Im Bilderkeller der Akademie der Künste: Wandmalereien à la Picasso von Harald Metzkes.
Foto:  Andreas (Franz Xaver) Süß

BerlinDer Ort galt als Geheimtipp. Lange wussten nur Eingeweihte aus dem Umkreis der Akademie der Künste davon. Im Keller des Gebäudes Pariser Platz 4 gibt es Wandbilder von enormer Wirkung. Wilde, expressive, surreale Faschingsmalereien der einstigen AdK-Meisterschüler, deren Professoren die Jungen gewähren ließen, damals, in den Jahren 1957 und 1958, in denen die DDR noch vom Stalinismus durchdrungen war. In den Katakomben aber gab es keine Zensur.

Nun hat die Akademie der Künste ein Bilderbuch mit informativen und unterhaltsamen Essays herausgegeben. Jedem der Keller-Maler sind mehrere Buchseiten mit Abbildungen gewidmet: Manfred Böttcher (1933–2001), Harald Metzkes, im Januar 90 geworden, Ernst Schroeder (1928–1989), der noch bei dem Brücke-Expressionisten Max Pechstein studiert hatte, Horst Zickelbein, der mit fast 95 auf Bornholm lebt, und dem berühmten Steinbildhauer Werner Stötzer (1931–2010), bis ins hohe Alter selbst Akademiemeister.

Malerische Spuren im Keller

Sie alle hinterließen im Nachbarkeller des Hotels Adlon malerische Spuren: knallige bis existenzialistisch schwarze, vom vielen Sartre-Lesen scheinbar verdunkelte Bilder. Ein so illustres wie vielsagendes Stück deutscher Nachkriegs-Kunstgeschichte.

Schröder malte „Verbotene Landschaften“, Stötzer eine laszive „Dienstmädchen-Ballade“. Es scheint beinahe gleichgültig, wer was gemalt hat. In der Ecke prangen in Schwarz und Rot Sektgläser und Flaschen – damals stand dort die Bar, geschätzt auch von den ehrwürdigen AdK-Meistern, die zudem, wie im Falle Fritz Cremers, standhafte Verteidigungsreden halten mussten für ihre Schüler gegen den Anwurf der Kunstfunktionäre, diese Kunst sei westlich-dekadent und formalistisch.

Der Kohlenkeller der ehemaligen Preußischen Akademie taugte bestens als rustikaler Partyort. Den hatten sich damalige Meisterschüler, die tatsächlich nach der westlichen Moderne schielten, aber die DDR keinesfalls verlassen wollten, für den Fasching hergerichtet. Es sind experimentierfreudige und erotische Szenen. Weiße Strichmännchen ähneln Höhlenmalereien oder lassen an Marionettentheater denken, so wie Manfred Böttcher diese Gestalten auf die ruß-grundierte Wand gemalt hat. Und zwar lange vor A.R. Pencks archaischen Gestaltzeichen.

Metzkes lässt an Mackie Messer denken

Harald Metzkes, der Jahre später mit seinen tiefsinnigen, metaphorischen Motiven zur Commedia dell’Arte in ganz Europa berühmt werden sollte, war damals noch ganz auf dem Picasso-Trip, malte Venus, die Schaumgeborene, an eine Säule oder zitierte über Eck in Weiß auf Blau und Rot die erotischen Akte des Spaniers.

Von Metzkes ist auch das bacchantisches Jagdfest mit großem Halali und röhrendem Hirsch. Wilddiebe benehmen sich beim Festmahl wie schmatzende Schweine, und Gestalten in Frack und Zylinder lassen alle - stummfilmgleich - an Brechts „Dreigroschenoper“ und die zwielichtige Gestalt des Mackie Messer denken.

Im vergangenen Herbst hatte ich die Möglichkeit, diesen Bilderkeller zu besuchen. Man musste sich anmelden, immer nur eine Handvoll Personen bekamen eine Führung. Der Ort taugt nicht für Massenpublikum; es darf, ganz ähnlich wie bei Höhlenmalereien, nicht zuviel Atemfeuchtigkeit in die fensterlosen Räume, denn die würde die alten Wandgemälde zerstören.

Ihre Freiheit: Narrenfreiheit

Derzeit ist wegen der Corona-Pandemie ein Besuch nicht möglich. Wie gut, dass es jetzt dieses Buch über das Kuriosum gibt, mit dem man von zuhause aus in die Katakomben abtauchen kann. Man riecht beim Blättern nicht diese geheimnisvolle Mischung aus Farbkonservierungsanstrich und Salpeter. Aber die stummen Zeitzeugen an den Wänden aus der frühen DDR-Zeit sind sehr beredt. Die Motive, die an Picasso, die Brücke-Maler, an die Surrealisten oder Art-Brut-Maler wie Dubuffet denken lassen, sind so weitab von sozialistischen Heldenbildern und kommunistischen Idyllen, inspiriert von der klassisch-modernen Avantgarde.

Auf Buchseiten reproduziert, sieht man die mit Ruß geschwärzten oder gelbweißen Bildgründe. Und darauf prangt Kunst aus einer Zeit, in der Berlin noch in Trümmern lag, aber alles möglich schien. Niemals hätte oben, in den offiziellen Ausstellungen für den Aufbau des Sozialismus, gezeigt werden können, was hier unten gemalt wurde. Die jungen Meisterschüler von Otto Nagel, Gustav Seitz, Heinrich Ehmsen und Fritz Cremer hatten sich da unten im Keller ein ziemliches Stück Freiheit herausgenommen: Narrenfreiheit.

Angela Lammert und Carolin Schönemann (Hrsg.): Bilderkeller. Wandmalereien im Keller der Akademie der Künste. Mit einem Fotoessay von Roman März. Akademie der Künste, Berlin, 2019. 208 S., 100 Abb. 15 Euro