Dating mit jüngeren Männern: Wem gehören die Geschichten?

Unsere Autorin hat Post von einem Date bekommen: Er hat ihren Artikel über Dating mit jüngeren Männern gelesen: Er möge es nicht, wie sie Menschen „abschöpfe“.

Stefanie Röhnisch für Berliner Zeitung am Wochenende

Meine Mutter war ein Mensch voller Warmherzigkeit, mit offenem Ohr für jedwede Sorge. Ebenso mochte sie es, ihr eigenes Herz auf der Zunge zu tragen. Von daher war ich es früh gewöhnt, dass sie Nachbarn gern auch mal ausführlich von ihrer Tochter erzählte, während ich daneben stand zwischen Scham und Tochtersein. Sie sagte stets: Man muss mit den Leuten reden. Dann öffnet sich einem die Welt. Das nahm natürlich manchmal Formen an, die mir nicht recht waren. Zuletzt fuhren wir in einem Regionalbus im Heidelberger Umland und meine Mutter berichtete nach dem Fahrkartenkauf dem Busfahrer, dass ich grad aus Berlin da sei und ihr Sohn ja aber in Paris wohne und so weiter. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon sehr krank, und ich habe meine Mutter über alles geliebt und hätte sie auch nie dafür gerügt, weil: Durch sie habe ich tatsächlich gelernt, dass es sehr besonders sein kann, sein Herz für andere zu öffnen. Zugegebenermaßen ist das in der letzten Zeit nicht gerade einfacher geworden.

Von meinem Vater, von Berufs wegen Jurist, habe ich gelernt: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen privat und persönlich. Als Autorin beschäftigt mich das immer wieder, wenn ich die Entscheidung treffe, inwieweit ich Erlebtes in eine Geschichte einbette, gern auch mit einem „Ich“ als Erzählerin, um gerade dieser Figur nahe zu sein. Das Faszinierende am Schreiben passiert immer, sobald sich die Geschichte verselbstständigt und etwas Allgemeingültiges erhält, was man in einer Zeitung gern als „relevant“ bezeichnet. Aber inwiefern ist es von allgemeinem Interesse, als 50-Jährige vom Daten zu berichten? Um dann zum Beispiel einen Kommentar aufzuschnappen wie: „Wenn sie Probleme mit dem Älterwerden hat, hilft nur eins – früh sterben oder erwachsen werden.“ Auch so ein schroffer Ton, ein verletzender, ist leider Teil beim Daten geworden. Überhaupt, das Internet. Hat der Bildschirm eine neue, vom Algorithmus abhängige Distanz zwischen uns geschaffen, in der man nicht mehr selbst moralisch entscheiden kann, ob das jetzt „passend“ ist oder nicht? Um gar nicht erst von Ghosting und Hassbotschaften etc. zu reden, einfach nur: Schaffen wir es noch, uns wirklich in andere hineinzuversetzen und daraufhin unsere Fragen und Antworten zu formulieren?

Wenn aus einer Abenteuernacht das Bedürfnis nach Bindung entsteht

Vielleicht gelingt mir das selbst nicht mehr. Neulich hatte ich mich verliebt. Es war nicht geplant, dass aus einer Abenteuernacht das Bedürfnis nach Bindung entsteht. Aber da flatterten bereits die Schmetterlinge und ich war auch beglückt, dass der Andere ebenfalls seine Wurzeln im Theater hatte.

Ich muss ausholen, warum es speziell sein kann, eine Liebe zum Theater zu leben. Man lernt nicht nur, gut zu improvisieren.

Es gibt eine Übung an der Schauspielschule, die nennt sich „Zug um Zug“. Zwei Personen, angehende Darsteller, stehen einander gegenüber, möglichst neutral, die Schultern sacken langsam Richtung Erde, sie schauen sich an. Zwischen ihnen ein guter Abstand. Wie durch Zauberhand entsteht etwas – eine Situation – zwischen ihnen, allein durchs Anblicken; vielleicht, weil eine Schulter inzwischen durchs Schweigen wieder ein paar Zentimeter gen Ohr gehoben wurde. Dieses Gucken in den Anderen, man nennt es nach Stanislawski „Beobachten, bewerten, reagieren“, ist etwas, was mich im Improvisationsseminar fasziniert hat.

Ein Wort ergibt das nächste, eine Stimmung ermutigt die andere

Und dann sagt einer einen ersten Satz.

Kann völlig banal sein, „schönes Wetter“ zum Beispiel. Möglicherweise, weil es auf der Bühne gerade zu staubig heiß ist. Wenn es gut läuft, erwidert der Andere einen spontan bühnenreifen Satz, der einen Konflikt ankündigt, etwas wie: „Gestern war’s besser.“ Woraufhin der Eine beide Schultern verkrampft, den Kopf hängen lässt mit einem: Ach, dein Gejammer heute, schrecklich, ich geh dann mal. Der Andere: Nein, bitte bleib.

Das Ganze kann natürlich in jede Richtung schießen, abgleiten, sich entwickeln, ein Wort ergibt das nächste, eine Stimmung ermutigt die andere, ein Gedanke kurbelt sich zum Unerwarteten hin; es ist eine Sensation. Wenn es gut läuft. Als zukünftiger Akteur muss man schließlich wissen, was nicht nur authentisch wirkt, sondern auch für andere interessant, besser noch: relevant.

Löst das Nichtbeantworten von Bewerbungen beim Bewerber Depressionen aus?

Das Kniffelige daran ist, dass man mit der Vorstellungskraft des Anderen umgehen muss. Will heißen, den Erwartungen, Enttäuschungen, beiderseits. Was man auf den Brettern des Spiels immer gern entgegennimmt, auf denen der Realität ...Womit wir wieder bei privat und persönlich angelangt wären.

