Selbst sein Tod war noch präzise inszeniert: Am 8. Januar 2016 kam, pünktlich zu seinem 69. Geburtstag, David Bowies letztes Album „Blackstar“ heraus. Zwei Tage später starb er, 18 Monate nachdem man Krebs in seiner Leber diagnostiziert hatte. Musikalisch hörte man einen der besten Bowies, die es je gab. Die jazz-dubbige Atmosphäre schimmerte in einem dunklen Glanz, die brütenden Arrangements und dichten, unruhigen Beats aus Club-Fusion zeigten ihn neugierig, mit klarem Ohr im Jetzt.

Doch alles klang nach Abschied, die letzten beiden Videos lassen wenig Zweifel: „Ich bin ein schwarzer Stern“, singt er im Titelstück, während man ein letztes Mal den Major Tom aus seinem ersten Hit „Space Oddity“ sieht, ein diamantenbesetzter Totenschädel in Raumanzug, in einer Höhle auf dem Mond. „Schaut hoch! Ich bin im Himmel“, fordert er die Hörer in der Single „Lazarus“ drei Wochen vor seinem Tod auf, im Video liegt er im Krankenhaus, bevor er durch einen Schrank ins Schwarze abgeht. „Blackstar“-Produzent Tony Visconti, seit 1969 für zwölf der 25 Studioalben Bowies verantwortlich, meinte: „Sein Tod war wie sein Leben – ein Kunstwerk.“

Wirklich nah kommt man David Bowie nicht

Weil er als Person auf diese Weise immer Rätsel und Geheimnis blieb, lief die Exegese schon zu Lebzeiten hochtourig, nahm aber, wie es eben so ist, nach dem Tod noch einmal an Fahrt auf. Zum fünften Todestag kann man sich mit zahlreichen biografischen Schriften beschäftigen, sich durch rund 50 CDs aus dem derzeit bis 1988 versammelten Archiv hören und in diversen, auch gefilmten Auftritten nach ihm suchen.

Wirklich nah kommen wird man ihm schon deswegen nicht, weil er künstlerisch erst zu sich kam, als er begann, sich als Schöpfer in seinen Figuren aufzulösen, oder sich, wie man früher sagte, von seinen Schöpfungen schreiben zu lassen. „Mein Unterhaltungsappeal besteht nicht zuletzt darin, euch zu belügen“, sagte er in seinem letzten UK-Interview 2003. Und schon in den Credits zu seinem wichtigen vierten Album „Hunky Dory“ von 1971 nennt er seine Funktion: Schauspieler.

Abbildung: Cross Cult
Cover der Graphic Novel „Bowie“ von Michael Allred

Grund genug, zum Fünfjährigen die etwas andere, überaus charmante Hommage an das Konzept der endlosen Performance hervorzuheben, die Michael Allred mit seiner Graphic Novel „Bowie“ im letzten Jahr veröffentlicht hat. Wo zurzeit Gabriel Ranges Biopic „Stardust“ nach dem letztjährigen Premierenflop auf Eis liegt (und die gezeichnete Biografie ohnehin länger im Trend liegt), leuchtet die Form gerade wegen der visuellen Entschlossenheit Bowies ein.

Allred (und sein Co-Autor Steve Horton) konzentrieren sich dabei auf die professionelle Bowie-Werdung bis zum androgynen Alienhelden Ziggy Stardust, dessen letzter Auftritt von 1973, sein „Rock 'n' Roll Suicide“, den Ausgangspunkt gibt. Allred begleitet den gebürtigen Davy Jones durch das London der Sechziger, setzt ihn in Cafés mit späteren Co-Stars wie Marc Bolan, schickt ihn auf Konzerte und zeigt ihn mit den ersten eigenen Bands bis zum Plattenvertrag.

Abbildung: Cross Cult
Michael Allred (und sein Co-Autor Steve Horton) konzentrieren sich in der Graphic Novel „Bowie“ auf die professionelle Bowie-Werdung bis zum androgynen Alienhelden Ziggy Stardust.

Michael Allred wagt den Doku-Blick

Eilig und mit eingeblendeten Eckdaten chronologisch, aber mit beinah reicher Detailverliebtheit, reproduziert Allred historisch bedeutsame Albumcover, porträtiert präzise die Künstler, denen der selbsterklärte „Persönlichkeitensammler“ Bowie begegnet, die ihn, sagen wir, inspirierten – die Glamrocker und Elton John, Lou Reed und Andy Warhol, die Transmusikerin Jayne County und Iggy Pop.

Und er inszeniert mit Doku-Blick die Arbeit mit Band und Produzenten. Sehr hübsch, wie er Bowies Fantasien nachstellt, wenn er ihn vor einem Schaufenster vor all seinen späteren Gestalten zeigt oder ihm in einem prächtig psychedelischen Space Ziggy Stardust zuführt.

Abbildung: Cross Cult
Michael Allred zeigt, wer Bowie inspirierte: die Glamrocker und Elton John, Lou Reed und Andy Warhol, die Transmusikerin Jayne County und Iggy Pop.

Eindrücklich fallen die Konzertbilder aus, wobei – das ist für Fans und Experten – er gerne ikonische Fotos als Vorlage nimmt, sie aber noch ein bisschen größer als das Leben ausschmückt. Allred zeichnet dabei mit wunderbarer Dynamik, die straffen Konturen, geschult im Sixties-Superhelden-Realismus Jack Kirbys (dessen Silver Surfer Allred 2015 preisgekrönt neu belebte), bei feinster Farbgebung durch Allreds Frau Laura.

Ein Star im Todesfilm

Es ist das Buch eines Fans, die trüber schillernden Seiten bleiben etwas flach: der Umgang mit der Band und den Groupies, der Einfluss seiner Frau Angie, die Gaysploitation. Dank ihrer Tiefenschärfe reißen die Bilder diese Themen an – genauer beleuchten muss man sie anderswo.

„Bowie“ funktioniert nicht zuletzt als feines Coffee-Table-Book, vielleicht neben dem ebenfalls im letzten Jahr erschienenen ausladenden Ziggy-Fotoband von Mick Rock (der hier auch auftritt).

Abbildung: Cross Cult
Ein Bild aus der Graphic Novel „Bowie“ von Michael Allred

Glanzvolle Oberflächlichkeit scheint andererseits gerade diesem Künstler angemessen, dessen ganzes Schaffen davon lebte, nicht nach einem langweiligen Selbst zu suchen, sondern immer zu werden, wer er grade sein wollte. „Blackstar“ wurde übrigens zu einem seiner größten Erfolge, bepreist mit den ersten (vier) Grammys in musikalischen Kategorien und der ersten Nummer eins in den US-Charts. Am Ende also, scheint es, hat Bowie noch den Tod als urauthentische Erfahrung ausgetrickst, indem er sich als Star im Todesfilm besetzte.

Michael Allred: Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume. 160 Seiten. Cross Cult Verlag, 2020, 35 Euro.