Das Wachsfigurenkabinett.
Foto: imago images/Prod.DB

BerlinIm Dezember 1924 notiert Joseph Roth nach einer Pressevorführung: „Der Film weht vorüber, wie ein Traum in mehreren Teilen.“ Seine Einlassung war nicht abfällig gemeint, er lobt auch die „Einheitlichkeit der Stimmung“ und hält fest: „Es werden nicht viele spielerische, heitere, anspruchslose und dennoch künstlerische Filme bei uns hergestellt.“ (Eine heute noch zutreffende Analyse!) Der spätere Bestsellerautor hatte gerade „Das Wachsfigurenkabinett“ von Paul Leni gesehen.

Das Schauermärchen war eines jener Werke, die im Fahrwasser des durchschlagenden „Caligari“-Erfolgs heruntergekurbelt wurden – augenzwinkernde Spektakel mit von Dämonen besessenen Antihelden, die durch gemalte Dekors und schiefe Kulissen taumeln. Nicht zufällig spielt auch Conrad Veidt mit, der vier Jahre vorher im „Cabinet des Dr. Caligari“ den Cesare gegeben hatte.

Diesmal geht es um einen jungen Schriftsteller, der auf einem Rummelplatz einen Job annimmt. Er soll ein paar gruselige Texte zu den im Kabinett ausgestellten Figuren verfassen: über einen osmanischen Tyrannen, über Iwan den Schrecklichen und über Jack the Ripper. Der Mann setzt sich sofort hin und beginnt zu schreiben. Als Zuschauer erleben wir nun eine simultane Visualisierung seiner Niederschrift, die drei Unholde werden vor unseren Augen zum Leben erweckt. Zuletzt geht alles gut aus, der Morgen vertreibt die Gespenster. Und der junge Mann erobert die schöne Tochter des Schaustellers, sieht mit ihr einer wunderbaren Zukunft entgegen.

Als Auftragsproduktion der Ufa entstand das „Wachsfigurenkabinett“ 1923 in den Ateliers von Joe May an der damaligen Franz-Joseph-Straße 5–7, der jetzigen Liebermannstraße in Berlin-Weißensee. Genau hier pulsierte damals eine der weltweit wichtigsten Schlagadern des noch jungen Massenmediums Film. Nur knapp zehn Gehminuten entfernt befindet sich heute die Freilichtbühne, wo der Film jetzt in einer restaurierten Fassung wiederentdeckt werden kann. Was für eine schöne Idee, historische Produktionen wie diese zurück an ihren Entstehungsort zu bringen! Hinter den banalen Geschichten tut sich Zeitgeschichte auf, die sehr wohl mit uns zu tun hat.

Man braucht nur einen Blick auf die Besetzungs- und Stablisten zu werfen. Ins Exil gingen wenig später die Hauptdarsteller Conrad Veidt und Wilhelm Dieterle sowie der Regisseur Paul Leni, der Kameramann Helmar Lerski, der Drehbuchautor Henrik Galeen und der Dramaturg Leo Birinski. John Gottowt, der den Inhaber der Jahrmarktsbude spielte, wurde 1942 in der Nähe von Krakau ermordet. Sein Kollege Georg John (der blinde Luftballonverkäufer aus Fritz Langs „M“) fiel 1941 im Ghetto Litzmannstadt (Lodz) seinen einstigen Landsleuten zum Opfer.

Das Wachsfigurenkabinett. Freilichtbühne Weißensee, 8. August um 21.15 Uhr. Der restaurierte Stummfilm wird von Jürgen Kurz auf einem präparierten Flügel live begleitet. Der Film ist bei Absolut Medien als DVD mit umfangreichem Begleitmaterial und als Video on Demand (VoD) erschienen.