Sollten Sie auch an Erkenntnis oder gar Erleuchtung interessiert sein, hier ein Rat: Lassen Sie es. Das bringt nichts als Scherereien. Hirnschmelze, Wahnsinn, Tod und dergleichen. Am Ende enden Sie als Metamensch, fähig die eigene Psyche zu programmieren. Das wissen wir, weil wir „Verstehen“ gelesen haben, von Ted Chiang.

„Verstehen“ ist eine von acht Kurzgeschichten des SF-Autors, die der kleine Golkonda Verlag in dem Bändchen „Das wahre Wesen der Dinge“ versammelt hat. Manche sind bloße Gedankenspiele. Andere, wie „Verstehen“ – in der ein Mann nach einem Hirnschaden dank einer neuartigen Hormonbehandlung einen Grad der Hyperintelligenz erreicht, entwerfen ganze Lebens- und Ideenwelten.

Schönheitswahn gebremst

Chiang, geboren 1967 in New York, verhält sich zur üblichen SF-Popcorn-Literatur wie Shakespeares Liebes-Sonette zu Pornografie. Chiang begnügt sich nicht mit glitzernden Oberflächen, leuchtenden Knöpfen und bunten Cyberwelten. Der studierte Informatiker ergründet vielmehr die Auswirkungen bestimmter Erfindungen auf Geist und Körper des Menschen. Mal kommt das als Steampunk-Spuk daher, mal als Wissenschafts-Thriller. Immer als SF-Literatur für Fortgeschrittene.

In „Die Wahrheit vor Augen“ erzählt Chiang die Geschichte eines Wettrüstens zwischen Werbeindustrie und Gesellschaft. Lookismus, die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Aussehens, ist zum Problem geworden. Um dem Schönheitswahn Einhalt zu gebieten, haben Forscher einen Eingriff erfunden, der eine sogenannte Calliagnosie hervorruft. Die künstliche kognitive Störung verhindert, dass Menschen schöne Gesichter von hässlichen unterscheiden können. Während die einen ihre Kinder mit eingeschaltetem „Calli“ erziehen, lehnen andere den Eingriff als Teufelszeug ab. Wieder andere lassen die Störung bei sich selbst wieder abschalten, sobald sie die Volljährigkeit erreicht haben.

Chiang scheint nicht daran interessiert, zu urteilen

Handelt es sich bei dem Ergebnis um eine ästhetische Gleichberechtigung? Geschickt spielt Chiang das Pro und Contra des Eingriffs durch, bis der Leser selbst nicht mehr weiß, auf welcher Seite er sich befindet, geschweige denn welche die falsche und welche die richtige ist. Nicht nur hier entwickelt Chiang gesellschaftliche Szenarien anhand einzelner Gadgets oder wissenschaftlicher Errungenschaften. Wer jedoch auf eine Art literarischen TÜV hofft, wird enttäuscht. Chiang scheint nicht daran interessiert, zu urteilen - nicht über den Einsatz revolutionärer Hormontherapien, nicht über den Einsatz schönheitsverschleiernder Eingriffe und nicht über die Liebe einer Trainerin digitaler Lebewesen gegenüber ihren Schützlingen.

Chiang wildert in verschiedenen Wissenschaften – von Psychologie über Neurologie, bis Zoologie und Genetik – nur um die uns bekannten Naturgesetze außer Kraft zu setzen und eigene wissenschaftliche Welten zu erschaffen. Und das so schlüssig, dass der Leser willig folgt, auch wenn er nicht immer alles versteht (je nach fachlichem Rüstzeug).

Zwischenmenschliche Beziehungen spielen bei Chiang eine untergeordnete Rolle. Er gebraucht sie eher funktional, um soziale Mechanismen zu erklären. Die Idee steht im Mittelpunkt, nicht der Plot. Und so zeigt sich Chiang nach seinem zuvor erschienenen, viel gelobten Band „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ auch dieses Mal wieder als Philosoph im Gewand des Geschichtenerzählers.