Einen Satz hört man wiederholt an diesem Abend: Würde ich sofort anziehen. Das ist bemerkenswert, da die Gäste dieser Vernissage ohnehin ungewöhnlich gut gekleidet sind. Also nirgends wurstige Leggins auf strammen Schenkeln zu Stepp-Anoraks. Stattdessen Stilsicherheit und Individualität vom Haarschnitt bis zum Silber-Absatz: witzige Hüte, wallende Mäntel, blitzende Spitze, feine Schuhe und natürlich viel Schwarz – ein Mode-Event eben. Es blickt zurück in die Vergangenheit, zeigt Mode aus der DDR.

Und erstmals geht es nicht um eine Schau der zugehörigen Fotografen, die sich in zahllosen Ausstellungen und prächtigen Bildbänden schon ausführlich präsentieren und mit etwas Verspätung auch am Kunstmarkt etablieren konnten. Natürlich sind sie hier auch vertreten – Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Roger Melis und Günter Rössler – schließlich entwickelten auch sie ihren Ruhm mit der Modefotografie. Aber kein Mensch kennt die Designerinnen, von denen diese Mode stammt. Waren sie den Fotografen etwa nicht ebenbürtig? Allenfalls Insider können die Namen einordnen – Claudia Engelbrecht, Carola Bellach, Eva Mücke, Johanna Musiolek, Ulla Stefke, Ulrike Vogt, Karin Stark. Die Liste der prägendsten Vertreterinnen fällt drei Mal so lang aus.

Ute Lindner: Anonymität war gewollt

Ihre Arbeiten zeigt nun die Ausstellung „Zwischen Schein und Sein. Modegrafik in der DDR 1960–1989“ in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide. Die Designerin und Kuratorin Ute Lindner, selbst mit eigenen Grafiken vertreten, sagt: „Anonymität war gewollt. Wir produzierten ja im Team, da sollten sich die Kreativen nicht herausstellen.“ 

Ja, die DDR hätte selbst einen Karl Lagerfeld versucht, zu kollektivieren. Glück gehabt, der Weltstar aus Hamburg. Aber nun, in dieser riesigen Ausstellungshalle, die großformatigen Grafiken und Fotografien als Aufsteller in der Mitte des Raums, zeigt sich die eigentliche Wucht dieser untergegangenen Modewelt. Die hat sich zuvor niemand wirklich bewusst gemacht. Verführerisch sieht diese Kleidung aus, kaufen hätte man sie wollen – dazu später im Text. Natürlich orientierten sich die Modemacher in der DDR wie die in aller Welt an Paris und Mailand. Aber wenn sich denn eine eigene DDR-Modelinie entwickelt haben sollte, dann zeichnete sie sich durch Tragbarkeit aus. 

Alltagstauglichkeit zeigt sich schon an den Arbeiten aus den Sechzigern, die keine Kleidung für Hausfrauen und Models sein sollte, sondern für berufstätige, selbstbestimmte Frauen. Die sieht man bei der Arbeit oder im Café. Wichtig war die Verbindung von Design und Funktionalität, die sportlich-elegante Mode sollte außerdem langlebig, zeitlos und kombinierbar sein, sagt Ute Lindner, in den Achtzigern Meisterschülerin mit Paris-Erfahrung an der Kunsthochschule Weißensee.

Tragbar, also alltagstauglich

An ihren und anderen Arbeiten aus dieser Zeit erkennt man, dass die Designerinnen längst nicht mehr nur Ideen für Kleider vorlegten. Irgendwann hatten sich aus den Entwürfen insbesondere an der Hochschule eigenständige, vom Gegenstand unabhängige Kunstwerke diverser Stile entwickelt. Expressive Collagen, Materialmix-Studien, Farb-Impressionen und stilisierte Porträts sind hier ausgestellt. Alles zum ersten Mal, denn nicht mal die Zeitschrift Sibylle druckte solche frei schwebenden Grafiken. Ohnehin führte jede Veröffentlichung nur zu unliebsamen Nachfragen: Wo gibt es das zu kaufen? Ja wo?

Aus den 60er-Jahren hat die Kuratorin bei ihrer akribischen Suche nach verbliebenen Entwürfen sogar noch Plakate für Mode in Kaufhäusern aufgespürt – mit wenigen Strichen elegant gezeichnet. Die Älteren unter den Leserinnen erinnern sich vielleicht. Schon in den 70er-Jahren verschwand diese Werbung aus der Öffentlichkeit: Bloß keine Bedürfnisse wecken, die ohnehin niemand erfüllen konnte.
Das ist das eigentliche Problem – die Reinbeckhallen zeigen Mode von avantgardistischen Designern, die sich so keineswegs im Straßenbild der DDR wiederfand. Im Gegenteil, das machte ja nicht nur auf Fremde einen ausgesprochen armseligen Gesamteindruck. Und das, obwohl das Modeinstitut mit über 200 gut ausgebildeten Mitarbeitern in jährlich zwei Schauen die DDR-Modelinie vorgab. Doch was nutzt das, wenn die Entwürfe nur unverbindliche Empfehlungen blieben und die volkseigenen Betriebe mit ihren strengen Planvorgaben und endlosen Genehmigungsverfahren ihre eigenen, billigeren Linien umsetzten. Zumal sie nur einheimische Stoffe verarbeiten durften. Manchmal, heißt es, brachen Designer beim Anblick der Kleider, die aus ihren Entwürfen genäht worden waren, in Tränen aus.

Kleine Stückzahl, guter Stoff

Nur der 1962 gegründete Exquisit-Betrieb stellte her, was seine ambitionierten Gestalter entwarfen, durfte dazu auch edle Stoffe importieren. Nur reichte diese Ware längst nicht. Als eine Art Prêt-à-Porter made in GDR – kleine Stückzahl, gute Verarbeitung, feiner Stoff – war sie außerdem keinesfalls für jeden erschwinglich. Eine Bluse konnte locker 170 Mark kosten, durchschnittlich zwei Monatsmieten, warm. 30 Jahre nach dem Verschwinden der DDR blättern sich hier 30 Jahre DDR-Mode auf, die zeigen, wie es hätte sein können.

Hoffentlich bewirbt sich ein Museum oder eine Sammlung um die wiederentdeckten Skizzen, Grafiken, Collagen, alle handgezeichnet, künstlerisch wertvoll, bevor sie wieder verschwinden.
Zur Vernissage gibt es eine Modenschau von fünf aktuellen Modedesignern, allein die Farbtöne reichen von schwarz und gedeckt-erdigen Tönen bis zu Leinenweiß und heiterem Pastell, aber in einem gleichen sie sehr der früheren DDR-Mode: alles ist tragbar und schön zeitlos. Wieder fällt der Satz: Würde ich sofort anziehen. Na gut, heute kann man es kaufen.

Zwischen Schein und Sein. Modegrafiken aus drei Jahrzehnten DDR, Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17, Oberschöneweide, bis 31. 3. Do, Fr 16–20 Uhr; Sa+So 11–20 Uhr.