Georg Seidel (1945-1990)
Foto: Vera Tenschert

BerlinZum 75. Geburtstag von Georg Seidel erscheint an diesem Montag im Quintus-Verlag ein Bändchen mit größtenteils unveröffentlichten Gedichten, Texten und Szenen, die Kristin Schulz aus dem Nachlass des 1990 mit nur 44 Jahren an Krebs gestorbenen Dichters und Dramatikers in der Akademie der Künste geborgen hat. Die Literaturwissenschaftlerin bemüht den Vergleich mit Heiner Müller und beklagt, dass Seidel nicht den ihm zustehenden Ruhm erlangt hat. Ja, das ist bitter, und es ist nicht nur die Schuld der damals wachhabenden Ideologen, sondern auch ein Versäumnis der heute amtierenden Aufmerksamkeitsökonomie.

Der 1945 im zerbombten Dessau geborene Georg Seidel lernte Werkzeugmacher, wurde Bühnenarbeiter in Dessau und schrieb. Als er den NVA-Dienst an der Waffe ablehnte, verlor er den zugesagten Studienplatz am Leipziger Literaturinstitut. Er arbeitete als Beleuchter am Deutschen Theater und schrieb. 1982 rückte er in die DT-Dramaturgie auf und schrieb. Gespielt und schnell abgesetzt wurden seine Stücke in Schwerin („Das Kondensmilchpanorama“, 1980) und am Berliner Ensemble („Jochen Schanotta“, 1985, Regie: Fritz Marquardt). Im DT gab es erst 2011 einen allerdings grandiosen Schanotta, der Andreas Döhler auf den Leib geschrieben schien. 

Buchveröffentlichung

Georg Seidel: Klartext: Bühne oder Feuer. Szenen, Gedichte, Prosa, Szenen. Text aus dem Nachlass, herausgegeben von Kristin Schulz. Quintus-Verlag, Berlin 2020, 176 Seiten, 20 Euro

Seidels Figuren wollen nicht mitmachen. Sie unterwerfen sich nicht, schaden sich selbst, strapazieren die Geduld der Angepasst-Wohlmeinenden, bis diese ihre erbarmungslose Rache nehmen. 

Ab 1987 schlug sich Seidel die drei verbleibenden Jahre bis zu seinem Tod mit bescheiden zunehmendem Erfolg als freischaffender Schriftsteller durch. Postum bekam er den Mülheimer Dramatikerpreis für „Villa Jugend“. Hätte er, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre, Fuß fassen können in der Geschmeidigkeit des schnell einigen deutschen Kulturbetriebs? Hätte er mit seinem  hohen künstlerischen und moralischen Anspruch, seiner Kränkbarkeit und seinem Hass auf die Langeweile des Massengeschmacks die Aufmerksamkeit bekommen, wie sie ihm zu DDR-Zeiten doch wenigstens die Behörden entgegenbrachten? „Wer heute nicht dem Konflikt ausweicht, den hält man für einen Idioten“, schreibt er in einem fiktiven Gespräch. Er wusste also, wofür man ihn hielt.

In seinen DT-Beleuchterjahren zu DDR-Zeiten war er dazu verdammt, auf die nächsten Lichtwechsel zu warten, während seine Stücke in der Dramaturgie vor sich hin schimmelten. „Auf die Bühne oder ins Feuer“ gehörten seine Theaterstücke, verkündet er mit pochender Verzweiflung. „Manchmal möchte ich das Licht wegschalten. Die Schauspieler würden aus der Rolle fallen, die Zuschauer würden aus der Rolle fallen, es gäbe ein anderes Theater. Was für ein Theater?“ 1989, während der friedlichen Revolution, traten die Schauspieler dann aus ihren Rollen heraus, und das Theater spielte in der Realität. Es war ein kurzer Auftritt.