Die Finanzkrise hat ein Gesicht. Ein hübsches sogar. Es ist das Gesicht des teenieumschwärmten Robert Pattinson, bekannt als Vampir Edward aus den Verfilmungen der „Twilight“-Saga. Pattinson sitzt nun mit seinen blassen eiskalten Vampirgesicht in einer Stretchlimousine und spielt den Finanzjongleur Eric Packer. Beide, der Schauspieler und seine Figur, sind ganz oben angekommen: Packer beim Milliardenvermögen, Pattinson im Kunstkino. Sein Regisseur ist nämlich kein Geringerer als David Cronenberg, der den jüngst in Cannes gezeigten Film „Cosmopolis“ nach dem gleichnamigen Roman des Amerikaners Don DeLillo drehte. DeLillo ahnte darin 2003 die globale Bankenkrise voraus.

Aus der weißen Stretchlimousine wird Eric Packer den ganzen Film über kaum je herauskommen. Am Morgen irgendwie Böses ahnend, will er sich erstmal die Haare schneiden lassen beim alten Friseur seines Vaters. Begleitet von einem Sicherheitsexperten lässt er sich hierzu quer durch New York kutschieren. Es ist eine lange Reise, denn die Stadt ist verstopft. Der Präsident ist in der Stadt, ein Trauerzug für den Sufi-Rapper Brutha Fez bewegt sich durch Manhattan, zudem blockieren zahlreiche Ausschreitungen aufgebrachter Globalisierungsgegner den Verkehr.

New York ist in Aufruhr, wie wir durch die Fenster der Limousine sehen können. Hören können wir es nicht, der mit Leder ausgeschlagene Wagen ist perfekt schallisoliert. Stattdessen dringt die Außenwelt in Form von Börsennachrichten über leuchtende Monitore ein. Diese Nachrichten sind katastrophal, der chinesische Yuan steigt und steigt; Packer, der auf sein Fallen gesetzt hat, rollt auf der Verliererstraße. Im Sekundentakt verliert er, was andere in einem Arbeitsleben verdienen.

Dialoge in in Schallschluckatmosphäre

Packers Sicherheitschef, alarmiert von Hinweisen auf ein bevorstehendes Attentat auf seinen Schützling, läuft neben dem schleichenden Wagen her. Demonstranten halten tote Ratten an die Scheiben und bringen die Limo ins Schaukeln. Ab und zu steigen Menschen zu und wieder aus: Packers Leibarzt untersucht ihn routinemäßig, aber gründlich. Und immer wieder Frauen. Juliette Binoche darf hinein für einen kurzen Liebesakt– ein grotesker Besuch aus einer anderen Welt, dem lichtdurchfluteten Reich des französischen Films.

Die Schlüsselszene dieses aberwitzigen Films ist erreicht, als der Arzt sich an Packers Hintern zu schaffen macht. Durch den Darm versucht er, die Prostata zu ertasten. Packer, die Hosen heruntergelassen, beugt sich dabei nach vorn und lauscht den Ausführungen seiner Finanzchefin zu den aktuellen Verkrampfungen des Marktes. Zeit ist eben Geld, da kann man sich nicht auf eine Sache allein konzentrieren.

Während der Arzt hinten herumfingert, bekommt das Gespräch zwischen Boss und Angestellter – vor Schmerz stöhnend der eine; verschwitzt, weil beim Joggen ins Auto gerufen, die andere – eine ansteigend sexuelle Note. „Dann erreichten Mann und Frau mehr oder weniger gleichzeitig die Erfüllung, ohne einander oder sich selbst zu berühren“ – so steht’s im Roman, und so ähnlich passiert es im Film, wobei die Darstellungskunst zweifellos an ihre Grenzen stößt.

Es hat eine lange, oft unselige Tradition, das Finanzkapital im Bild der sexuellen Gier darzustellen. Immer lüstern, nie zufrieden, notorisch untreu und alles mit geilen Fingern betatschend, so zieht sich das Klischee von den Wuchererporträts der Renaissance bis zu den antisemitischen Bankierskarikaturen der Nationalsozialisten. Hier ist nun ein neuer Höhepunkt erreicht, es wird nicht einmal mehr getatscht, nur anzüglich geredet. Zielstrebig wird die Anstandsgrenze durchbrochen und der empfindsamste Punkt eines Menschen gesucht. Die Steigerung des Verfahrens wäre der Pistolenschuss. Und so kommt es dann auch, an gänzlich verblüffender Stelle.

Kulturhistorisch originell ist es nicht, sich das Finanzkapital als einen immergeilen nervösen jungen Mann vorzustellen, einen bohrenden, alles befragenden Menschen mit teilnahmslosem Gesicht. Aber wie Cronenberg das Klischee inszeniert als intimes Kammerspiel inmitten der brodelnden Stadt, hat es doch etwas beklemmend Großartiges. Was für ein Bild für die von aller Realwirtschaft gelöste Realität der Finanzmärkte ist diese durch Manhattan rollende Schaltzentrale! Egomanisch und doch eingebunden in die Nervenstränge des globalen Börsensystems. Abgehoben von aller Welt und doch von ihr umklammert, von Tortenwürfen und Farbsprays attackiert, so rollt Eric Packer dahin. Kein Herrscher der Welt, sondern ihr Nutznießer, ein Profiteur fremder Arbeit auf fragiler Geschäftsgrundlage. Um diesen trüben Gast zu spielen braucht es eines nicht: einen Vollblutschauspieler. Der Vampir macht das bestens.

Durch Cronenbergs Entscheidung, die Dialoge des Romans über weite Strecken wortgetreu zu übernehmen, wird die unwirkliche, kammerspielhafte Stimmung im Inneren der Limousine gesteigert, zumal die Dialoge frei von Nebengeräuschen verlaufen, in Schallschluckatmosphäre. Nur wenn Parker die Limousine mal verlässt oder die Tür sich öffnet, kommt die Welt ins Ohr. „Ein Mann aus dem vergangenen Jahrhundert spielte an der Ecke Saxophon“, heißt es im Roman.

Cosmopolis Kanada/Frankreich 2012. Regie & Drehbuch: David Cronenberg,Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, K’Naan u. a.; 113 Minuten, Farbe. Ab morgen im Kino.