Er war ein Prachtstück inmitten der Chemie- und Braunkohle-Landschaft – der Bitterfelder Kulturpalast.
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Bitterfeld - Viel Pathos machte im pompösen Bau die Runde und hallte durch die Säle des Bitterfelder Arbeiter-Palastes, dem „Herzstück der neuen sozialistischen Kultur“. Der Schriftsteller Werner Bräunig, damals noch fest an den Sozialismus glaubend und in Aufbruchstimmung wie viele seiner Gefährten, verfasste den Aufruf: „Greif zur Feder, Kumpel! Und lass Dich’s nicht verdrießen, wenn sich das lebendige Wort Dir nicht sofort fügen will.“ Doch ausgerechnet dieser Autor, ein gebürtiger Chemnitzer, den die Literaturkritik 2007 als den „Heinrich Böll des Ostens“ feierte, stürzte mit seinem Wismut-Roman „Rummelplatz“ tief in Ungnade. Bräunig, Jahrgang 1934, Kumpel im Uran-Bergbau der Wismut, Autor, dann ans Leipziger Literaturinstitut delegiert und zum Vorzeige-„Arbeiterdichter“ der DDR geworden, verzweifelte schließlich am Stalinismus. Zuerst, bei seinem Aufruf auf der ersten Bitterfelder Konferenz, war er noch gläubig bis in die Haarspitzen: „Im sozialistischen Staat“, schrieb er, „werden die schöpferischen Kräfte des Volkes, die unter den Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung verkümmern mussten, gepflegt und gefördert.“

1976 starb Bräunig, depressiv, kaputt. Er hatte sich totgesoffen, wohl das tragischste Beispiel eines Arbeiter-Poeten. Sein Wismut-Roman „Rummelplatz“ durfte im realen Sozialismus nicht gedruckt werden. Er galt als antisozialistisch. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 prangerte Erich Honecker „schädliche Tendenzen und Auffassungen" unter den Dichtern an. Namentlich nannte er Stefan Heym, Heiner Müller, Wolf Biermann – und Werner Bräunig. Gegen ihn und seinen ungedruckten Roman wurde im Neuen Deutschland eine Hetzkampagne inszeniert. Erst 2007 verlegte der Aufbau-Verlag den unvollendeten Roman, im Vorwort schrieb Christa Wolf, die Bräunig über all die Jahre  vergebens verteidigt hatte, von „wirklichkeitsgesättigter Prosa“. „Rummelplatz“ hielt sich monatelang auf den Bestsellerlisten des Spiegel.

Und doch hatte dieser unglückliche Arbeiter-Dichter zahllose Kumpel inspiriert und zum Schreiben ermutigt. Er hat es schließlich begrüßt, dass Laien für die „sozialistische deutsche Nationalkultur" gewonnen werden, dass Dichter und Künstler in die Produktion gehen, die Arbeiter Kunst machten. Vor allem sollten sie schreiben: Arbeiterliteratur, Arbeitergedichte. Zusammen mit Bräunig hatte auch die junge Bauingenieurin Brigitte Reimann („Franziska Linkerhand“) die „Schreibenden Arbeiter“ beraten. Bei den obligatorischen Arbeiterfestspielen der DDR, wo auch die LPG-Bauern eng eingebunden waren, kamen diese Texte und Gedichte dann zum Vortrag. 1988 gab es im Bezirk Frankfurt (Oder) die letzten Festspiele dieser Art.

Umgekehrt sollten auf dem „Bitterfelder Weg“ auch Künstler und Kulturschaffende enger an die Werktätigen und das Regime gebunden werden. Kulturelle Entfaltung wie unterhaltsame Bindung des Volkes fanden statt im Palast- Saal mit 1000 Sitzplätzen, in einem Restaurant und auf kleinen Bühnen. Dazu gab es 240 Räume, die Vereine und Zirkel kostenfrei nutzen konnten. 2000 Mitglieder trafen sich regelmäßig im Haus, darunter Chöre und Volkstanzgruppen, Theater-, Foto-, Textil- und Laienmaler. Nationale und internationale Künstler traten auf, im Jahr 1965 gab der junge Udo Jürgens ein Konzert. Und das DDR-Fernsehen zeichnete so manche Unterhaltungsshow auf, Theaterstücke wurden aufgeführt.

