Gedenkstatue für die Opfer von Babyn Yar.
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BerlinIlya Khrzhanovsky ist hierzulande vor allem als Regisseur der umstrittenen „DAU“-Filmreihe bekannt, bei der es zu Übergriffen auf Mitwirkende gekommen sein soll. Seit Wochen wird nun in der Ukraine über sein Konzept für die geplante Holocaust-Gedenkstätte in Kiew diskutiert – auch dort will er gezielt Grenzen überschreiten.

Babyn Yar dürfte der einzige Schauplatz des Holocaust sein, an dem die ankommenden Besucher die Asche der dort Ermordeten buchstäblich per Rolltreppe durchqueren. Im September 1941 hatten deutsche Polizisten und SS-Männer in der damals am Stadtrand von Kiew gelegenen Schlucht binnen zwei Tagen mehr als 33.000 Juden erschossen; anschließend ermordeten sie dort auch Roma, Rotarmisten und Psychiatriepatienten. 1943 ließ die Sicherheitspolizei die Leichen ausgraben und von KZ-Gefangenen verbrennen.

Nachdem die Sowjetunion das Gelände einebnete, eine breite Straße darüber baute und einen Park anlegte, wurde an der Exekutionsstätte vor zwanzig Jahren schließlich auch noch eine Metrostation gebaut. Inzwischen sind an diesem Ort, um den die ukrainische Metropole längst herumgewachsen ist, zwar zahlreiche Denkmäler für die verschiedenen Opfergruppen entstanden. Es gibt aber bis heute keine Gedenkstätte von internationalem Rang, die über dieses Verbrechen und seine Hintergründe informiert. Möglicherweise wird es dazu auch nicht mehr kommen.

Dabei sah es noch im vergangenen Herbst so aus, als werde nach mehreren gescheiterten Anläufen eine neue Initiative endlich Erfolg haben. Nach der Majdan-Revolution war die Stiftung Babyn Yar Holocaust Memorial Center (BYHMC) gegründet worden. Ihrem jungen Team gelang es, sowohl renommierte Wissenschaftler in das Projekt einzubinden als auch den Rückhalt der ukrainischen Politik zu gewinnen. Im September 2019 hatte eine prominent besetzte Jury das österreichische Büro Querkraft einstimmig zum Sieger eines Architekturwettbewerbs gekürt, und mit Dieter Bogner wurde ein erfahrener Ausstellungsdesigner verpflichtet, dessen Team bereits das Wiener Museumsquartier gestaltet hat. Nur wenige Wochen später allerdings ist das BYHMC – zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit – in unruhiges Fahrwasser geraten.

Unumstritten ist die Stiftung auch zuvor nicht gewesen. Misstrauen erregte insbesondere die Tatsache, dass sie wesentlich von drei prominenten Oligarchen finanziert wird, die ihr Vermögen in Russland erworben haben und weiterhin wirtschaftliche Verbindungen dorthin unterhalten. Angesichts Moskaus fortgesetzten verdeckten Kriegs im Donbas argwöhnten einige ukrainische Historiker, das BYHMC könne zum Werkzeug antiukrainischer Propagandakampagnen des Kremls werden.

Tatsächlich hat sich nun gezeigt, dass insbesondere Michail Fridman, Gründer der Alfa-Bank, einem der größten russischen Finanzkonzerne, eine höchst problematische Rolle einnimmt – allerdings eine andere, als von den Kritikern befürchtet. Auf Betreiben des in London lebenden russischen Milliardärs wurde der umstrittene Regisseur Ilya Khrzhanovsky im November auf den eigens geschaffenen Posten des „künstlerischen Leiters“ der Gedenkstätte berufen. Anschließend verließ die bisherige Geschäftsführung die Stiftung, und auch ein großer Teil der übrigen Mitarbeiter wurde ausgetauscht. Es sei Zeit, so erklärte Fridman in einem Interview, das Projekt auf eine neue, kreativere Stufe zu heben.

Was man sich darunter vorzustellen hat, erfuhr die Öffentlichkeit allerdings erst Ende April dieses Jahres, als die „Istoritschna Prawda“ einen Entwurf von Khrzhanovskys Konzept für die Dauerausstellung publizierte. Zum Entsetzen in- und ausländischer Experten und Kulturschaffenden entpuppte sich die „neue Stufe“ als Fortschreibung der bisherigen künstlerischen Arbeit des Regisseurs und folgt dem Prinzip der „immersiven Perfomance“ seines skandalträchtigen Langzeitprojekts „DAU“.

Wie am Set dieser Filmreihe sollen nun auch in der Gedenkstätte Freiwillige und Besucher für längere Zeit vollständig in eine andere Ära eintauchen und sich zu diesem Zweck kleiden, kochen und ihre Frisuren tragen wie im Kiew vor dem deutschen Überfall. Der Großteil der Besucher wird mithilfe moderner Technologien wie Online-Registrierung, RFID-Chips und Gesichtserkennung auf eine Reise durch das Labyrinth der Ausstellung geleitet; deren genauer Verlauf soll durch Algorithmen und „ethische Entscheidungen“ bestimmt werden.

