Der Maler Norbert Bisky (Foto) war 19, als die Mauer fiel. Er erzählt davon, wie er unmittelbar nach dem 9. November 1989 noch zur Nationalen Volksarmee (NVA) einberufen wurde und wie er seinen Weg vom NVA-Soldaten zum heute international gefragten Maler fand.
Foto: RBB/„Erzähle Deine Geschichte - Die DDR in 30 Begriffen“

BerlinDie Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR bleibt ein Problemfall in der wiedervereinigten Bundesrepublik. Noch heute wird hitzig diskutiert, auch unter Historikern, wie man sich dem vermeintlichen Arbeiter-und-Bauern-Staat nähern sollte. War es ein Unrechtsstaat? Eine Diktatur? Ein großes Missverständnis? Die Möglichkeiten der „Oral History“ helfen dabei, Widersprüche einzufangen, ohne sie komplett auszuradieren. Denn das Prinzip „mündlicher Geschichte“ basiert auf subjektiven Erinnerungen, die als einzelne Stimmen erklingen und im besten Fall in der Polyphonie eine Art Wahrheit oder Essenz herausschälen können. Man könnte auch sagen: Geschichtsschreibung dank Schwarmintelligenz.

Der RBB hat unter der Leitung des Journalisten Ulf Kalkreuth (Redaktion: Christine Thalmann und Jens Stubenrauch) sich diesem Prinzip verschrieben, um in einer Dokumentation den Alltag der DDR subjektiv auszuleuchten. Es geht ganz konkret darum, nicht nur die Prominenz zum Sprechen zu bringen oder sich allein auf die verbrecherischen Staatsstrukturen der DDR zu konzentrieren, sondern auch Grautöne zuzulassen. Orientierung bieten 30 Begriffe, die den Alltag der DDR geprägt haben – wie etwa die Stichworte „Oder-Neisse-Friedengrenze“, „Pioniernachmittag“, „Ausreiseantrag“ oder „Patenbrigade“. Unter den zehn Protagonistinnen und Protagonisten befinden sich ganz normale Leute wie ein Stahlwerker aus Eisenhüttenstadt, eine Intershop-Verkäuferin aus Berlin oder eine Binnenfischerin aus Peitz. Doch auch Prominente kommen zu Wort – wie der berühmte Maler Norbert Bisky oder der Schriftsteller und Psychiater Jakob Hein.

Jung genug, um erfolgreich zu sein

Dabei kommen kuriose Biografien zutage, zum Beispiel die Erfolgsgeschichte der ostdeutschen Köchin Doris Burneleit. In der DDR machte sie ihren Traum einer Restauranteröffnung wahr. Allerdings sollte es nicht irgendeine Milchbar sein, sondern die erste italienische Speisewirtschaft der DDR: das Fioretto. Um eine Konzession zu erhalten, musste die Gastronomin ihre ganze Fantasie spielen lassen und vor den Entscheidungsträgern nicht von einem Pasta- oder Spaghetti-Restaurant sprechen, sondern von einem „Nudel-Restaurant“. Das klang bauernstaatlich genug, um eine Konzession zu erhalten und eines der begehrtesten Lokale der DDR zu eröffnen. Nebenbei war es der einzige Italiener, den es in der DDR jemals geben sollte. Die Tische? Immer reserviert. Der Parmesan? Ein Imitat (eingelegter Milchkäse). Die DDR war eben auch ein Land des alltäglichen Improvisierens.

Doris Burneleit zog nach der Wende an den Kurfürstendamm und ging schnell pleite. Die Dokumentation zeigt eben auch, dass Geschichten des Scheiterns zur Deutschen Einheit dazugehören. Über die Schattenseiten zu sprechen fällt schwer, zumal der Diskurs stark geprägt ist von der Siegermentalität der BRD. Eine Fernseh-Talkshow zwischen Doris Burneleit und drei älteren Herren aus dem Westen zeigt das in aller Schärfe: Rudolf Seiters, deutscher Innenminister zwischen 1991 und 1993, fordert die ostdeutsche Köchin zur Dankbarkeit auf. Aber Doris Burneleit ist nicht dankbar. Warum auch? Den Erfolg, der sich für sie auch im Westen später einstellen sollte, hat die Köchin ihrer eigenen Kreativität zu verdanken – und freilich einer kleinen Portion Glück. Anders als viele andere Menschen war sie jung genug, um sich im Kapitalismus anzupassen.

Die DDR-Begriffe verschwinden

Diese Dokumentation lebt von solchen subjektiven, persönlichen Berichten. Dazu gehört auch Jakob Heins Erzählung über ein Konzert der Westberliner Band Element of Crime am Zionskirchplatz in Berlin Prenzlauer Berg, kurz vor der Wende, das von Neonazis gestürmt wurde, während DDR-Volkspolizisten einfach nur müde zuschauten. Zwischendrin interpretieren die Sprecherinnen und Sprecher 30 gesetzte DDR-Schlagwörter. Was man merkt, ist, dass die DDR auch in ihrer Begriffsgeschichte langsam verschwindet. Wer kennt noch einen Begriff wie „Lager für Arbeit und Erholung“? Trotzdem: In den Köpfen der Menschen ist die DDR noch präsent.

Ja, selbst bei einem so erfolgreichen Künstler wie Norbert Bisky, der es im wiedervereinigten Deutschland zu großem Erfolg geschafft hat. Kurz vor dem Fall der Mauer wurde Norbert Bisky in die NVA zur Grundausbildung eingezogen. Er erlebte die Wende aus dem Auge des Staatsapparats heraus. Im März 1990 flüchtete er aus der Kaserne, ging aber nicht in den Westen, sondern blieb in der DDR, in Ost-Berlin. Volkspolizisten fanden den Geflüchteten, verhafteten ihn und schickten ihn in ein Militärgefängnis. Sechs Monate vor der Wiedervereinigung wurde Norbert Bisky wieder freigelassen. Die Zeit danach war nur bedingt einfacher. Die Irritationen nach der Wende, das Herumirren durch ein ungeordnetes Berlin, all die Gelegenheitsjobs und persönlichen Probleme beweisen – auch Norbert Bisky brauchte Zeit, bis er sich im wiedervereinigten Deutschland einrichten konnte. Die Entscheidung, Künstler zu werden, rettete ihm das Leben. Er hatte Glück – und Talent. Norbert Bisky steht für ein erfülltes Versprechen. Das gibt es schließlich auch – die Erfolgsgeschichten in diesem neuen, wiedervereinigten Deutschland.

„Erzähle Deine Geschichte – Die DDR in 30 Begriffen“, Sonnabend, 3. Oktober 20.15 Uhr, RBB-Fernsehen. Zur Aufarbeitung der Wende hat der RBB ein Multimedia-Projekt gestartet: „Erzähle Deine Geschichte – Vom Mauerfall bis zur Einheit“. Es ist im vergangenen Jahr gestartet und endet am 3. Oktober 2020. Ein Jahr lang war ein Erzählmobil (mit Corona-Pause) unterwegs und hat Menschen über ihre Wendeerfahrungen befragt. Die Interviews sind auf der Seite www.rbb-deine-geschichte.de zu sehen. In der Nacht zu Sonntag werden sie um 00.45 Uhr (4. Oktober) auch im RBB ausgestrahlt.