Eine Aufnahme des ehemaligen Palasts der Republik vom 3. Oktober 1990 in Berlin. Das Gebäude wurde abgerissen.
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BerlinThomas Oberender wurde 1966 in Jena geboren und war 23 Jahre alt, als die Mauer fiel. Seit 2012 arbeitet er als Intendant der Berliner Festspiele und hat der Institution einen Fokus auf ostdeutsche Kulturgeschichte gegeben. Kürzlich ist sein neues Buch erschienen mit dem Titel „Empowerment Ost“. Darin fordert der Theatermann einen selbstbewussten Umgang mit der Protestkultur der DDR und ostdeutscher Geschichte überhaupt.

Herr Oberender. Sie haben vor anderthalb Jahren in Athen einen Vortrag gehalten. Daraus ist ein aktuelles Buch entstanden mit dem Titel „Empowerment Ost“. Wie verstehen Sie den Begriff?

Der Vortrag hieß eigentlich „Occupy History“. In Athen, New York oder Brüssel dominiert die Wahrnehmung der jüngeren deutschen Geschichte als Geschichte einer westdeutschen Kontinuität. Dass es 1989 eine Revolution gab und danach sehr andersartige Erfahrungen mit der Wiedervereinigung in Ost und West, sorgt im Ausland oft für Staunen, gerade wenn es um die ostdeutsche Perspektive geht. Der Normalität der westdeutschen Sicht vom Aufbau Ost will ich eine eigene Sicht entgegenstellen – das meint, die eigene Geschichte selbst zu erzählen und die gefühlte Zweitklassigkeit abzuschütteln. Von westdeutschen Freunden hörte ich oft:‚ Ich mag ja die Ossis, aber die hatten nun mal kein 1968, und das spürt man.‘ Und dann sage ich: ‚Aber dafür hatten sie 1989.‘ Und das sollte man stärker spüren.

Finden Sie die ostdeutsche Perspektive im gegenwärtigen Deutschland immer noch zu wenig berücksichtigt?

Ja. 2019 ermittelte eine Umfrage der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit, dass sich 57 Prozent der Menschen in Ostdeutschland als Bürger zweiter Klasse fühlen. Ich dachte: Wie bitte? Das kann doch nicht nur etwas mit Geld zu tun haben. Und für diese Situation versuche ich, mehr Aufmerksamkeit und Verständnis zu entwickeln, und Wege, das zu überwinden.

Für Sie hat Ihre ostdeutsche Identität lange keine Rolle gespielt. Doch dann spürten Sie einen Schnitt. Was hat sich geändert?

Seit geraumer Zeit kommt mir das Attribut „ostdeutsch“ stigmatisierend vor. Das hat viel mit der AfD, Pegida und dem endemischen Rechtsextremismus in Ostdeutschland zu tun. Wir haben uns an eine Sichtweise gewöhnt, die das ausschließlich mit der Vorgeschichte DDR erklärt. Aber dem ist nicht so. Es gibt die Traumata der Wiedervereinigung, aber eben auch die demokratische Mobilisierung einer ganzen Gesellschaft in den Wendejahren 1989/90. Die Sprache, nach der ich suche, ist nicht die des Opfers, sondern die eines Menschen, der selber Kämpfe bestanden hat. Außerdem möchte ich in einem Deutschland leben, wo ich nicht sofort belehrt werde, wenn ich gelegentlich auch über positive Erfahrungen in der DDR spreche, in der ich immerhin 23 Jahre gelebt habe.

Sie machen in Ihrem Buch ein Beispiel. Sie beschreiben, wie Sie mit einer SPD Politikerin aus Köln sprechen und gewisse soziale und kulturelle Erfolge der DDR hervorheben. Die SPD-Politikerin zuckt zusammen und sagt, das sei ja wie Hitler loben, weil er Autobahnen gebaut hat. Ist es immer noch ein Tabu, über die DDR in einem positiven Verhältnis zu sprechen?