Nicht historische Aufklärung ist das Ziel, vielmehr will Khrzhanovsky „starke Emotionen“ hervorrufen. Michail Fridman habe ihn gefragt, wie man die Ausstellung über das Babyn-Yar-Massaker „interessanter“ gestalten könne, sagte der Regisseur dem Radio im Februar, wie könne man „diese Geschichte erzählen, dass die Leute etwas fühlen?“

Diese Gefühle sollen die Besucher nun verspüren, indem sie durch bis zu 50 Meter lange, dunkle Gänge gehen, die durch unterschiedliche Geräusche, Bodenbeläge und Gerüche, Kälte oder Feuchtigkeit geprägt sind, auch psychologische Versuche sind vorgesehen. Ausdrücklich bezieht sich das Konzept dabei auf das fragwürdige Milgram-Experiment, mit dem man 1961 die Bereitschaft erforschen wollte, auf Befehl Gewalt auszuüben. Je nach erreichter „Punktezahl“ treffen die Besucher in der Gedenkstätte schließlich auf ihre „holografischen Gegenüber“ aus dem Zweiten Weltkrieg und werden mittels Deep-Fake-Technologie in historische Aufnahmen hineinmontiert. In Virtual-Reality-Zone können sie sich so in der Rolle von Opfern, Kollaborateuren, SS-Leuten oder jener Gefangenen sehen, die im Sommer 1943 von den Deutschen gezwungen wurden, die Leichen in Babyn Yar auszugraben und zu verbrennen, um das Verbrechen zu vertuschen. In einem der Gedenkstätte angeschlossenen Science Center sollen Psychologen arbeiten, die posttraumatische Belastungsstörungen behandeln können. Die Lektüre des Konzepts lässt vermuten, dass auch ein Großteil der Besucher nach Absolvierung des Parcours ihrer Hilfe bedarf. Geradezu zynisch wirkt die Idee, am Ausgang dieses Horrorrundgangs im Außengelände der Gedenkstätte einen großen „lebensbejahenden“ Spielplatz einzurichten, der von internationalen Künstlern gestaltet werden soll.

Grenzüberschreitungen gehören zu Ilya Khrzhanovskys Arbeitsprinzipien. In seinem auf der Berlinale gezeigten Film „DAU. Natasha“ spielt ein ehemaliger KGB-Offizier einen NKWD-Verhörspezialisten, und um eine Prügelszene realistischer zu gestalten, engagierte der Regisseur nach eigener Aussage eine Gruppe Neonazis. Die ursprünglich gesetzten Schauspieler seien zu sanft vorgegangen. Dieses Mal dürfte er den Bogen allerdings überspannt haben, zumal es mit der versprochenen Transparenz und der Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen bei der weiteren Ausarbeitung des Konzepts nicht weit her ist: Zeitgleich mit Khrzhanovskys Berufung ist der Public Support Council der Stiftung ohne Angaben von Gründen aufgelöst worden, und nicht einmal der bisherige Chefhistoriker des BYHMC, der angesehene niederländische Holocaustforscher Karel Berkhoff, wurde eingebunden.

Er hat sich, nachdem er erst aus der Presse von Khrzhanovskys Konzept erfahren hat, offiziell von dem Projekt distanziert; seine Expertise oder die irgendeines anderen Historikers sei offensichtlich nicht mehr gefragt. Auch der Ausstellungsgestalter Dieter Boger gab seinen Rückzug bekannt; Khrzhanovskys „brutalistisches“ Konzept sehe eine Art Holocaust-Disneyland vor, das er mit seinen ethischen Überzeugungen nicht vereinbaren könne. Inzwischen haben mehr als sechzig ukrainische Historiker und Intellektuelle, darunter der Schriftsteller Serhij Zhadan, in einem offenen Brief an das BYHMC die Abberufung Khrzhanovskys gefordert, um weiteren Schaden von der Gedenkstätte abzuwenden. Doch dafür, so meint Karel Berkhoff, sei es wahrscheinlich schon zu spät. Er glaubt nicht, dass sich der Schaden für die Reputation noch beheben lasse und andere internationale Holocaustexperten nach den Vorgängen ihr Renommee für diese Institution aufs Spiel setzen wollen.

Der Aufsichtsrat der Stiftung, in dem neben dem ukrainischen Chefrabbiner Dov Bleich übrigens auch der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer sitzt, meldete sich schließlich nach langem Schweigen im Mai mit einer beschwichtigenden Stellungnahme zu Wort – man solle „die Arbeit von Herrn Khrzhanovsky und seinem Team“ doch bitte erst bewerten, wenn Ende 2020 die endgültige Fassung seines Konzepts vorliege. In einem Interview ging der Aufsichtsratsvorsitzende Nathan Sharansky wenig später zum Gegenangriff über: Die „Kampagne“ gegen den Regisseur erinnerte ihn an seine Vergangenheit als Dissident in der Sowjetunion, dessen Entlassung komme für ihn daher nicht in Frage. Khrzhanovskys DAU-Filme und seine Arbeit für das BYHMC seien im übrigen zwei völlig unterschiedliche Projekte. Es fragt sich nur, ob Khrzhanovsky das auch so sieht.