Im Kupa, wie der Bitterfelder Palast liebevoll genannt wurde, ein Bau von 1954 im Stil der nachkriegsmodernen neoklassizistischen Monumentalarchitektur nach sowjetischem Vorbild, hatte 1959 der so legendäre wie berüchtigte „Bitterfelder Weg“ begonnen, ausgerufen vom SED-Chef Walter Ulbricht höchstselbst. Proklamiert wurde die sozialistische Kulturpolitik der jungen DDR. Unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel!“ waren Werktätige aufgerufen, sich im Sinne der sozialistischen Ideologie künstlerisch zu betätigen. Im Frühling des Jahres 1959 fand im Kulturpalast die erste von zwei Autorenkonferenzen des Mitteldeutschen Verlages statt. Bekannte wie namenlose Autoren sollten in ihren Büchern den Arbeitsalltag in den Fabriken, Schächten, in der Landwirtschaft – selbstredend positiv und der Zukunft zugewandt – beschreiben. Und die Werktätigen selbst sollten „schöpferisch tätig“ werden und die Höhen der Kultur erstürmen.

Nach dem Mauerfall blieb das Vorzeigehaus der sozialistischen Kultur leer. In der DDR wurden von Suhl bis Leuna, von Unterwellenborn bis Usedom 2000 Kulturhäuser und „Arbeiterklubs“ gebaut oder in historischen Villen eingerichtet. Den Kupa kaufte nach 1990 ein Privatunternehmer für einen symbolischen Betrag, er sanierte ein wenig und dann gab es bis 2015  wieder Veranstaltungen. Eine davon war ziemlich spaßig, weil mit slapstikhafter Ironie gewürzt: Unter dem Titel „Kunst. Was soll das?“ luden der gebürtige Bitterfelder, aber in den Westen geflüchtete Grafiker Klaus Staeck und die Berliner Kunsthistoriker Eugen Blume und Christoph Tannert 1992 zur „3. Bitterfelder Konferenz“.

Im Jahr 2015 schien das Schicksal des Kupa besiegelt zu sein: Da war Schluss mit lustig, der Betreiber gab auf, das Haus machte dicht, wurde ungeliebtes Eigentum der Chemie-Bitterfeld-Wolfen GmbH. Die stellte 2017 den Abrissantrag. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Der Palast gehörte zum Leben der Bitterfelder, sie hatten darin schöne Stunden verbracht. Einwohner und Stadtpolitiker aller Parteien protestierten. Schließlich hatten die  Braunkohle- und Chemiearbeiter den Palast selber gebaut. 5000 Leute schleppten damals nach Feierabend, an Wochenenden, Steine, mauerten, malerten, putzten.

Ein Mann aus Sachsen-Anhalt mit Visionen für den Bitterfelder Kulturpalast: Matthias Goßler, Chef der Veranstaltungsfirma Splitter in Sandersdorf
Foto: splitter-promotion

Jetzt ist die Abrissgefahr ein für allemal abgewendet: Der Kupa, das Monument der DDR-Moderne, steht unter Denkmalschutz, denn von dieser Architektur gibt es nur noch zwei andere Bauten, den bereits arg verfallenen Kulturpalast in Schkopau und in Zinnowitz auf der Insel Usedom. Der wird gerade zum Areal für Luxus-Eigentumswohnungen.

Aber ein Wiederaufleben des Bitterfelder Kulturpalastes ist nur möglich mit einem betriebswirtschaftlichen Konzept. Die Stadt Bitterfeld kann das nicht allein leisten. Und so steigt ein benachbartes Unternehmen in den Ring: Matthias Goßler, Chef der Veranstaltungsfirma Splitter in Sandersdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, ist fest entschlossen, den Kupa zu retten. Er will aus dem denkmalgeschützten Gebäude ein Veranstaltungszentrum für Messen, Empfänge, Konzerte und große Firmenveranstaltungen machen. Umbaukosten: bis zu zehn Millionen Euro. Dafür hat er einen Förderantrag beim Bund gestellt. „Das Programm Nationale Projekte des Stadtbaus passt eins zu eins auf unser Projekt“, sagt der kühne Visionär, auch wenn in jetzigen Corona-Zeiten allen ehrgeizigen Plänen, aller Euphorie Dämpfer aufgesetzt sind. Und siehe da: Der Bund zeigt sich bereit, dem Investor fast  viereinhalb Millionen Euro dazuzugeben, wie vor Tagen der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete. Fehlt noch der große Rest. Was könnte das Land Sachsen-Anhalt dazugeben? Gibt es Sponsoren? Wären Bürger-Spenden aus Stadt und Landkreis hilfreich? Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Auch in Bitterfeld.