"Die Sache hätte mich ruinieren können": der Autor David Lagercrantz. 
Randomhouse/Magnus Liam Karlsson

Berlin - Wie es dazu gekommen ist, dass David Lagercrantz die „Millennium-Trilogie“ um die Hackerin Lisbeth Salander und den Redakteur Mikael Blomkvist fortgeführt hat, hört sich an wie eine Szene aus eben dieser berühmten skandinavischen Krimireihe des verstorbenen Schriftstellers Stieg Larsson. Lagercrantz war zu dem Zeitpunkt dank seiner Biografie des schwedischen Fußballstars Zlatan Ibrahimovic ein etablierter Name, „Ich bin Zlatan“ ist nicht nur das meistverkaufte Buch Schwedens überhaupt, sondern inzwischen auch Lernmaterial in Schulen. Eines Tages wird Lagercrantz vom Stockholmer Verlag Nordstedts angerufen, sie wünschen sich ein heimliches Treffen. Zu dem Zeitpunkt weiß er noch nicht, worauf er sich einlässt, zumal er für die Konkurrenz schreibt. Dennoch packt ihn die Neugier, und er nimmt die Einladung an. Einzige Bedingung: Er darf das Gebäude nicht über den Haupteingang betreten.

Das war 2013. Sechs Jahre und drei Bücher später muss Lagercrantz lachen, wenn er über diese Zeit nachdenkt. „Ich wurde von der Hintertür reingeschmuggelt, weil Nordstedts nicht wollte, dass mich auch nur eine Person sieht. Ich bin natürlich mit dem Ganzen mitgegangen, weil ich als Journalist einen gewissen Riecher habe und wusste, dass es hier um etwas Großes geht. Und siehe da, was für eine Sache! Stieg Larsson! In einem fensterlosen Kellerraum fragte mich die Verlegerin dann sehr ernst, ob ich mir vorstellen könnte, den vierten Band der Millennium-Reihe zu schreiben. So viel Nervenkitzel hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht!“

Lagercrantz sitzt in einem Besprechungsraum seines deutschen Verlegers Heyne. Seine Lesetour läuft gerade auf Hochtouren, in den letzten zwei Wochen hat er ganze 9000 Bücher für seine amerikanischen, englischen und deutschen Fans signiert. Und das alles, weil Lagercrantz selbst ein Fan von Stieg Larssons Arbeit war und nach dem plötzlichen Tod des Autors sein Vermächtnis fortführen durfte. „Die Presse war hinter mir her. Nicht nur in Schweden. Alle wollten, dass ich scheitere. Erst als das erste Buch rauskam, beruhigten sich die Gemüter einigermaßen.“ Und nun ist Schluss. Nach dem insgesamt sechsten Band der Reihe und seiner eigenen Trilogie hat Lagercrantz angekündigt, dass er mit der Geschichte aufhört. „Ich respektiere Autoren, die 20 Bücher mit denselben Figuren schreiben können. Aber verstehen tue ich das nicht. Mein ganzer Körper sagt mir, dass mittlerweile Zeit für Neues ist. Ich spüre keine Leidenschaft mehr und muss meine eigenen Geschichten erzählen. Ich muss beweisen, dass ich auch gute Bücher schreiben kann, ohne einen bereits bestehenden Erfolg zu übernehmen. Ich muss beweisen, dass ich auch ohne Lisbeth Salander kann.“

David Lagercrantz war von Kindheit an umgeben von Literatur. Er ist Sohn des bekannten Publizisten und Kritikers Olof Lagercrantz, der Biografien über James Joyce, Marcel Proust und Dante veröffentlichte. Der Sohn trat also in die Fußstapfen seines Vaters, ging aber danach auch seinen eigenen Weg. Tatsächlich fing er bei einem Boulevardblatt an. Wollte er gegen die Hochkultur seines Vaters rebellieren? „Aber nein. Ich dachte nur, wenn ich die Klatschpresse einmal hinter mir habe, dann werde ich in der Lage sein, über alles schreiben zu können.“ Der Plan ging in etwa auf; Lagercrantz stieg zum Kriminalreporter auf und schrieb später auch ein Buch über den britischen Mathematiker Alan Turing. Was sein Vater wohl davon halten würde, wenn er noch am Leben wäre und sehen würde, dass sein Sohn erfolgreiche Krimis schreibt? „Mein Vater war ein sehr seriöser Schriftsteller. Er würde das, was ich mache, als Kuchenliteratur bezeichnen. Kuchen schmecken fantastisch, sie sind aber nicht wirklich nahrhaft. Deswegen gebe ich immer mir immer Mühe, sowohl zu unterhalten als auch gesellschaftliche Wahrheiten wiederzugeben.“

Claire Foy als Lisbeth Salander in "Verschwärung" nach Lagercrantz. 
Imago/Zuma Press

