Wolf Biermann während eines Konzerts in der TU Berlin
Foto: imago images/Jürgen Ritter

Als wir vom Grenzübergang Friedrichstraße aus ins Offene traten, wussten wir, wohin wir zu gehen hatten. Vor dem Haus in der Chausseestraße 131 hielten wir kurz inne und gingen dann weiter zum Dorotheenstädtischen Friedhof. In Gedanken waren wir schon oft hier gewesen, so nachhaltig hatten sich Biermanns Lieder in unserem Unbewussten festgesetzt. Hier, auf dem „Hugenottenfriedhof“, war die geistige Republik, auf die wir uns mit Biermann beriefen, auf ihre ganz eigene Weise beseelt. „Wir geh’n manchmal zwanzig Minuten ...“ – länger hatte es tatsächlich nicht gedauert.

Es war das Jahr 1977, zu unserem ersten Besuch in Ost-Berlin folgten mein Bruder und ich einem literarischen Kompass, zu dem Biermann die Melodien beigesteuert hatte. Mehr als 40 Jahre später kann es noch immer passieren, dass ich in der Stadt, in der ich seit 40 Jahren lebe, eine Entdeckung mache, zu der mir aus dem Gedächtnis ein paar Zeilen in die Quere kommen. Es ist zweifellos eine sehr individuelle Form der Stadtaneignung, aber sie macht mir immer wieder auch bewusst, wie sehr literarische und biografische Topografien sich aufeinander beziehen. Zufall, woran man hängenbleibt und woran nicht. Aber welcher Zufall beruht schon auf Zufall?

Eine ganz andere Art erfahrungsgesättigter Kulturgeschichte hat nun der Berliner Autor Marko Martin vorgelegt, der in seinem Buch „Die verdrängte Zeit“ die weithin ausstrahlenden Leuchttürme der Kultur des Ostens neu besichtigt und sich auf eine lustvolle Suche nach dem Verborgenen begeben hat.

Nina Hagen im DDR-Rundfunkstudio.
Foto: Imago

Ein flüchtiger Blick ins Register bleibt an den Zahlenkolonnen jener Verweise hängen, die Bedeutung suggerieren. Christa Wolf, Wolf Biermann, Sarah Kirsch und Ulrich Plenzdorf – you name it. Ein solches Vorgehen aber führt in die Irre. Marko Martins Kulturgeschichte der DDR besteht aus Seiteneinstiegen, Nachträgen und Zusätzen und macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie sehr die beiden deutschen Staaten sich gerade in künstlerischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht aufeinander bezogen oder auch abstießen.

In diesem Sinne weist Marko Martin auf die besondere Rolle des West-Berliner Radio-Journalisten Olaf Leitner für die Entwicklungsgeschichte des Ost-Rocks hin. „Im Radio gehört wurde jedenfalls nicht DT64, sondern Rias 2. Deutsch-deutsche Feedback-Arabesken auch hier: Was uns an DDR-Rockmusik interessierte, erfuhren wir aus den Musiksendungen von Olaf Leitner, dem Rias-Redakteur mit dem meisten Wissen über die Szene(n) hinter der Mauer.“ Und zum Verständnis der rauen Wirklichkeit des Ostpunks, aus dem nicht zuletzt die Band Rammstein hervorgegangen ist, sollte nicht übersehen werden, dass die Szene, die diesem Lebensgefühl einer radikalen Gegenwärtigkeit Ausdruck verleihen wollte, einen besonderen Schutz- und Aufführungsraum in den Kirchen des Landes fand.

Der Verweis auf Olaf Leitner darf allerdings nicht in dem Sinne missverstanden werden, dass selbst die eigenwilligsten Varianten kreativer Schöpfung vom Westen aus kolonisiert wurden. Noch immer lastet auf der Kultur des Ostens das grandiose Missverständnis, dass sie in einem dubios magischen Viereck von Puhdys, Biermann, Nina Hagens „Farbfilm“ und „Solo Sunny“ zu verorten sei. Die Puhdys kommen in der empathisch betriebenen und dabei sehr genauen kulturellen Kartografie Marko Martins kaum vor, während es ihm ein besonderes Anliegen ist, Bettina Wegner von der Fixierung aufs Kinderlied „Sind so kleine Hände“ zu befreien.

Der flapsig-geschichtsvergessenen Bemerkung, dass nach über 30 Jahren auch einmal Schluss sein müsse mit den alten Stasi-Geschichten, begegnet Marko Martin mit einer eindringlichen Erinnerung an die literarische Bedeutung von Jürgen Fuchs, dessen Krebserkrankung mutmaßlich auf eine Sonderbehandlung der Stasi zurückzuführen ist. Gilt das auch für den ebenso mutigen wie melancholisch-lebenslustigen Gerulf Pannach, der zur legendären Renft-Combo gehörte und zusammen mit seinem Freund und Kollegen Christian „Kuno“ Kunert nach der Biermann-Ausbürgerung in den Westen gespült wurde? Kunert ist ein Überlebender jener Generation, für die in mancherlei Hinsicht Thomas Braschs düster-prophetische Beschreibung gilt: „Vor den Vätern sterben die Söhne.“

Und leider auch die Töchter. Marko Martin führt in immer wieder neuen Anläufen aus, wie wichtig die großen Schriftstellerinnen Brigitte Reimann, Maxie Wander, Christa Wolf, Inge Müller, Sarah Kirsch, aber auch Helga Schubert, Monika Maron und Helga M. Novak für die geistig-intellektuelle Osterweiterung waren und sind. Von Tragik gezeichnet sind viele dieser Biografien. Manch eine, wie die der Christa Moog, die in ihren literarischen Suchbewegungen wieder zu entdecken wäre, zog sich souverän ins Leben zurück. Tief im Friedenauer Westen betreibt Moog, die 1988 den zu Unrecht vernachlässigten Roman „Aus tausend grünen Spiegeln“ veröffentlicht hatte, heute ein Literaturhotel, das bevorzugt von schreibenden Kollegen, aber auch von Lesern aufgesucht wird, die für ihre Wege von da nach hier die Verortungen in Lyrik und Prosa den Koordinaten eines mobilen Navigationssystems vorziehen. Der verdrängten Zeit, so zeigt Martins Buch, ist mitunter ganz leicht beizukommen. Wieder lesen, neu lesen. Eine stattliche Literaturliste ebnet den Weg für einen leichten Einstieg.

Marko Martin: „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens“. Tropen-Verlag, 428 Seiten, 24 Euro