Berlin - Sie fürchten um die „Deutsche Kultur“? Um die Nationalkulturen als solche? Sie sehen Brüssel als Muspott, in dem die vielen Spezialitäten der reizenden westasiatischen Halbinsel Europa zu einem grauen Einheitsbrei verrührt werden sollen? Fürchten Sie die Folgen der Einwanderung von Menschen aus Süd- und Südosteuropa, Afrika, Asien? Trauern Sie der Mark nach?

Haben Sie keine Angst um unser Europa: Das ist die Hauptbotschaft der neuen Dauerausstellung und der beiden Sonderausstellungen, mit denen das Museum Europäischer Kulturen (MEK) jetzt fulminant seine Wiederauferstehung aus den Depots feiert. Gezeigt wird auf wenigen hundert Quadratmetern und mit einer erlesenen Auswahl von Objekten – von Hausmodellen über Trachten und Geschirr, vom Café- Latte-Glas bis zur leuchtenden Weihnachtskrippe – ein Wunder, das viel zu wenig bewundert wird: die Jahrtausende alte Erfahrung des so zerklüfteten Europas mit dem Integrieren.

Das Berliner Museum umfasst mehr als 250.000 Objekte. Es konkurriert damit nur mit dem Museum für Österreichische Volkskunde in Wien, das bis heute vom Erbe der Habsburger-Monarchie geprägt ist, und mit dem Museum für die Kulturen Europas und des Mittelmeerraums in Marseille. Es soll wohl 2013 eröffnet werden. Trotz dieser Sonderrolle des MEK waren in Berlin lange Jahre nur kleine Ausschnitte der Sammlung zu sehen, die bis nach Mittelasien, zum Nordkap und zum Balkan, nach Anatolien, Irland und Sizilien ausgreift.

Verantwortlich für diese Einengung unseres kulturellen Blickfeldes war eine Museumspolitik, die sich konzentriert auf die „hohe“ Kunst (was immer diese sei) und die Planungen für das Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz sowie die repräsentativen Bauten der Museumsinsel. Nun steht man in Dahlem und fragt sich: Wie haben die Lehrer den Kindern bisher eigentlich sinnlich vermittelt, was Europa ist, was es sein kann? Hier schimmert schwarz die venezianische Gondel – einst konnte man sie auf der Havel schippern sehen – es strahlen die aus chinesischer und europäischer Seide gefertigten Abendkleider, Kaftane und Frauentrachten aus Schöneiche bei Berlin, von der Krim und aus Sarajevo.

Seide – das war und ist ja immer noch unser Luxusstoff. Venedig vermittelte ihn einst von Asien in den Westen, wurde reich dabei, so reich, dass man Prunkverordnungen erließ, auf Grund derer die Gondeln eben nur noch bescheiden schwarz gestrichen sein durften. Und die Suche nach dem Weg zur Seide war einer der Startpunkte des europäischen Imperialismus. Dessen Folgen sind in den anderen Dahlemer Museen mit ihren Sammlungen zu Süd- und Nordamerika, zu Afrika und Asien zu sehen. Europa ist auch ein Amalgam dessen, was wir heute als Weltkultur feiern.

Aber was ist das eigentlich, Europa? Die Grenzen liegen weitgehend fest seit der Antike: Ural, Kaukasus, die Meere. Absolut korrekt, dass ein Foto Istanbuls gleich am Anfang einer der beiden Sonderausstellungen zu sehen ist. Aber auch die Gemälde von Wilhelm Kiesewetter aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigen Europa. Der Maler wanderte bis nach Kirgisien und Karelien, um dem Westen fast schon neutrale Berichte von den Anderen zu bringen. Sie gaben uns den Kaffee, den Tee, die Teppiche. Der Döner Kebab, dieses Sinnbild orientalischen Fast-Foods, ist allerdings eine Erfindung von Berliner Türken. Der Burger-Konkurrent trat von Kreuzberg aus den Siegeszug in alle Welt an.

Man sieht hier und lernt lustvoll. Wer weiß schon um die ökonomische, technikgeschichtliche und künstlerische Bedeutung, die Glasperlen haben? Ganze Paletten werden hier angeboten, und wenn man dann die nette kleine Marienikone aus Jerusalem – ja, auch der Nahe Osten ist kulturgeschichtlich kaum von Europa zu trennen! – betrachtet, dann fallen zuerst die kunstvoll verarbeiteten Perlen auf. Eine Ikone übrigens, die ihrerseits im Wettkampf steht mit skurrilsten Objekten der Volksgläubigkeit, etwa einem stachligen Ding, das Schwangere in der Hand halten sollen, um den eigenen Körper zu fühlen: New Age im 19. Jahrhundert. Auf einem Paravent ist das in Deutschland als Klebebild gedruckte Porträt der englischen Königin Victoria zu sehen. Irgendwann kann man hier einmal die Ausstellung über Europäer in Indien, Asien und Afrika anschließen lassen, die derzeit noch fehlt.

Die Spannungskurve hält, nur den absurderweise als „Schau-Depot“ bezeichneten Raum im Sockelgeschoss mit seinen etwas volleren, aber genau so wie die Hauptausstellung von den Kuratoren vorausgewählten Regalen sollte man ignorieren. Besser trauert man um die durch den Nationalismus und den Rassismus der Nazis zerstörte Minderheitenkultur Europas, ihre Trachten und Häuser, die unterschiedlichen Trinkgefäße und Jagdsitten.

Bis 1998 firmierte das MEK als Museum für Deutsche Volkskunde. Aber Volkskunde ist seit den 1980ern zunehmend zum Tabu-Begriff der Wissenschaftler und Museumsleute geworden. Damals wurde bewusst, wie sehr Nationalisten und schließlich die Nazis ihn missbraucht haben, um auch in den Museen und Universitäten eine rassisch eindeutige Welt konstruieren zu lassen. Die Volkskunde verachtete deswegen lange die großen, multikulturellen Städte und widmete sich mit Vorliebe den Dörfern, konstruierte eine Welt der einfachen Bauern, die es so nie gab. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg gab das Museum seine Judaica-Bestände an das Israel Museum in Jerusalem ab im Tausch gegen einige als „deutsch“ betrachtete Objekte.

Waren Juden etwa keine Deutschen? In der neuen Ausstellung sind jüdische, christliche und muslimische Haussegen nebeneinander zu sehen. Es gibt eben keine eindeutig abzugrenzenden Kulturen, und der Wandel ist das Normale, nicht national eingegrenzte Statik. Wie viel Blut ist in unserem Europa für die Erhaltung dieser Statik geflossen. Übrigens die einzige wirkliche Hohlstelle dieser Ausstellung: Die vielen „Volkstumskämpfe“ in Schlesien, Böhmen, der Ukraine, Karelien, Nordirland, dem Baskenland, Zypern und Palästina. Sie haben Europa fast zerstört, das Europa der Vielfalt.

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sollten ihre Kollegen aus ganz Europa also in dieses kleine Museum einladen. Hier können sie lernen, dass Europa mehr ist als Nationalfahnen, Raffael, Mozart oder Mercedes-Benz und Renault. Sie können lachen über ein Souvenirtuch, mit dem 1993 für den Vertrag von Maastricht geworben wurde: „Der ideale Europäer“, der kocht wie ein Brite, ist organisiert wie ein Grieche und hat Humor wie ein Deutscher.