Wenn ich dieses prägende Jahr mit den Schauspielern nicht erlebt hätte, würde ich heute sicherlich auf den Plattformen des Lebens anders reagieren, weniger staunend, bestimmt schneller verletzt.

Psychologen wollen sogar festgestellt haben, dass das Nichtbeantworten von Bewerbungen aller Art beim Bewerber dauerhafte Depressionen auslösen kann. Wohingegen es ein Leichtes und zeitlich durchaus Machbares wäre, freundlich formulierte Absagen in die Welt der Wartenden hinauszuschicken. Im wohl berühmtesten Stück über dieses Phänomen „Warten auf Godot“ fällt als letzter Satz übrigens: „Also machen wir weiter.“ In Sachen Beziehungsfindung ist das leider nicht mehr so klar psychologisch ablesbar. Wenn ich meiner Freundin zum Beispiel von einer neuen Bekanntschaft erzähle, fällt ihre erste Reaktion prompt. Schreib nicht! Lass ihn warten. Männer wollen erobern. Immer noch. Sie hat den Druck, mich darauf hinweisen zu müssen, nachdem ich ziemlich oft mit dem Zappelnlassen auf Konfliktfuß gestanden bin und nachträglich betrachtet zu früh zurückgeschrieben habe, mehr noch: ein Freumich mit Grinsegesicht hinterhergeschickt.

Ab wann startet denn ein „Ghosting“?

Warum ist das so kompliziert? Auf der Bühne kann man eine Aussage im dunklen Raum stehen lassen, man beleuchtet sie mit einem Spot oder eben nicht, man denkt und fühlt vorher und wägt ab, inwieweit man einen großen Satz wie „Ich liebe dich“ eins zu eins auflädt oder mit einem hübschen Brecht’schen Verfremdungseffekt Galle speiend dem Anderen vor die Füße schmettert. Woraufhin dieser die Botschaft wie einen Ball fängt oder abwirft, ein Drama formend oder eine Komödie. Alles ist da möglich und es ist alles schön. Weil: lebendig.

Das tippe ich jetzt in meinen realen Laptop, der auf eine konkrete Beantwortung meiner Frage wartet, ob wir uns sehen. Ab wann startet denn ein „Ghosting“? Ab wie vielen Minuten schaltet sich die Nervosität ein, dass es nun aber nicht mehr nur der Arbeit oder dem Stress oder einer kranken Verwandtschaft geschuldet sein könnte oder einem Unfall? Alles nachvollziehbare Faktoren, ich bange abzählend, zu welchem Zeitpunkt es denn locker genug wirkt, einfach mal nachzufragen.

Eine andere Freundin, die als Paartherapeutin arbeitet, meinte neulich, dass man am besten Ich-Botschaften senden sollte. Also: ICH würde dich gern sehen. ICH fände es klasse, wenn wir heute essen gingen. Von sich ausgehen, um dem Anderen den eigenen Wunsch möglichst deutlich, aber auch ohne Zwang zu präsentieren. Über die eigenen Gefühle sprechen, anstatt Emotionen zu erwarten. Zuhören, nicht sofort losdeuten, warum er nicht prompt zurücktippt. Au ja, lass uns heiraten!

Ich bin mit jedem Foto, so banal es auch sein mag, mehr verknallt

Natürlich kann ich nicht warten und schreibe nochmal: Kein Stress, die Sommernacht war einfach wiederholungswürdig. Tatsächlich schreiben wir uns. Schicken Fotos. Immer im Augenwinkel, dass nicht auf einer Seite die bunten Informationsblasen überwiegen. Meine Ich-Botschaft an mich: Ich bin mit jedem Foto, so banal es auch sein mag, mehr verknallt. Das geht ein paar Wochen lang so, dann: Funkstille. Ich nehme es als Wink des Schicksals, mit buddhistischer Atmung und Ausstellungsbesuchen und Tanzen und Wasauchimmer wegzudenken, dass ich jetzt aber wirklich gern wissen würde, was los ist. Drei Tage später frage ich unverfänglich nach und erhalte die Nachricht, er habe meinen Artikel über Dating mit jüngeren Männern gelesen und dass er es nicht möge, wie ich die Menschen „abschöpfe“.

Leider kommen wir nicht dazu, das mal unter vier Augen zu bereden, wenigstens am Telefon. Er mag es nicht, Punkt. Etwas, was im Privaten passiere, erzähle man nicht. Jetzt schreibt er mir nicht mehr.

Wem gehören die Geschichten, wenn sie niemand erzählt? Ehrlich, das Wort „Abschöpfen“ steht mir fern. Sollte sich irgendwann jemand, mit dem ich mich nicht vorher darüber verständigt habe, von mir in dieser Art schreibend begangen fühlen, bitte melden. Ich antworte, dass es mir immer darum gehe, egal wie und über wen, mit Respekt und ja, auch überzeugter Empathie laut nachzudenken. Abschöpfen kann man eine Suppe. Meine Mutter indes hat die beste gekocht. Zum Beispiel immer, wenn es jemandem nicht gut ging; ihr Kommentar daraufhin: Die is so guud, die weckt Doode uff.

Vielleicht machen vor allem Gefühle aus uns Menschen, sobald sie sich verselbstständigen. Ihnen eine Sprache zu geben, sie auf der Zunge tragen, damit uns andere ein klein wenig besser verstehen und wir sie womöglich auch ... Danke an meine Mutter. Ich glaube, wenn ich nochmal die Chance hätte, mit ihr da im Bus zu stehen, würde ich das Lächeln bemerken, das der Heidelberger Busfahrer im Mundwinkel sitzen hatte.