Dauerausstellung im Museum für Vor- und Frühgeschichte: Massaker im Museum

Wir haben ihn vermisst, den Elch vom Hansaplatz: ein Skelett, vor dem seit 1959 Zehntausende Berliner Kinder standen und staunten, wie groß so ein Tier sein kann, wie lange es in der Erde lag – etwa 12000 Jahre. Die Kinder haben davon geträumt, als Jäger zu schleichen, mit dem Speer hinter diesem Alces latifrons herzulaufen. Ihnen wurde erzählt, wie mühsam es ist, solche Tiere zu erlegen, zu zerlegen, das Fleisch zuzubereiten, die Haut geschmeidig zu machen. Zumal, wenn man nur Steinwerkzeuge zur Hand hat.

Nur? Im neuen Steinzeit-Saal des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, in dessen Zentrum der Elch nun wieder steht, wird schnell deutlich, dass diese für die Menschheitsgeschichte überwältigend lange, bis auf 2,6 Millionen Jahre geschätzte Zeit keinesfalls primitiv war. Was da aus oft kunstvoll bearbeiteten Steinen, Tonerden, Hölzern und Gräsern, Häuten und Federn geschaffen wurde, war Zivilisation. Wir erleben raffiniert geschliffene Beile, deren Steine von England bis nach Osteuropa gehandelt wurden; Jadeit-Arbeiten, die heute noch höchsten Ansprüchen an Präzision genügen würden; Krüge und Töpfe von kraftvollem Charakter. Kein Gerät hat so variantenreich und dauerhaft wie der Faustkeil unserem Leben gedient.

Der Direktor des Museums, Matthias Wemhoff, hat den seit 2009 gewohnten Rundgang regelrecht umgedreht. Das irritiert, und Irritation macht wach – was nicht zuletzt deswegen wichtig ist, weil die Besucher oft bereits zwei Geschosse hinter sich haben, bevor sie das ästhetisch eher herbe Material aus der Frühzeit kennenlernen. Die nächste Überraschung folgt sogleich: Der erste, der „Rote Saal“, präsentiert die Geschichte des Museums in historischen Vitrinen. Die sind bei Weitem nicht so voll wie einst in der Kaiserzeit – überhaupt hat Wemhoff davon abgesehen, auch die immense Masse an Scherben, Messern, Steinen, Ausgrabungsfunden zu zeigen, aus der wir unsere Kenntnisse zusammenfügen. Hier lernen wir vielmehr, dass deutsche Archäologen sogar im Ersten Weltkrieg in Nordfrankreich gruben und dass Rudolf Virchows Schädelsammlung oder die Steinzeitbegeisterung der Herzogin von Mecklenburg ihre Spur in den Berliner Sammlungen hinterlassen haben. Dieser Untergrund fördert das Glänzen im ersten Saal (der der Berliner Bodendenkmalpflege gewidmet ist), dem sich anschließenden Steinzeitsaal sowie dem Bronzezeitsaal mit prachtvollen Fibeln und Schwertern, großartigen Gefäßen und Goldschmuck, dem Saal mit dem berühmten Berliner Goldhut. Dann folgt der Übergang zu Römern, Germanen, Skythen, Kelten.

Alles ist luftig arrangiert. Die fast raumhohen Vitrinenwände sind meist dunkel ausgeschlagen, sodass sich die Objekte wirkungsvoll zu Gruppen fügen. Allerdings sind Querbezüge und historische Linien in dieser Ausstellung oft nur schwer zu entdecken. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat nämlich wieder einmal an der Glasqualität gespart: Die schönsten Frauenfigürchen werden regelrecht weggespiegelt. In Dresdens Türkischer Kammer oder in der neuen Ausstellung zum Frühmittelalter und zur Wikingerzeit im Londoner British Museum glaubt man hingegen oft, dass gar kein Glas mehr da ist. Ein Menetekel, denn so schlechtes Glas soll dem Vernehmen nach auch der Ausstattungsstandard sein für die geplanten Ausstellungen des Museums für Islamische Kunst oder im Humboldt-Forum.

Kindergerecht sind viele Schaukästen knapp über Bodenhöhe. Man kann durch manche Vitrinenwand längs hindurchsehen; so bindet sich die Rekonstruktion eines Neandertalers mit den Schädelresten zusammen. Dennoch ist die Inszenierung bei Weitem nicht so auf Popularisierung angelegt wie etwa die des Museums in Halle, wo ein großer Elefant droht und Neandertaler frei im Raum zu stehen scheinen, von Mensch zu Mensch sozusagen. In Berlin ist zwar auch so eine Puppe zu finden, aber in eine Vitrinenecke gepfercht. Wemhoff setzt ebenfalls auf das Einzelobjekt, aber weit abgeklärter, rationaler.

Es gibt trotzdem regelrechte Schocker, wenn etwa die Skelette einer Schlacht in Mecklenburg zusammen gezeigt werden. Das erinnert an die Londoner Wikinger-Ausstellung, die im Herbst auch in den Berliner Martin-Gropius-Bau kommt. Man gruselt sich – und lernt viel über Ernährungs- oder Tötungsgewohnheiten, handwerkliche Fähigkeiten sowie medizinische Kenntnisse – und darüber, wie sich soziale Hierarchien auf den Gesundheitszustand auswirkten. Spätestens wenn man vor den langen Reihen von Bronzebeilen steht, mit denen einst der internationale Handel organisiert wurde, gewinnt der Begriff Globalisierung historische Tiefe. Denn was war es anderes, wenn Steine und Erze quer durch Europa gehandelt wurden! Prachtvolle Geschirre, kostbarer Schmuck und Waffen dokumentieren den Einfluss der Mittelmeerkulturen bis hoch nach Mitteleuropa.