Berlin - Es ist ein einfacher Handel: Wer bei Google E-Mails verschickt oder eine Straße sucht, bei Facebook mit seinen Freunden chattet oder bei Twitter den Ereignissen in der Welt folgt, der bekommt diese Dienste gratis. Doch das ist nur so, weil die Nutzer in einer anderen Währung bezahlen: mit ihren Daten. Wie viel sie von sich preisgeben und was privat bleibt, das müsste in dieser Logik jeder abhängig davon entscheiden, wie gut die Dienstleistung ist, die er bekommt.

So simpel ist es dann doch nicht. „Es ist schwierig, den richtigen Preis für seine Privatsphäre auszuhandeln“, sagt Cory Doctorow, Science-Fiction-Schriftsteller und Co-Autor des bekannten Blogs BoingBoing. Eingeladen hat ihn an diesem Donnerstag Google zu einem „Datendialog“ in Berlin. Wie kaum ein anderes Unternehmen gründet Google seinen Erfolg auf dem beschriebenen „privacy bargain“, dem „Privatsphäre-Handel“. Doch was ist der Gegenstand dieses Deals? Unternehmen wie Google, viel stärker jedoch noch Facebook würden es dem Nutzer schwer oder gar unmöglich machen, das zu erkennen, sagt Doctorow. Sicherten sie sich doch ständig neue Rechte an dem, was sie über ihre Nutzer wissen.

Datenschutz kein Modethema

Nicht nur in Deutschland wird dieses Geschäftsmodell immer wieder kritisch beäugt, etwa bei der Einführung des Dienstes Google Street View vor einem Jahr. „Datenschutz ist kein Modethema, das man aussitzt und das dann einfach wieder verschwindet“, sagt Wieland Holfelder, Leiter des Engineering-Bereiches von Google in Deutschland. Sein Unternehmen bemüht sich seit einiger Zeit verstärkt um sein Image – und kann wohl erste Erfolge verzeichnen.

„Dass Google einen Kongress durchführt, der sich mit Datenschutzfragen beschäftigt, ist schon mal eine Botschaft“, kommentiert der Bundesdatenschutz-Beauftragte Peter Schaar seine Einladung. Sei doch die Beziehung zu Google in der Vergangenheit „nicht konfliktfrei“ gewesen. Auch Datenschützer müssten sich mit der Zeit weiterentwickeln, sagt Schaar. Datenschützer wollten die Nutzer nicht bevormunden und auch nicht jedes Detail „durchregulieren“.

Heitere Momente im Dialog

Es gehe nicht darum, den Nutzen der Dienste zu schmälern, sondern „zur Kompatibilität dieser Dienste mit unserem Rechtssystem beizutragen“. Das sei allerdings bei Angeboten wie Facebook – wieder fällt der Name des Netzwerks als Negativbeispiel – nun mal schwierig. Als Schaar erzählt, er habe dort auch einen Account, aber natürlich keine „Fanseite“, sorgt das für Lacher im Publikum. Spätestens jetzt hat Google den Schwarzen Peter und inoffiziellen Titel als „Datenkrake“ weitergereicht. „Mit dem Finger zeigen bringt nichts“, sagt Google-Ingenieur Holfelder. Facebook sei eingeladen worden, habe sich am Programm aber nicht beteiligt. „Facebook ist an der Stelle vielleicht noch zu jung.“

Google kann es nur Recht sein. Cornelia Rogall-Grothe, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, sieht zumindest keinen dringenden Handlungsbedarf. Statt die „Gesetzgebungsschraube“ weiter und gar zu überdrehen, sagt Rogall-Grothe, müssten sich Diensteanbieter und Nutzer „auf Augenhöhe“ treffen gemeinsam das Ende der Privatsphäre verhindern. Der Zwischenruf von Peter Schaar, der hier fatale Tatenlosigkeit diagnostiziert, verhallt weitgehend folgenlos.

Allerdings geht die Runde auch nicht weiter darauf ein, dass Cory Doctorow nicht nur die Unternehmen in der Pflicht sieht, über die technische Umsetzung von einfachen Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre nachzudenken. Wenn der Staat, Google müsse transparent sein, selbst aber immer mehr Daten über Bürger speichern will, sei das seltsam. „Man kann einem Kind nicht mit der Zigarette im Mund beibringen, dass man nicht rauchen soll“, umschreibt das Doctorow treffend. Als ein Vertreter des Innenministeriums versichert, der Staat sei in Deutschland doch „höchst zurückhaltend“, sorgt das immerhin für einen der heiteren Momente in diesem Dialog.