Das neueröffnete Bauhaus-Museum in Weimar
Foto: Imago Images

BerlinSchon das Programmheft war ein mitteldickes Taschenbuch. Dabei entwickelten sich viele Ausstellungen, Tagungen, Lesungen, Vorträge, Debatten, Konzerte, Schul-Projekte oder Happenings erst während der Jubelfeiern für das Bauhaus, die vor 100 Jahren in Weimar begründete, 1924 nach Dessau umgezogene und 1933 in Berlin von den Nazis geschlossene Kunstschule. Aus heutiger Sicht muss sie sicher die berühmteste des 20. Jahrhunderts genannt werden, ohne „das Bauhaus“ kann eine Geschichte der Moderne nicht geschrieben werden.

Vielfalt der Moderne

So manche Legende wurde abgeräumt. Etwa die, dass der Gründer des Bauhauses alleine Walter Gropius gewesen sei, wie es lange die von diesem genialen Vermarkter seiner selbst geprägte Bauhauslegende erzählte. Mindestens so wichtig war zu Beginn der Designer, Architekt und Kulturpolitiker Henry van der Velde. Er verband das frühe Bauhaus hin zu den vielen Reformbewegungen der endenden Belle Epoque, die wir heute unter Generalbegriffen wie „Arts and Crafts“ oder „Jugendstil“ kennen.

Alleine schon, dass endlich diese Vielfalt der Moderne-Wurzeln deutlich wurde, war eines der besonderen Erlebnisse dieses Jahres, die Bedeutung auch des konservativen und liberalen Kulturmilieus Europas der Zeit um 1910. Sie sind das zentrale Thema der großartigen, von whitebox aus Dresden inszenierten, Ausstellung des Neuen Museums in Weimar, die in diesem Jahr eröffnet wurde. Ansehen!

Da war auch das in seiner Abschlussausstellung zwar viel zu intellektualistische, aber im Ansatz großartige Projekt „Bauhaus Imaginista“, das weltweit klarmachte: Es gab nicht nur das Bauhaus in der Moderne, sondern auch viele regionale Parallelen in Südamerika, Asien und Afrika. Leider hat sich dies Projekt beschränkt auf eine postkoloniale Perspektive.

Der Bauhaus-Mitbegründer Henry van de Velde in seinem Atelier in Weimar, 1910
Foto: Getty Images

Rätselhaft erfolgreiche Bücher

Noch reizvoller – für den Ruhm des Bauhauses allerdings auch noch stärker relativierender – wäre es gewesen, auch die eigenen Modernen der USA, West- und Nordeuropas mit einzubeziehen, die bis heute im Schatten des Ruhms der deutschen, französischen, russischen und niederländischen Modernisten stehen. Dabei waren sie für die Zeitgenossen der 1910er- bis 60er-Jahre häufig wichtiger als etwa der oft so doktrinäre Gropius.  

Es gab rätselhaft erfolgreiche Bücher wie die Gropius-Biografie von Bernd Polster (Hanser, 656 S., 32 Euro), die einfach nur ärgerlich ist, weil sie nicht einmal wahrnahm, dass etwa Architekten bis weit in die Nachkriegszeit gar kein Diplom brauchten, oder Frauen am Bauhaus eher weniger als in der restlichen Gesellschaft diskriminiert wurden.

Dabei wurde das schon in den 1990ern zu einem zentralen Thema der Arbeit des Bauhaus-Archivs in Berlin – dessen Ausstellungen übrigens nun im Erfurter Angermuseum eine feine Reprise erlebten.  Als Antidot zu aller intellektuellen Verflachung erschien im Herbst Winfried Nerdingers Gropius-Biografie (C.H. Beck, 423 S., 28 Euro), die tief aus der Forschung schöpft, trotzdem spannend und mit angemessener Distanz geschrieben ist, neue Perspektiven etwa auf den sozial- und kunsthistorischen Hintergrund des Bauhauses öffnet.

Riesig klaffende Lücken

Riesige Lücken klaffen aber weiter in der Forschung zur Moderne. So erschien gerade in den USA eine erste Studie über Schwule und Lesben am Bauhaus – aber wie stand es zum Kolonialismus, wie zum Rassismus, zu indigenen Kulturen, zum europäischen „Volkskunst“-Erbe, dass die anderen Modernen Europas so befruchtete, zum Nationalismus?

Klar ist immerhin: „Das“ Bauhaus gab es gar nicht, sondern, wie Magdalena Droste in ihrem grundlegenden Buch „Bauhaus 1913–1933“ (Taschen, 256 S., 24,95 Euro) schon vor Jahren klarmachte, eine intensiv miteinander um Einfluss, Macht und ästhetische Konzepte ringende Gruppe, die sich unter dem Label Bauhaus zusammenfand.

Der Architekt Walter Gropius - Held zweier sehr unterschiedlicher Biografien.
Foto: Imago Images

Es gibt nun auch das neue Bauhaus-Museum in Dessau, entworfen von den spanisch-katalanischen Architekten González Hinz Zabala von Addenda Architects. Eine radikale Ausstellung, in der atemberaubende Massen von Objekten klug arrangiert sind, so dass man sich vertiefen oder auch nur lustvoll wandern kann und sinnvollerweise mit der höchst problematischen Moderne-Rezeption der DDR endet. Unbedingt ansehen! Genauso die Berliner Ausstellung „Original Bauhaus“ in der Berlinischen Galerie, die unter anderem Fragen wie die um Original- und Künstlerkult aufmacht – ohne die etwa der grassierende Bauhaus-Hype im Kunst- und Antiquitätenmarkt nicht existieren könnte.

Enttäuschungen und Niederlagen

Zu den Enttäuschungen des Jahres gehört das neue Bauhaus-Museum in Weimar, das konzeptionell durch und durch konventionell ist, das die eigentlichen Schätze der Sammlung nur ganz am Rand präsentiert. Die strenge Betonkisten-Architektur Heike Hanadas kommt mit viel zu viel Kunst-Anspruch daher, der aber nicht einmal handwerklich eingelöst werden konnte. Immerhin, endlich konnten die modernistischen Traditionen Sachsens oder die des Rheinlandes aufgearbeitet werden.

Zwei in einem Bild: Eine Maske von Oskar Schlemmer und Marcel Breuers Sessel.
Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin

Demgegenüber steht allerdings die vielleicht größte Niederlage dieses Jahres: Wieder wurden die vielen regionalen Modernen Deutschlands „verbauhaust“, bis hin zu einer Postkartenserie und einem dicken Moderne-Führer, in dem selbst expressionistische Bauten in Hamburg oder die Berliner Siedlungen der Moderne des expliziten Bauhaus-Gegners Bruno Taut umstandslos dem Bauhaus-Erbe zugeordnet sind.

Sogar der Berliner Senat vermarktete sie unter der Marke. Kurz: Dieses Bauhaus-Jahr sollte eigentlich Anlass sein, über ein internationales Moderne-Jahr an und für sich nachzudenken. Und darüber, dass es wesentlich die Weimarer Republik war, die diesen Motor der kulturellen, ästhetischen und auch industriellen Modernisierung betrieb: Die Kunstschule hieß nicht zufällig und auch schon damals zum Grauen aller Marktradikalen – Staatliches Bauhaus.