Mit Letzterem hält sich Lagercrantz an Stieg Larssons Stil. In der ursprünglichen Trilogie geht es um Themen, die auch heute unseren gesellschaftspolitischen Diskurs reflektieren: sexuelle Gewalt gegen Frauen, Rechtsradikalismus, Erinnerungskultur, die Gefährdung der Demokratie. Lagercrantz versucht den Zeitgeist gleichermaßen einzufangen: „Larsson hat sich mit zeitgenössischen Themen auseinandergesetzt, und auch ich bin daran interessiert, aktuelle Fragestellungen spannend zu verarbeiten, damit sie bei den Lesern hängenbleiben. Vielleicht denken sie dann mehr über Politik oder soziale Ungerechtigkeit nach. Literatur kann ein Juwel sein, wodurch alles besser wird. Literatur kann die Sichtweise der Leser verändern. Sie kann dafür sorgen, dass Leser mehr Einfühlungsvermögen zeigen. Daran denke ich immer, wenn ich schreibe.“

Im Grunde hört sich das richtig und äußerst vornehm an, doch ist Lagercrantz tatsächlich in der Lage, so heikle Themen wie Stieg Larsson anzusprechen und seine Leser ähnlich zu sensibilisieren? Larsson galt als einer der führenden Experten für faschistische Bewegungen weltweit und bekam ständig Morddrohungen von rechts. Dass sich der erste Teil seiner Romanreihe so intensiv mit Neonazis beschäftigt, hat vor allem damit zu tun, dass der Autor seine freie Zeit damit verbrachte, die rechte Szene in Schweden unter die Lupe zu nehmen. Dies hat Lagercrantz in seiner Trilogie weitgehend abgeschwächt, im letzten Buch kommt Mikael Blomkvist sogar mit der Redakteurin einer populistischen Zeitschrift zusammen.

Wenn Lagercrantz also Fake News, Troll-Armeen und die NSA-Spionageaffäre anspricht, alles wichtige und tagesaktuelle Diskurse, dann fühlt es sich etwas oberflächlicher an als bei Stieg Larsson. Spricht man ihn darauf an, möchte er seine politische Überzeugung klarstellen: „Ich teile Stieg Larssons Werte absolut. Ich habe Todesangst vor Rechtsextremisten und hoffe, dass das auch durch meine Bücher klar wird. Die Zeit, in der wir heute leben, ist vollkommen verrückt und gefährlich. Auch in Deutschland. Es fühlt sich manchmal so an, als wären wir wieder in den 30er-Jahren. Narzisstische Populisten kommen mithilfe von Desinformation an die Macht, und keiner will die Wahrheit hören. Ich sage immer wieder gerne, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist. Dafür steht ja auch die Figur des Mikael Blomkvist.“

Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich Lagercrantz’ literarische Karriere weiterentwickelt. Er sieht ein, dass er bislang nur Aufträge erledigt hat und zukünftig vor einem echten Test steht. Er schreibt nämlich seinen ersten originären Roman. Fühlt er denn gar keine Autorenschaft, wenn es um Lisbeth Salander oder Mikael Blomkvist geht? „Doch, anders hätte das gar nicht funktioniert. Ich musste das Ganze so angehen, als wäre es meine Story. Aber ich habe oft die Grenzen des Machbaren gespürt, weil ich die Figuren nicht erfunden habe. Lisbeth ist eine sehr starke Figur, vielleicht zu stark für mich. Ich muss Figuren schreiben, die verletzlich sind, so wie ich selbst.“

Der Aspekt des Auftrags erinnert in gewisser Weise an Fußballspieler, die von Stadt zu Stadt ziehen und im Dienste ihres aktuellen Vereins auf Pokaljagd gehen. Lagercrantz kennt sich gut mit Fußball aus, schließlich hat er viel Zeit mit Zlatan Ibrahimovic verbracht. Zieht der Vergleich für ihn? „Ja, so kann man das schon betrachten. Ich habe sogar mit Zlatan darüber gesprochen. Ihm gefällt der ganze Trubel um einen Vereinswechsel, dass sich dann alle für ihn interessieren und dass er sich immer wieder aufs Neue beweisen muss. Ob in Paris oder Mailand. Und ich als Autor bin auch so. Für mich war diese Trilogie ein Abenteuer, eine komplett verrückte Sache. Sie hätte mich ruinieren können, aber ich habe zum Glück überlebt. Ich hoffe, dass mein Vater vom Himmel aus zuschaut und stolz auf mich ist, dass ich mir auch als Bestsellerautor treu geblieben bin und endlich etwas Neues anfange.“

Und Ibrahimovic? Ist der auch ein  bisschen stolz auf ihn? Hat er Lagercrantz’ Krimis gelesen? „Zlatan hat in seinem ganzen Leben nur ein einziges Buch gelesen und das auch nur, weil er sich für das Thema besonders interessiert hat. Natürlich meine ich seine Biografie.“ Sein Kichern verrät, dass ihm das überhaupt nichts ausmacht. Lagercrantz hat genügend Leser, die auf sein nächstes Werk warten.