Ich habe an diesem totalitären Land DDR gelitten, doch es gab nicht nur Totalitarismus, sondern auch die Parallelwelten der Jugendkultur und Kunst, der Familie und emanzipativen Ideen. Es gab massives Unrecht in der DDR, aber nicht nur. Es gab auch „Die Legende von Paul und Paula.“ Als es vor zwei Jahren eine Doppelseite in der F.A.Z gab, auf der verschiedene Redakteure präsentierten, was es an Avanciertem und Lebensfrohem im Osten gegeben hat, habe ich mich sehr gefreut. Da kam ostdeutsches Design, Pop-Musik, experimentelle Musik, Malerei oder Architektur vor. Plötzlich stand neben der West-Moderne eine faszinierende Ost-Moderne, und diese neugierige und empathische Sicht war ungewöhnlich und ist wunderbar. Der kulturelle Schatz unseres Landes hat sich allerdings nicht nur durch die Ostdeutschen erweitert, sondern auch durch zahlenmäßig oft sehr große Minoritäten mit noch ganz anderen Hintergründen.

Dr. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele
Foto: Berliner Festspiele/Christoph Neumann

Sie positionieren sich politisch und schreiben, dass Künstler und Intellektuelle um 1989 wie das Neue Forum Reformvorschläge gemacht haben, um die Wiedervereinigung anders als westdeutsch-kapitalistisch zu organisieren. Gleichzeitig schreiben Sie, dass die Wiedervereinigung zu schnell vonstatten ging. War die Wiedervereinigung eine Schockkur – so wie in Polen der radikale Übergang in den Kapitalismus?

In meinem Buch versuche ich, die ostdeutsche Revolution einzubetten in den osteuropäischen Frühling. Wie bei der deutschen Wiedervereinigung 1990 kaum Zeit für eine breite gesellschaftliche Diskussionen blieb, war das auch beim Beitritt osteuropäischer Länder wie Polen oder Ungarn zur EU. Alles alternativlose Eilverfahren. In Osteuropa dachte man, mit der Marktwirtschaft kommt auch die Demokratie. Nur so war es eben nicht – die Marktwirtschaft kam als eine Schocktherapie, die eine breite Ohnmachtserfahrung und soziale Spaltung mit sich brachte. So entstand eine EU-Feindlichkeit gerade bei denen, die in den 90er-Jahren unbedingt in die EU wollten. Es sind genau die Länder, die jetzt ihre demokratischen Strukturen in eine autokratische Richtung umbauen.

Aber die Mehrheit wollte doch die schnelle Eingliederung in die BRD!

Natürlich. Die Hoffnung, etwas Anderes und Eigenes zu gestalten, war kein Mehrheitsgedanke im Abendrot der DDR. Der Gedanke, dass der Staat schon für uns sorgt, war in der DDR 40 Jahre gelebte Realität. Und das haben sich viele Ostdeutsche dann – nur besser – vom Westen erwartet. Um so enttäuschender war, wie viele fallengelassen wurden und in eine Dauerschleife gerutscht sind von Umschulungen, ABM und 1-Euro-Jobs. Die Revolution ist von den Ostdeutschen gemacht worden, aber die Wiedervereinigung wurde durch Westdeutschland organisiert.

Wenn die Bürger der DDR als Kollektiv entschieden hätten, was hätten sie denn wirklich gewollt? Einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz? Das ist doch eher unwahrscheinlich.

Ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz ist im weltweiten Vergleich auch eher unwahrscheinlich. Für die Mehrheit der Ostdeutschen versprach die soziale Bundesrepublik der 80er-Jahre in den Zeiten eines totalen Umbruchs schnelle Sicherheit. Es ist falsch, zu sagen, dass in der DDR 16 Millionen Visionäre wohnten. Die Mehrheit wollte den schnellen Beitritt, aber die Bürgerbewegungen der DDR und die politischen Initiativen der Wende entwickelten durchaus andersartige, soziale Verfassungs- und Staatsideen. Es waren bei der Wahl im März 1990 immerhin einige Millionen Menschen, die eine verlangsamte Form des Beitritts gewollt haben – eine sozialere, weniger harte und kapitalistische. Den Aufruf „Für unser Land“ mit seinem Plädoyer für einen Dritten Weg haben eine Million DDR-Bürger unterschrieben. Das ist alles Geschichte und vorbei, aber eben doch etwas anderes als 16 Millionen Leute, die nur nach Bananen schrien.

