David Graeber in Berlin: Eine Abrechnung mit dem Kapital. Entschuldet euch!

Berlin - Früher war alles besser. Die zwischenmenschlichen Beziehungen waren noch nicht vom Geld bestimmt. Jemanden "etwas schuldig" sein bedeutete noch eine persönliche Verpflichtung, war mithin eine Frage der Ehre und wurde gerne auch blutig geregelt. Erst mit dem Aufkommen des Münzgeldes, etwa 2000 bis 1000 vor unserer Zeitrechnung, veränderte sich diese archaische Kreditwirtschaft zu einem anonymisierten Schuldentilgungssystem: Jemanden "etwas schulden" lief jetzt auf ein bloßes Zahlenwerk und damit Rechenexempel hinaus, Schulden wurden kalt und unpersönlich, waren nun auch übertragbar und rücksichtslos einzutreiben. Die Versklavung ganzer Bevölkerungen war die Folge.

Das Geld ist der menschheitsgeschichtliche Sündenfall. So lautet die Kernthese in David Graebers neuem Buch "Schulden, die ersten 5000 Jahre". Dabei will uns der Amerikaner gerade nicht die übliche Herrschaftsgeschichte erzählen, wonach die Menschen erst mit Gütern tauschten, dann mit Geld zahlten und sich daraus schließlich ein Kreditkomplex aus staatlicher Schuldenmacherei und Kriegstreiberei entwickelte. Nein, es ist viel schlimmer: Ursprünglich bildete die Kredit- und Tauschwirtschaft eine Einheit; erst die Geldwirtschaft schuf die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die allgemeine Vergleichgültigung alles Menschlichen.

Der Sinn dieser Verkehrung ist offensichtlich, Graeber möchte den mittlerweile jede politische Diskussion durchziehenden Begriff der Schulden neu bestimmen: Lass Dich nicht verrückt machen, Schulden sind gar nicht schlimm, solange kein Geld im Spiel ist. Das klingt verrückt? Kommt auf den Standpunkt an, Graeber bezieht mit seinem Buch gewiss keine bloß beobachtende Position. Sonst hätte er auch nicht ein ursprungsmythologisches Konzept (das Kreditwesen hat den ursprünglichen Tausch- und Geldverkehr verdorben) durch ein anderes (das Geldwesen hat den ursprünglichen Tausch- und Kreditverkehr verdorben) bloß ausgewechselt.

Geschichtsphilosophische Ermächtigungserzählungen

Ursprungsmythologien sind eigentlich Komplexität reduzierende Dummmacher; als geschichtsphilosophische Ermächtigungserzählungen haben sie allerdings eine politisch-polemische Funktion. Und so lässt sich Graebers Buch vor allem und sogar mit einigem Gewinn als anarchistisches Plädoyer verstehen - für ein Leben jenseits der kapitalistischen, insbesondere geldbedingten Totalverhunzung zwischenmenschlicher Beziehungen. Seine "Schulden" bieten auf über 500 Seiten reichlich historisches Anschauungsmaterial für die staatlich betriebene Versklavung der Menschheit durch eine kreditär ins Unendliche getriebene Geldwirtschaft.

Graeber ist bekennender Anarchist und Occupy-Aktivist, insofern verfolgt er mit diesem gelehrten Buch ein politisches Ziel. Doch als Ethnologe - er lehrt an der University of London - ist er zugleich um wissenschaftliche Seriosität bemüht. Und so lässt er 5000 Jahre gut belegte Schuldengeschichte auf zwei Einsichten von unverminderter Aktualität zusammenschnurren: Erstens verschleiert Geld Unrechtsverhältnisse, indem es ihnen jede persönliche und moralische Qualität abspricht und sie damit zu einem anonymen Schicksal deklariert; zweitens brechen Revolutionen immer dann aus, wenn die Verschuldung der Bevölkerung zu hoch wird.

Wir können das auch so zusammenfassen: Es besteht Hoffnung. Während die Gesundbeter und Weißwäscher des Kapitals noch die Alternativlosigkeit des geldgetriebenen Verhängnisses ausrufen, richten wir uns mit Graeber schon einmal auf revolutionäre Zeiten ein. Der ungebremste Renditewahn wird, da brauchen wir gar nicht mehr viel zu tun, die westlichen Gesellschaften ohnehin in Aufstandszonen verwandeln. Die Entkopplung von Kapitalismus und Demokratie findet bereits statt. Und auch, dass Kapitalismus keineswegs einvernehmlicher und friedlicher Handel bedeutet, setzt sich allmählich als Einsicht durch.

