Skeptisch blickte die junge Frau in der Straßenbahn in Udo Hesses Kamera: „Berlin-Köpenick“, 1983.
Artmann Books/Udo Hesse

BerlinErinnern mag sich daran keiner mehr, der damals, vor dem Mauerfall, aus dem Westen in den Osten fuhr. Stacheldraht, Mauer, Zonengrenze. Beklemmende Momente an der Pass- und Zollkontrolle, Befragungen durch die Uniformierten. 1982 betrat der Fotograf Udo Hesse, gebürtiger Rheinländer, Jahrgang 1955 und Westberliner seit 1976, zum ersten Mal mit einem Tagesvisum das Ostberliner Terrain.

Es roch nach Zweitaktmotoren-Auspuff, vor allem von Trabis. Graue Fassaden sagten dem Ankömmling Guten Tag. Triste Straßenzüge, heruntergekommene Häuser, Einrichtungen, Plätze und mattfarbige Schaufensterauslagen grüßten – ganz ohne die bunte Werbung wie im Westteil. Da waren keine Straßencafés, dafür geduldige Warteschlangen an den Eingängen zu guten Restaurants, beim Bäcker, vorm Obst-und-Gemüse-Laden. Dafür hingen überall eine Menge Losungen, die den Sieg des Sozialismus versprachen und den Arbeitskampf für den Weltfrieden beschworen. Im Jahr darauf reiste Hesse wieder mit einem Tagesvisum ein. Es war der 1. Mai 1983. Von den 25 D-Mark Zwangsumtausch konnte der Gast aus dem Westen sich reichlich ernähren, wenn er nur geduldig anstand am Eingang eines der annehmbaren Speiselokale. Am angesagtesten waren bei Wessis das Ganymed am Schiffbauerdamm und das Opernpalais Unter den Linden.

Unweit davon gab es für seine Kamera den großen Aufmarsch an der Karl-Marx-Allee. Das Umtausch-Eintrittsgeld in die DDR brachte da den ganzen Pathos: wehende Banner, in Reih und Glied die Nationale Volksarmee, die reichlich verbissen dreinblickenden Kampfgruppen der Arbeiterklasse, die lachenden Blauhemden der FDJ als Kampfreserve der Partei. Und die niedlichen, fleißig ihre Papierfähnchen schwenkenden Jung- und Thälmann-Pioniere. Natürlich auch die Bestarbeiter der Volkseigenen Betriebe und Kombinate. Sie alle zogen brav vorbei an der Tribüne mit den Ober-Bonzen, Honecker, Mielke und Co. Für die war ihre Welt im Mauerland ja wohl in Ordnung. Das Volk, der große Lümmel, jubelte ihnen ja schließlich zu. Tat jedenfalls so. Was Udo Hesse damals bei wiederholten Besuchen in Ost-Berlin mit seiner Kamera zu geradezu klassischen, schwarz-weißen Fotodokumenten machte, ist heute tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, der Berliner vor allem: Deutsche Teilung, Frontstadt Berlin, Kalter Krieg. Mehltau überm Osten. Und dann der Mauerfall.

Blick auf den Gendarmenmarkt, mit dem noch unrestaurierten Deutschen Dom. Wir schreiben das Jahr 1981, als ersterer noch „Platz der Akademie“ hieß.
Artmann Books/Udo Hesse

Der Stuttgarter Verlag Hartmann Books hat diese Aufnahmen zum Bildband „Tagesvisum Ost-Berlin“ zusammengefügt. Und Udo Hesse, der vor allem in Prenzlauer Berg, Mitte und Köpenick unterwegs war, der die Leute auf den Straßen, in Parks und auf den Rummelplätzen fotografierte, auch die oft dürftig bestückten Schaufenster der Mangelgesellschaft, die alten technischen Ausstattungen, das ganze abgenutzte Ambiente trotz der vielen neuen Plattenbauten, erzählt heute, dass dies aus seiner westlich und auch wirtschaftswundermäßig geprägten Sicht durchaus ein Kulturclash war: „Ich ging durch Ost-Berlin wie durch ein Land, das mich zwar an manchen Stellen an Vertrautes erinnerte, dann aber auch gleichzeitig befremdete.“

Er sagt, es sei die Andersartigkeit der Alltagskultur gewesen, die er wahrnahm, die ihn irritierte und zugleich faszinierte. Auch wenn die Parameter doch übereinzustimmen schienen, schon wegen der Sprache. Es sei die Nachkriegszeit gewesen, deren Spuren überall sichtbar waren, meint der Fotograf heute. „In beiden Hälften Berlins dauerte der Nachkrieg an, aber im Osten noch viel länger.“ Hesse mag kein Pathos. Seine Fotografie ist still, eindrücklich. Und sehr lakonisch.

In vielen von Hesses Motiven, selbst jenen von fröhlichen Jugendlichen, herrscht etwas Beklemmendes. Die Aufnahmen verraten eine seltsame Angespanntheit, die Figuren wirken selbstbezogen, wie konturiert. Möglicherweise hat Hesse damals intensiv wahrgenommen, dass die ostdeutsche Gesellschaft auch eine Nischengesellschaft war, geteilt ins Offizielle und ins Private.  Irgendwie ist diese Gespaltenheit in die Fotos eingesunken. Nur einmal, im Jahr 1982, wurde er verhaftet. Er hatte die Mauer fotografiert, genauer: die Gaffer auf einer Plattform im Westen. Das war streng verboten.  Plötzlich war er ein Verdächtiger. Es kam zum Verhör, die Polizei konfiszierte seine Filme.

Man trifft sich zu einem Kännchen Kaffee, aber ohne Kuchenbüffett: drei Frauenalter in„Berlin -Köpenick, 1983“.
Artmann Books/Udo Hesse

2007 bekam Hesse in der Stasiunterlagenbehörde Einblick in seine Stasi-Akte, darin fand er dann die beschlagnahmten Negative. Und einen erschreckenden Eintrag, der besagt, dass es die Absicht gab, ihn als IM anzuwerben. Passiert ist das Gott sei Dank nicht. Aber als Udo Hesse es erfuhr, war ihm auch 17 Jahre nach der Wiedervereinigung „noch ganz schön mulmig zumute“, wie er bekennt.

Bereut hat er sie nicht, seine Tagesreisen in den kuriosen Alltag jenseits der Mauer. Das, was er sah, worauf er sich seinen Reim machen wollte und was er deshalb festhielt, ist eine Welt, die verschwunden ist. Vergangen, versunken, längst neu und schick überputzt. Hesses Buch voller schwarzweißer Bilder aus Ost-Berlin sind 104 Seiten unverzichtbarer Zeitzeugenschaft.

Udo Hesse: Tagesvisum Ost-BerlinVerlag Hartmann Books, 29 Euro