Sie deuten an, dass Ostdeutschland im Grunde von Westdeutschland kolonialisiert wurde. Und so sei auch das Geschichtsverständnis vom Westen übernommen und kolonialisiert worden. Sehen Sie das so?

Das ist ein Nebenakzent meines Buches, und ich habe lange gezögert, ob ich ihn drin lasse, weil er natürlich einlädt, sich darauf zu stürzen und den Rest, von dem ich spreche, auszublenden – der Idee der „ersten Revolution des 21. Jahrhunderts“ etwa, die ich mit 1989 verbinde. Aber Empörung setzt eben auch viel in Gang. Die koloniale Geste der Westdeutschen in der DDR ist mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika überhaupt nicht gleichzusetzen. Ich spreche von einer kolonialen Matrix der Wiedervereinigung: der kompletten Übernahme der wirtschaftlichen Kontrolle, der Behörden, der Steuerung der Öffentlichkeit und der Bildung, der Substitution des einen Systems durch das andere. Viele Ostdeutsche haben sich nach 1990 von den westlichen Rezepten und Regeln schnellen Wohlstand versprochen. Wir wollten dazulernen. Aber es hat fast 30 Jahre gebraucht, um zu formulieren, dass der Status eines Entwicklungslandes auch kränkend war. Dieser Paternalismus und das westdeutsche Selbstverständnis, dass es vom Osten nichts zu lernen gab und gibt, ist gelebte Normalität bis heute.

Sie geben Beispiele. Sie schreiben, dass es kein Gender-Pay-Gap im Osten  gab. Dafür einflussreiche umweltpolitische und soziale Bewegungen, die heute wieder aktuell erscheinen. Diese Bewegungen vergleichen Sie mit ‚Occupy Wall Street‘ oder ‚Fridays for Future‘.

Naja, das sage ich vor allem deshalb, weil die Oppositionsbewegung in der DDR und auch die Reformkräfte 1989 zunächst eben keine Parteien waren, sondern aktivistische Bewegungen. Genauso in Polen. Und zeitgleich zum Westen entstand auch im Osten eine Friedens- und Umweltbewegung, die in den Wirren der Wendezeit große Nationalparks schuf oder den ostdeutschen Grund und Boden nicht privatisieren, sondern in Gemeingut verwandeln wollte. Genauso enthielt der ostdeutsche Verfassungsentwurf ein Grundrecht auf Wohnen und Arbeit.

Sie deuten an, dass das heutige kapitalistische System in eine Sackgasse, ja in die Selbstzerstörung führt und dass paradoxerweise sogar McKinsey-Leute aus dem Ausland sich jetzt damalige Oststrukturen anschauen, um davon zu lernen. Haben Sie das wirklich so beobachtet?

Ja. Ich habe McKinsey-Berater der Politik und Wirtschaft kennengelernt, allerdings nicht aus Deutschland, denen klar ist, dass der freie Markt nicht immer die Lösung ist. Wir fressen diesen Planeten auf und zerstören die solidarischen Gefüge der Gesellschaft weltweit. Also lohnt es sich, doch einmal da hinzuschauen, wo Erfahrungen mit einer Wirtschaft gesammelt wurden, die nicht marktbasiert war. Wie könnten Preis, Löhne oder die Ressourcenverteilung alternativ festgelegt werden? Das macht einen abgeschlossenen Feldversuch wie die DDR interessant, auch wenn er keine blühenden Landschaften hinterlassen hat. Interessant vor allem für Leute, die von außen kommen.

In den USA ist mir das auch aufgefallen. Dort werden bis heute DEFA-Filme oder Ost-Romane enthusiastisch studiert und gelehrt. Kurios!

Ja, es gibt ja auch dieses DDR-Alltagsobjektemuseum in Los Angeles. Das ist wie bei Briefmarkensammlern: Die DDR-Epoche ist geschlossen, es kommt nichts mehr nach und das macht sie wertvoll in den Augen von Insektenforschern.