Wir klammern uns an das Bestehende

Der Kapitalismus offenbart sich als die Kriegs- und Krisenwirtschaft, die er immer schon gewesen ist. Für die meisten verliert er genau damit seine Attraktivität: "Es gibt gute Gründe dafür, dass der Kapitalismus schon bald nicht mehr existieren wird, vielleicht wird sogar schon die nächste Generation ihn nicht mehr erleben. Doch angesichts eines nun wirklich nahenden Endes des Kapitalismus ist die häufigste Reaktion, selbst unter den Linken, einfach nur Angst. Wir klammern uns an das Bestehende, weil wir uns keine Alternative mehr vorstellen können, die nicht noch schlimmer wäre."

Für Graeber sind die Alternativen indes klar. Entweder der totale Ausnahmezustand: Gesellschaftliche Systeme, die "die Welt auf Zahlen reduziert, können nur durch Waffen in Schach gehalten werden, ob es sich dabei um Schwerter und Keulen handelt, oder wie heute um Drohnen, die intelligente Bomben werfen". Oder die totale Entschuldung, gewissermaßen die Befreiung des Menschen von der geldbedingten Erbsünde: "Märkte, denen man erlaubt, sich ganz und gar von ihren gewalttätigen Ursprüngen zu befreien, verwandeln sich unweigerlich in etwas anderes, in Netzwerke der Ehre, des Vertrauens, der gegenseitigen Verbundenheit."

Was sind denn eigentlich Schulden? "Sie sind nichts weiter", so Graeber, " als die Perversion eines Versprechens, das von der Mathematik und der Gewalt verfälscht wurde." Und an diesem Murks sollen wir festhalten? Mal halblang, warnt der Professor und Aktivist in einem anderen, ebenfalls gerade erschienenen Buch, einer Kampfschrift gegen den "Kamikaze-Kapitalismus": "Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sich die Kapitalisten über kurz oder lang zusammenreißen und zur Besinnung kommen... Zuerst werden sie sich bei den sozialen Bewegungen, die sich gegen sie formieren, die sinnvollsten Ideen abschauen".

Das wäre in der Tat mal wieder dumm gelaufen. Und so empfiehlt sich die Lektüre des vergleichsweise schmalen Buches, denn es steckt voller Warnungen - ausdrücklich geschrieben von dem teilnehmenden Beobachter der Occupy-Bewegung, als der sich Graeber auch versteht. Besonders aufschlussreich sind allerdings die theoretischen, scharf in der Sache, aber locker im Ton gehaltenen Auseinandersetzungen mit den linken Ikonen des anti-kapitalistischen Widerstands. Antonio Negri, Michael Hardt, Judith Revel, aber auch Michel Foucault, Lois Althusser, Guy Debord oder Cornelius Castoriades: Sie alle werden mehr oder weniger gut begründet in ihre Schranken verwiesen.

Hier reklamiert der Vertreter einer neuen sozialen Bewegung die Deutungshoheit über die laufenden Ereignisse. Man will sich von den Alten nichts vorschreiben lassen und die Richtung des Kampfes selber bestimmen. In dieser Hinsicht lässt Graeber keine Zweifel: Wir haben es beim Kapitalismus mit einem Selbstmord-Kandidaten zu tun; das sollte spätestens in der globalen Finanzkrise deutlich geworden sein. Seinen Tod mag man nun beschleunigen oder aufhalten wollen. Mit dem Begriff der Schulden zielt Graeber jedenfalls auf das affektive wie normative Zentrum des Kapitals; nur über die Totalentschuldung kann es sich von sich selbst und uns von dem Renditewahn erlösen, der noch die kleinste Lebensäußerung in seinen Bann schlägt.

Der Mensch wird nicht schuldig geboren. Schulden sind eine moralische Waffe in der Gestalt unideologischer, da mathematischer Exaktheit. Wie gut, dass uns ein Ethnologe daran erinnert hat.

David Graeber: Heute, 23.5. um 19 Uhr bei Dussmann, Friedrichstr. 90.

Literatur:
David Graeber: Schulden: Die ersten 5000 Jahre. Übers. v. Ursel Schäfer, Hans Freundl, Stephan Gebauer. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 536 Seiten, 26,95 Euro.

David Graeber: Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System. Übers. v. Katrin Behringer. Pantheon Verlag, München 2012. 192 Seiten, 12,99 Euro