Der Daten- und Grafikjournalist Sam Learner hat eine Internetseite programmiert, auf der man die Perspektive eines Regentropfens einnehmen kann. Mit der Maus schiebt man die Erdkugel unter sich zurecht, zoomt an den Ort seiner Wahl heran und lässt sich dort fallen. Es ruckelt ein bisschen, aber schon bald trifft man auf die Erde und rollt in ein Rinnsal, das in einen Bach mündet, der in einen Fluss mündet, der in einen Strom mündet, der ins Meer mündet.

Na gut, man ist nicht der Tropfen selbst, und man sieht ihn auch nicht, aber man fliegt ein paar Meter über dem Boden seinen Weg ab, zwar um einiges schneller als das Wasser in der Natur durch die Flüsse fließt (zum Glück), aber doch langsam genug, um bewusst die Gegenden an den Ufern passieren zu lassen: Länder, Städte, Dörfer, Landschaften, Naturparks. Man kann versuchen, eine Quelle zu treffen und lässt sich dann flussab treiben.

Wasser fließt immer bergab

Was man sich einst mühevoll bei Touren auf Flussradwegen erarbeiten musste, kann man nun durch aufbereitete und visualisierte Daten vorempfinden: zum Beispiel die Erkenntnis, dass das Wasser über viele Tausend Kilometer die absurdesten Schleifen und Windungen nimmt, dabei aber immer stur bergab fließt. Trivial? Ja, stimmt, aber dennoch folgenreich für einen Wassertropfen.

Wenige Meter können schicksalsentscheidend sein, wenn man über einer Wasserscheide abregnet. Wenn man etwa im nördlichen Teil der Stadt Lviv (Lemberg) zur Erde fällt, nimmt man den Weg nach ein paar Kilometern unidentifizierter Wasserwege (wer die Namen der kleinen Gewässer kennt, kann sie der Website hinterlegen) bis zum Bug, dessen Lauf man 825 Kilometer folgt, erst entlang der polnisch-belarussischen Grenze und dann ins Landesinnere Polens, wo der Bug nördlich von Warschau in die Weichsel mündet. Von dort geht es 418 Kilometer weiter, bis man entweder durch einen der Danziger Dünendurchbrüche oder über das Frische Haff in der Ostsee landet.

Ostsee oder Odessa

Im südlichen Lemberg abgetropft, führt die Reise über zwei kurze noch unbenannte Flüsschen, dann 1216 Kilometer im Bett des in den ukrainischen Karpaten entsprungenen Dnisters. Man durchquert von Norden nach Süden ganz Moldawien und mündet ein paar Kilometer westlich von Odessa in einem breiten Ästuar ins Schwarze Meer.

Es ist die Ausweitung eines sehr alten Kinderspiels, bei dem man auf der einen Seite der Brücke ein Stöckchen ins Wasser wirft und dann wartet, bis es auf der anderen Seite hervorgetrieben wird. So gut wie alles, was man über die Welt wissen muss, lernt man dabei.