Sex in der verbotenen Stadt. Eine Szene aus "DAU. Natasha"
Foto: Phenomen Film

BerlinNatalja und Olga sind die Herrscherinnen der Kantine. Hier in den Regalen und Vitrinen türmen sich Kostbarkeiten, die der normale UdSSR-Bürger höchstens vom Hörensagen kennt. Hier sitzen die Wissenschaftler und das Verwaltungspersonal in den Pausen, diskutieren weiter über Forschungsergebnisse oder tauschen Banalitäten aus. Krimsekt und Wodka fließen in Strömen. Hin und wieder wird nach Geschäftsschluss in einem der Apartments weitergefeiert. Nachschub an Getränken gibt es dank der beiden Frauen reichlich. Einmal ist ein französischer Kollege dabei. Bei den Küssen auf Bruderschaft bleibt es nicht. Was für Natasha – die ältere der beiden Kantinenfrauen – weitreichende Folgen haben wird.

„DAU. Natasha“ stürzt sich ohne Umschweife ins Geschehen, auch aufgrund der dicht zu den Figuren aufschließenden Handkamera von Jürgen Jürges. Konkrete Mitteilungen über Ort und Zeit des Geschehens werden zunächst keine gemacht, dies erschließt sich nach und nach. Interieur und Sprache verweisen auf Russland, spätestens als die ersten roten Sterne auf Mützen zu erkennen sind, ist klar, dass wir uns in Sowjetzeiten befinden.

Das Forschungsprojekt DAU

Der übergeordnete Titel "DAU" verweist auf den Nobelpreisträger Lew Dawidowitsch Landau (1908–1968), der maßgeblich an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beteiligt war. In Russland oder in der Ukraine kennt noch heute fast jedes Kind seinen Namen, hier wohl kaum jemand. Wie viele andere seiner hoch qualifizierten Kollegen lebte und arbeitete Landau in einem von der Außenwelt isolierten Forschungszentrum, einer „verbotenen Stadt“.

Genau an einem solchem Ort spielt auch der Film von Ilya Khrzhanovsky und Jekatarina Oertel. Wonach genau hier geforscht wird, bleibt unklar. Es ist natürlich von Waffensystemen die Rede. Einmal steigen menschliche Versuchskaninchen in einen pyramidenförmigen Orgon-Akkumulator – was eher kurios als bedrohlich wirkt. Wichtig sind diese Details nicht. Wichtig ist, dass wir uns hier in einem geschlossenen Land, in einer geschlossenen Stadt, in einem geschlossenen Institut befinden. Die potenzierte Isolation schafft einen extrem beklemmenden, weil klaustrophobischen Mikrokosmos, einer hochkonzentrierten, in ihren Einzelbestandteilen umso monströseren UdSSR.

Innenansichten einer Zurichtung

Mit „Natasha“ wird erstmals ein Kapitel des ausufernden Großunternehmens DAU, das vor eineinhalb Jahren als für Berlin, Paris und London geplantes künstlerisches Großprojekt die Berliner Kulturpolitik in helle Aufregung versetzt hatte, auf der Kinoleinwand sichtbar, 

Die knapp 150 Minuten lassen sich grob in zwei Kapitel teilen. Der erste und längere Teil führt in das Innenleben des Ortes und der Figuren. Danach findet sich Natasha in einem NKWD-Vernehmungszimmer wieder, ihr gegenüber ein stiernackiger Offizier mit Beria-Brille. Der Kantinenwirtin werden die Instrumente gezeigt, und schließlich weit mehr als das. Die anfangs noch selbstbewusste, sogar freche Frau wandelt sich binnen Kürze zu einem gebrochenen Menschen.  Ihr wird eiskalt bewusst gemacht, dass schlicht alles mit ihr angestellt werden kann. Dass sie wenig später bereitwillig eine Verpflichtungserklärung unterschreibt, erscheint völlig nachvollziehbar. Der Offizier schiebt ihr eine Tageszeitung über den Tisch, fordert sie auf, sich irgendeinen Begriff als Decknamen auszuwählen. Sie entscheidet sich für das Wort „Renaissance“.

Wegen "Propagierung von Pornografie" verboten

Vor allem in Zusammenhang mit der für 2019 geplanten und gescheiterten Installation im Zentrum Berlins wurde dem Projekt weit im Vorfeld ungesehen schon vieles vorgeworfen: Verhöhnung der deutschen Teilung, Willkür gegenüber Mitwirkenden, Finanzierung durch Oligarchen und sogar die verkappte Unterstützung von Putin. Von offizieller russischer Seite scheint man das anders zu sehen. Gerade hat das russische Kulturministerium den Film wegen „Propagierung von Pornografie“ verboten. Bei den Zensoren wurde offenbar ein Abwehrreflex ausgelöst, sie rufen in bewährter Manier: Haltet den Dieb!

„DAU. Natasha“ passt ihnen nicht, denn der Film stellt nicht weniger dar als einen radikalen Befreiungsversuch von den Schatten der Vergangenheit. Ein Kraftakt, der den gegenwärtigen Restaurationsbestrebungen in Russland strikt entgegenläuft und ohne Schmerzen nicht zu haben ist. Die wirkliche Pornografie besteht in der offiziellen Verharmlosung der Diktatur. DAU stemmt sich dagegen.