Sehen Sie denn Hoffnung, dass sich das Selbstbewusstsein im Osten in Zukunft verbessert?

Dieses ‚Empowerment Ost‘ ist ja schon lange im Gange. Initiativen wie „Die dritte Generation Ost“, „Die andere Wende“, „Freiraum“, „Aufbruch Ost“ oder Bücher wie „Nachwendekinder“ von Johannes Nichelmann machen Hoffnung – es ist noch lange nicht alles gesagt. Die Jungen schauen auf das Leben ihrer Eltern und fragen sich, was da los war. Sie merken: Irgendetwas ist da seltsam in ihrem Land. Diese Stagnation in unserer Gesellschaft, die keine wirkliche Wende in der Umweltpolitik hinbekommt, siehe Kohlekompromiss, die nach Corona eben doch nicht in eine alternative Wirtschafts- und Forschungsstrategie investiert, wird in der Generation Unter-30 sehr genau empfunden. Dies führt zu einem anderen Blick auf die DDR, der nicht nur auf die Verbrechen schaut, sondern auch auf die redliche Lebensrealität vieler Ostdeutscher, ihre Kämpfe im Beruf und in völlig anderen politischen und sozialen Strukturen.

2019 wurde bei der Aktion „Occupy History“ das Haus der Berliner Festspiele in den Palast der Republik verwandelt. Einige Anwohner protestierten gegen die Aktion.
Foto: Berliner Festspiele/Matthias Völzke

An einem Punkt scheint Ihr Argument nicht zu funktionieren: Wenn es diese solidarischen, aufgeklärten Ost-Proteste gab, etwa 1989 in Leipzig, die an die heutigen Fridays-For-Future-Bewegung erinnern – warum schließen sich viele Ostdeutsche nicht der Greta-Protestbewegung an, sondern lieber der AfD und Pegida?

Ich glaube schon, dass sich junge Leute im Osten auch mit Fridays for Future solidarisieren, aber über die sprechen wir nicht, nur über die eher Älteren, die zur AfD gehen. Und bei denen hat das, wie gesagt, viel mit der Wiedervereinigungsgeschichte zu tun. Schauen Sie sich einfach die Statistiken von Ostdeutschen in Leitungsfunktionen an, da ist viel Luft nach oben. Wenn wir ein inneres Immunsystem gegen den Rechtsruck im Osten schaffen wollen, brauchen wir neue Ankerpunkte, ihre Transformationsleistungen, ihre Fähigkeit, sich im mittleren Alter ein neues Leben aufzubauen. Ich will kein Hohelied auf den Osten singen, bessere Menschen sind das auch nicht, aber eben auch keine schlechteren, keine ewigen Nachhilfeschüler. Deshalb habe ich „Empowerment Ost“ geschrieben. Ich höre in Berlin vor allem Radio 88vier. Das Programm machen Leute unter 30 aus Potsdam, Dresden, Halle und Berlin, und die lassen völlig andere Stimmen aus dem Osten zu Wort kommen. Das empowert mich.

Verstehen Sie Ihr Buch also auch als Aufruf an die Ostdeutschen, sich ihrer positiven Protest-Geschichte zu besinnen?

Wenn Sie so wollen. Die Politik der Treuhand hat mich jedenfalls mit der Protestgeschichte gegen die Troika in Griechenland verbunden, wo das Buch ja entstanden ist. Ich habe „Empowerment Ost“ aber auch für die Westdeutschen geschrieben, wobei ich „die“ in Anführungszeichen setze. Das Buch versucht, eine ostdeutsche Sicht zu vermitteln, die viele überraschen wird. Es ist meine Sicht, ich bin kein Historiker, es geht nicht um Klage oder Anklage, sondern einen Perspektivwechsel, Verständnis, Lust am Wandel. Aus westdeutscher Sicht ging es lange ums Zusammenwachsen. Für mich geht es um die Möglichkeit, zusammen zu wachsen, jeder in seiner eigenen Schönheit und Geschichte.

Thomas Oberender: „Empowerment Ost: Wie wir zusammen wachsen“, Tropen Verlag, circa 120 Seiten, broschiert, 12,- Euro, Stuttgart 2020.