian, Thomas Thieme, u.a.
99 Min. FSK ab 12